Pfarrhaus-Kulturgeschichte Macht über Menschen

Gehorsam, Zucht und Ordnung: Das Deutsche Historische Museum präsentiert in der Ausstellung "Leben nach Luther", wie die Kirche seine Anhänger erzogen hat. Doch auch die Verfehlungen im Nationalsozialismus und der Widerstand gegen das DDR-Regime werden gezeigt.

Einen besseren Zeitpunkt für die Ausstellung "Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses" hätte die beste PR-Agentur nicht finden können. Denn während in dieser Schau im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird, wie bis ins 19. Jahrhundert das züchtige und bescheidene protestantische Pfarrhaus die Projektionsfläche für familiäre und gesellschaftliche Ideale war, empört man sich in Deutschland nicht nur unter Katholiken über die Verschwendungssucht, den autoritären Führungsstil und den Hochmut des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Da liegt der Gedanke an den großen Glaubenserneuerer Martin Luther nahe, der 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg nagelte und sich gegen Ablassbriefe wandte, mit deren Einnahmen zum Beispiel der Bau des Petersdoms in Rom oder die Schulden eines Erzbischofs finanziert werden sollten. Der Anlass für die Ausstellung ist aber das nahende Reformationsjubiläum und davon ist "Leben nach Luther" die erste große Ausstellung, die nicht nur historische Themen, sondern auch gegenwärtige Herausforderungen wie schrumpfende Gemeinden und neue Arbeits- und Partnerschaftsmodelle thematisiert.

Die Idee dazu sei schon vor fast zehn Jahren entstanden, berichtet der Kurator Bodo-Michael Baumunk, dem es gelungen ist, viele wunderbare Gemälde auszuleihen. Mit ihnen oder anderen wichtigen Objekten beginnt leitmotivisch jedes der sechs Kapitel der Ausstellung.

Die Abschaffung des Zölibats

Das erste Kapitel heißt "Der geistliche Stand im Protestantismus" und wird eingeleitet mit einem Bild von 1646, das einen Pastor als Hirten in einer Landschaft zeigt, umringt von Schafen. Zwei Reformen prägen das Bild der Zeit: die Abschaffung des Zölibats und die Studienpflicht für Geistliche. Beides vermitteln Porträts von Pfarrern und ihren Ehefrauen, von Luther als Gelehrtem, Ehemann und Familienvorstand. Komisch ist der Heiratsantrag eines Diakons, an dessen Rand eine Baronesse von Endt ganz unchristliche Kommentare über das "leckere Original von einem Priester, welches seine jugendliche Liebe ... im Alter nach pietistischem Glauben aufwärmt" geschrieben hat.

Das Kapitel zwei, "Amt und Habitus", zeigt Amtskleidung wie die ersten schlichten Talare für Pastorinnen und einen orangeroten Talar, den ein Stuttgarter Vikar 1971 zu seiner Predigt zum zweiten Dienstexamen trug, in der es um eine provokante antikapitalistische Deutung des Turmbaus zu Babel ging. Zu sehen sind Einrichtungen von Kirchen und Arbeitszimmern, Bilder vom Pfarrerbesuch am Bett einer alten Frau oder fröhliche zur "Taufvisite".

In der Abteilung "(Seelen-)Haushalt" ist ein Ausschnitt aus Michael Hanekes Film "Das weiße Band" zu sehen, der das Pfarrhaus als bedrückenden Raum zeigt. Der Film wird mehrmals in ganzer Länge im Begleitprogramm gezeigt. Fragen nach Sexualität und Fortpflanzung werden in dieser Abteilung gestellt, das Milieu des Pfarrhauses und dessen Kultur charakterisiert. Um 1800 ist man eher weltzugewandt und aufklärerisch, um 1900 schwer konservativ, nationalistisch und oft antisemitisch.

Ein Pfarrer erschoss Juden

Politisch und bedrückend wird es im Kapitel "Zwei Reiche", in dem es um die Kirche in der NS-Zeit und später im geteilten Deutschland geht. Bilder von Pfarrer und Gemeinde beim Hitlergruß und Massenveranstaltungen der nationalsozialistischen Deutschen Christen (DC) sind zu sehen, auch eine gelbe Mitgliedskarte der DC und daneben eine rote der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Nazis formierte. Dokumente werden gezeigt, wie ein Brief, in dem sich der DC-Pfarrer Walter Hoff 1943 der Beteiligung an einer Massenerschießung von Juden rühmte. Es kostete ihn später lediglich sein Pfarramt. Mut zeigte die Berliner Pfarrfrau Agnes Wendland, die mit einem Unterstützerkreis Juden versteckte.

In den achtziger Jahren engagierten sich Pfarrer im Westen Deutschlands gegen Atomkraftwerke und gegen die Startbahn West, für die Friedensbewegung und für die Ehe von Schwulen- und Lesben. In der DDR leistete die Kirche Widerstand gegen das Regime. Zu sehen ist zum Beispiel ein Film über den Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich am 18. August 1976 in Zeitz mit Benzin übergoss und anzündete. Wenige Tage später erlag er seinen Verbrennungen.


Ausstellung "Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses". Deutsches Historisches Museum  in Berlin, bis 2. März 2014. Katalog 25 Euro.

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