Sibylle Berg

Leben im Netz Das große Nichts

Das Netz ist toll. Es ist bequem. Bücher, Platten, unsere Daten - nichts gehört mehr uns. Und dem Hirn ging es auch schon mal besser.
Foto: Dominic Lipinski/ dpa

Was macht es eigentlich mit dem Gehirn der Menschen, wenn ihr Dasein zunehmend virtuell stattfindet? Was macht es jenseits von philosophischen Aufsätzen, die keiner liest und der Auswertung des Ocean-Persönlichkeitstests? Wie verändert sich das Offlinedasein, wenn die Musik in Clouds und Streamingdiensten stattfindet, die Filme, die Bücher, die Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist? Was passiert denn dann in der 1.0-Welt mit der Feuchtausstattung, die man durch den Winter tragen muss, in einer Menschengeschwindigkeit, die so langsam ist?

Im Netz ist das Leben schnell. Irgendein Spacken kommentiert irgendwas - Trumps Haare, was irgendein Star, der auch nur online existiert, sagt oder tut. Irgendein gefälschtes Video von irgendwas geht viral. Und - die Medien greifen es auf. Im Fernsehen, das man online sieht, in den Onlinezeitungen werden Twitter- und Facebookmeldungen und -filme von irgendwelchen Honks oder Bots zitiert. Irgendjemand hat etwas gepostet. Na super.

Vollkommen logisch, dass die Menschen Politik langweilig finden und lieber für abgehalfterte Reality Stars oder schlechte Komiker stimmen. Falls sie abstimmen. Denn in Ländern, wo das online passiert, sind es vielleicht Bots, die voten oder Malware aus China. Egal.

Es ist alles egal geworden, weil es immer weniger gibt, das real stattfindet, das ein anderes Gefühl herstellt, außer Gereiztheit. Die Menschen scheinen einen Hass auf ihr Dasein zu entwickeln, wenn es außerhalb des Netzes stattfindet. Demonstrationen zum Beispiel, oder in eine Partei einzutreten, Mahnwachen, Widerstand, all das Zeug ist unattraktiv, mühsam, außerhalb macht man nur noch Aktionen, wenn sie Gewalt und Hass beinhalten, damit sie im Ansatz ein Onlinegefühl erzeugen, oder man bleibt im Netz. Da kann man doch so großartig politisch arbeiten. In Troll-Fabriken aktiv werden, Videos oder Stimmen faken.

Was macht es mit dem Menschen, wenn das Gehirn fragmentiert ist, die Aufmerksamkeitsspanne nanosekundenlang, die Fähigkeit zum kreativen Denken zerstört? Was machen 2,5 Milliarden Dosen Ritalin mit dem Hirn, mit dem Gefühl - außer dass sie Depressionen fördern und auch hier wieder die Kreativität killen, weiß man noch nicht mehr. Außer dass die sechs Firmen, die das Medikament herstellen, ausgezeichnet verdient haben. Apropos. Seit jeder sich in irgendeiner Form äußert, Teil der Öffentlichkeit ist, Freunde findet, die vielleicht Bots sind, ist das Gefühl des Einzelnen, wichtig zu sein, in seltsame Größenordnungen gestiegen.

Jeder hat das Gefühl, die Welt kreise um ihn, seine Meinung ist wichtig, seine Bewertung kann Restaurants ruinieren, sein Kommentar demütigt Politiker, seine Krankheit - die einmaligste, er hat das nachgesehen, der Mensch, er kann alles, der Mensch, er hat Tutorials gesehen, Klimawechsel - schon begriffen. Cern - alles klar, Magenoperationen. Kann er selber. Komm mal her, Gertrud. Gertrud ist jetzt tot. Aber online lebt sie weiter.

Second Life war der Probelauf. Jetzt sind wir alle im Second Life, hurra. Milliarden halten sich in einer neuen Welt auf, deren Grundfunktionen sie noch weniger durchschauen als die der sogenannten Realwelt aus Lava und Atmosphäre, sie wissen schon, das Ding da draußen. Milliarden haben keine Ahnung, wie ein Rechner funktioniert, Algorithmen, wie man manipulieren kann, was manipuliert wird, sie starren auf Pixel und vertrauen. Was ja eigentlich rührend ist. Der Einzelne hat die Relation seiner Bedeutung komplett verloren, verloren das Gefühl, ein Wurm unter Milliarden zu sein.

Das macht so wütend, so wütend, dass man im Netz das Gefühl hat, alles hinge von der eigenen bescheuerten Meinung ab. Und draußen, wenn man dann rumläuft, in Zeitlupe, mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein. Was macht es mit dem Menschen, wenn nichts mehr anfassbar ist, alles vielleicht Fake, wird der Mensch dann selber zum Fake, der sich nur in die Realität zurückbefördern kann, in dem er sich Chips in den Cortex schießt?

Es ist doch großartig für die Demokratie, dass jeder sich jetzt Gehör verschaffen kann. Ja nun - konnte der einzelne in demokratischen Systemen auch früher. Es stand jedem frei, Leserbriefe zu schreiben, Parteiarbeit zu machen, eine Zeitung zu gründen oder Wissenschaftlerin zu werden. Es war nur einfach - anstrengender und langsamer. Und das mag keiner mehr, in der Zeit, in der jedes Bedürfnis in Sekunden erfüllt, jeder Scheiß in Sekunden rausgebrüllt werden muss.

Das Denken verkümmert, weil es zu anstrengend ist. Das Mitgefühl verdorrt, weil Erregung im Netz in Sekundenbruchteilen stattfindet. Die Frustration wächst, weil das 1.0-Leben so langsam und langweilig ist, und dann wählt man eben irgendeinen Stuss, der das Erregungslevel am Leben erhält, weil es bekannt ist und klingt wie Gepöbel im Netz, darum wählt man 5 Stelle, wegen Online-Partei, dann wartet man darauf, dass man endlich für sein Dasein gewürdigt wird.

Das fucking Netz, einmal für Armee und Wissenschaft gegründet, ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration. Was dagegen hilft sind nur Aktionen im 1.0-Dasein. Angebote, die zu Bewegungen werden können, als Gegengewicht zu aus dem Netz in die Straßen verlagertem Hass. Sage ich. Ihnen online. Schreibe ich als Technikfan, als Bot, der ich bin. Abschalten, und wieder leben. Die Langsamkeit wieder lernen. Das wäre mal die erste Idee.