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"Guardian" auf Sparkurs: Hochangesehen - und klamm

Foto: Martin Gerten/ picture alliance / dpa

Kurswechsel beim "Guardian" "Zeitung? Das ist doch 19. Jahrhundert"

Guter Ruf, schlechte Zahlen: Umsatz und Leserschaft des linksliberalen "Guardian" schrumpfen, der Jahresverlust ist konstant hoch. Jetzt soll sich das Londoner Blatt gesundschrumpfen, Investitionen sollen nur noch in die Online-Ausgabe fließen - die Redaktion ist skeptisch.
Von Sebastian Borger

Der Vertrieb von Zeitungen, sagt ein Londoner Experte, sei doch eigentlich "eine Sache aus dem 19. Jahrhundert". Bäume abholzen, Papier bedrucken, mitten in der Nacht die Stapel mit der neuesten Ausgabe durchs Land karren - diese Vorgehensweise der Nachrichtenverbreitung "ist betriebswirtschaftlich überholt".

Der Mann sollte es wissen. Alan Rusbridger, 57, ist seit 16 Jahren Chefredakteur des linksliberalen "Guardian". Das im nordenglischen Manchester gegründete Blatt beging in diesem Jahr seinen 190. Geburtstag, doch zu feiern gibt es wenig, wie die jüngsten Geschäftszahlen demonstrieren: Die Auflage sank in den vergangenen fünf Jahren um 31 Prozent, die Erlöse aus Stellenanzeigen gingen binnen vier Jahren um umgerechnet 46 Millionen Euro zurück und, so hat es Rusbridger der BBC anvertraut, "kommen nicht wieder".

Der Umsatz von Guardian News&Media (GNM), zu dem auch die Sonntagszeitung "Observer" gehört, lag im Geschäftsjahr bis März 2011 um gut zehn Prozent niedriger als im Vorjahr. Annähernd gleich geblieben ist nur der Jahresverlust: Nach 38,7 Millionen im Jahr zuvor diesmal 37,1 Millionen Euro. Wenn die wirtschaftliche Lage sich nicht verbessert, prophezeit der Leiter des Mutterkonzerns Guardian Media Group (GMG), Andrew Miller, "könnte uns in drei bis fünf Jahren das Geld ausgehen".

Print-Redaktion schrumpft, Online bleibt gratis

Weil es so weit nicht kommen soll, haben Rusbridger und Miller dem schlingernden Leitmedium der linksliberalen Intelligenz auf der Insel einen drastischen Sparkurs sowie eine Vision mit dem schönen Titel "Digital First" verordnet. In Zukunft sollen alle Investitionen der hochangesehenen Website guardian.co.uk  zugutekommen, die dem digitalen Marktforscher comScore zufolge Platz 5 in der weltweiten Beliebtheits-Skala englischsprachiger Nachrichtenmedien belegt (Platzhirsch: "New York Times").

Von durchschnittlich 2,8 Millionen Unique Usern wurde die "Guardian"-Website im Mai täglich angeklickt, eine Steigerungsrate um 241 Prozent gegenüber 2007. Während die Bereitstellung von Nachrichten auf iPhone und Androids Geld kostet, planen die "Guardian"-Leute - anders als der Marktführer "NYT" oder Rupert Murdochs Londoner "Times" - keine Paywall für ihre Website. "Das funktioniert nicht", glaubt Rusbridger. "Der Journalismus wird umso besser, je offener er ist." Folgt man dieser Logik bis zum Schluss, müsste dies eigentlich die Umwandlung des "Guardian" in eine Gratiszeitung zur Folge haben.

Nüchterner hat es Verlagsmanager Miller in der "Financial Times" gesagt: "Wenn man Kundschaft ausschließt, beraubt man sich digitaler Möglichkeiten" - die ohnehin noch allzu raren Anzeigenkunden liefen davon. Dabei sieht Millers Konzept eine Verdoppelung der digitalen Einnahmen bis 2013 auf 102 Millionen Euro jährlich vor.

Im Keller des GNM-Redaktionshaus am Regents Canal gibt es zwei feine Kammermusiksäle. Doch in den Etagen darüber herrscht Unsicherheit. Natürlich seien sich die 630 Journalisten darüber im Klaren, "dass der 'Guardian' in ernsten Schwierigkeiten steckt", sagt ein Insider. Insofern kommt der jetzt verkündete Sparplan von mindestens 28 Millionen Euro bis 2016 nicht überraschend. Im Gegenteil: Auf den Redaktionsfluren wird dem Management vorgeworfen, zu lang mit den Einschnitten gewartet zu haben. Der konservative "Telegraph" hat schon vor Jahren Dutzende seiner besten Journalisten entlassen, der längst nicht mehr unabhängige "Independent" (Besitzer ist der russische Milliardär Alexander Lebedew) kommt mit nur noch 180 redaktionellen Mitarbeitern zurecht.

Freilich merkt man beiden Konkurrenzblättern an, dass sie in den langen Jahren des Niedergangs personell ausgeblutet sind. Angesichts solcher Negativ-Beispiele sind viele "Guardian"-Leute pessimistisch: "Ich bin skeptisch, ob das Management den 'Guardian' in die Gewinnzone bringen kann", sagt einer.

Entlassungen per BBC-Interview angekündigt

Zunächst leidet das Arbeitsklima unter den massiven Jobverlusten, die Rusbridger angekündigt hat: "Wir müssen uns von einer erheblichen Anzahl Mitarbeiter trennen, am besten auf freiwilliger Basis und nach einer zivilisierten Unterhaltung." Dass der Chef es seinen Leuten so deutlich nicht ins Gesicht sagen mochte, sondern ein BBC-Interview  dazu benutzte, hat die Stimmung nicht gerade verbessert. Für die zukünftig dünnere Zeitung wünscht sich der Chefredakteur statt Nachrichten mehr Analyse - ein Konzept, mit dem auch viele deutschsprachige Zeitungen dem wirtschaftlichen Ruin zu entgehen versuchen. Leserbefragungen seiner Kundschaft hätten ergeben, berichtet Rusbridger, "dass die Hälfte uns erst abends liest". Die Nachrichten hätten sie dann längst auf digitale Weise erfahren, gefragt sei Hintergründiges.

Gegner der neuen Strategie befürchten eine Abkehr von der Maxime des berühmtesten "Guardian"-Chefredakteurs. "Kommentare sind frei, Fakten sind heilig", hatte der 57 Jahre lang amtierende Charles Scott (1846-1932) seinen Nachfolgern auf den Weg gegeben. Zu den Kritikern des derzeitigen Amtsinhabers zählt ausgerechnet dessen Vorgänger Peter Preston, der den "Guardian" 20 Jahre lang führte und im "Observer" eine einflussreiche Medienkolumne verfasst. In der jüngsten Ausgabe lobt Preston wortreich sowohl das Millionenblatt "Daily Mail" als auch das Wochenmagazin "Economist" - zwei Medien, deren digitales Geschäft "der Verteidigung" des Druckprodukts dient anstatt seiner Ablösung.