"Lebensborn"-Kind Heidenreich Standartenführer Herzelein

In der Schule wurde das "Lebensborn"-Kind Gisela Heidenreich als "Zuchterfolg" gehänselt, später verarbeitete sie ihr Trauma in zwei Büchern. Die sind deutlich besser als die Verfilmung ihrer Geschichte im "Lindenstraße"-Stil.


Manchmal, wenn die Mutter mit ihrer kleinen Tochter unterwegs war, wechselte sie plötzlich die Straßenseite und wies das Kind an, zu bleiben, wo es war. Oder die junge Frau ließ abrupt die Hand des Mädchens los, wandte sich ab und starrte in ein Schaufenster. Einmal fuhren sie im Bus, saßen hintereinander. Und als eine Bekannte fragte, wer denn die Kleine sei, antwortete die Mutter: "Das Kind meiner Schwester."

Das Kind heißt Gisela Heidenreich. So ist die heute 63-Jährige aufgewachsen, jahrelang verleugnet, immer in dem Gefühl, besser nicht geboren zu sein, weil sie unehelich und in einem "Lebensborn"-Heim der Nationalsozialisten in Oslo zur Welt gekommen war. 50 Jahre ist sie alt, als sie es 1993 nicht mehr aushält: Die studierte Familientherapeutin macht sich auf den Weg nach der eigenen Biografie, gemeinsam mit der greisen, störrischen Mutter, deren Verstrickungen in die Nazipolitik die Tochter aufdecken will. Ihr 2004 erschienenes Buch "Das endlose Jahr" ist ein Dokument schmerzhafter Identitäts- und Wahrheitssuche - und ein Bestseller, der die Vorlage lieferte für den Fernsehfilm "Sie ist meine Mutter".

Damit nicht genug. Kaum hatte die Autorin mit den Lieblosigkeiten und Lügen der unzugänglichen Mutter ihren Frieden gemacht, da entdeckte sie im Nachlass der Verstorbenen einen 265 Dokumente dicken, leidenschaftlichen Liebesbriefwechsel mit einem ranghohen SS-Funktionär, den die große, bildschöne "Mutti" 1947 im Nürnberger Justizgefängnis kennengelernt hatte. Sieben heimliche Jahre dauerte die Ewigkeit, die sich die kurzzeitig hinter Gittern vereinten Liebenden geschworen hatten. Lang genug, damit der damals drei- bis elfjährigen Tochter im Nachhinein klar wird, welcher grenzenlosen Hingabe und Zuwendung jene Frau fähig war, die sich niemals zum Kuscheln in ihr Bett gelegt hat. Sie habe, sagt Heidenreich, "keine körperliche Zärtlichkeit von ihr in Erinnerung". Der 432 Seiten dicke Band "Sieben Jahre Ewigkeit" aus Originalbriefen und Recherchen, erscheint - zufällig - am selben Tag wie der Fernsehfilm.

Zuchtanstalten für reinrassigen Nachwuchs

Heidenreichs erstes Buch war auch deshalb so erfolgreich, weil sie die packende Schilderung ihres individuellen Schicksals verbindet mit einer investigativen Spurensuche nach der Bedeutung des "Lebensborn", dieses rassenpolitischen Machtinstruments der Nazionalsozialisten, das sich bis heute aus Legenden, Halbwahrheiten und Klischees zusammensetzt. Gerüchte von Zuchtanstalten oder SS-Bordellen, in denen reinrassige Elitenazis und BDM-Mädchen (Bund deutscher Mädchen) verkuppelt wurden, um arischen Nachwuchs zu zeugen, halten sich ebenso hartnäckig wie der Nachkriegs-Mythos vom sozial-karitativen Entbindungsheim, durch den die "Lebensborn"-Mitarbeiter im Nürnberger Prozess entlastet wurden.

Tatsächlich hatte Reichsführer-SS Heinrich Himmler den eingetragenen Verein 1935 gegründet, um ausschließlich jene - auch unverheiratete - Schwangere in den in Deutschland und Nordeuropa eingerichteten Geburtsstationen zu unterstützen, die "rassisch und erbbiologisch wertvolle" Kinder von ebensolchen Vätern erwarteten. Obendrein fungierte die Geheimorganisation als Adoptionsvermittlung für jene "fremdvölkischen Kinder", deren "germanisches Blut" zur "Aufnordung" der Deutschen gebraucht wurde. Tausende nach Rassenlogik taugliche Kinder wurden entführt und verschleppt. Sie waren, so Himmler, "in der ganzen Welt zu holen, zu rauben, zu stehlen" und "einzudeutschen". Und dennoch:"Irgendwie waren wir Täterkinder", sagt Heidenreich.

In der Autorin, wie in den meisten "Lebensborn"-Kindern, löste der nie endende Kampf gegen Lügen, Verdrängung und verstocktes Schweigen traumatisierende Schuldgefühle und oft selbstzerstörerische Zweifel aus. Einige suchen heute noch nach ihren biologischen Eltern.

"Ein Wille, ein Herz und ein Blut"

Der vom WDR produzierte Fernsehfilm spart die historische Spurensuche aus. Rückblenden gibt es nicht. Der Film, der die Mutter-Tochter-Problematik in den Mittelpunkt stellt, funktioniere, so Drehbuchautorin Hannah Hollinger "ganz im Hier und Jetzt". Die Hauptperson, deren Leidensgeschichte in der Wirklichkeit auch davon geprägt war, dass sie mit 178 Zentimetern blonder, imposanter Blauäugigkeit schon in der Schule als "ganz schöner Zuchterfolg" gehänselt wurde, spielt die zierliche, brünette Thekla Carola Wied; Produzentin Regina Ziegler und der Sender wollten für den WDR-Serienstar ("Auf eigene Gefahr") "endlich wieder einmal einen Film entwickeln - eine Fehlbesetzung, mit der sich Heidenreich "nicht identifizieren" kann. Um den Unterhaltungsbedürfnissen eines Hauptprogramm-Publikums zu entsprechen, wird die TV-Familie lindenstraßenmäßig dramatisiert: Die von einem anderen geschwängerte Freundin des Sohnes kriegt ihre Wehen ausgerechnet in dem Krankenhaus, in dem der Sohn gerade seine Mutter besucht.

Das nun gleichzeitig mit dem TV-Ereignis erscheinende, zweite Buch der Starnberger Erfolgsautorin beginnt da, wo der Film aufhört, nach dem Tod von Heidenreichs Mutter. Akribisch dokumentiert die wahrheitssuchende Tochter deren beängstigend "deutsche Liebe" (Untertitel) zu einem Nazitäter. Brief um Brief wächst beim Lesen das Unbehagen über eine in ihrer Schwülstigkeit unerträgliche Melange aus Intimem und Politischem. Wo faschistische Propaganda den Alltag durchdrang, war es prompt "ein Wille, ein Herz und ein Blut", die das "heilige Wunder der Liebe" zusammenhielten.

Anders als in ihrem Erstling, der davon lebte, Lücken in der Geschichte durch Recherche zu füllen, lässt sich die Autorin diesmal hinreißen von der Fülle des irgendwo zwischen Lore-Roman und Blut- und Boden-Kitsch angesiedelten Originalmaterials. Zwar findet sie in detektivischer Arbeit heraus, dass das "geliebteste und wunderbarste Wesen" ihrer Mama, das "Herzelein" und "Pappilein", der Standartenführer Horst Wagner war, nach dem Krieg Legationsrat im Auswärtigen Amt und angeklagt wegen Beihilfe zum Judenmord in 356.624 Fällen (SPIEGEL 42,1972); bis zu seinem Tod 1977 konnte sich der Angeklagte einer Verurteilung entziehen.

"Annehmen, was ist"

Aber der Detailreichtum, der vor allem dem Austausch der Liebenden gilt, nimmt dem Buch das Exemplarische, das Heidenreichs Geschichte über ihr persönliches Schicksal hinaus hebt. Stark wird die Schilderung immer dann, wenn sich die Tochter ausmalt, wie es gewesen sein könnte, etwa als die verhaftete Mutter erstmals ihrem späteren Geliebten in der Zelle begegnete. Dann gewinnt der Text, aber der Leser verliert den Halt, weil nicht klar wird, was historische Wahrheit und was hinzufabuliert ist: "Erstaunlicherweise trug er einen Anzug, war frisch rasiert und hatte gepflegte Hände, so hatte sie sich einen Häftling nicht vorgestellt."

Das Erstaunlichste an der Geschichte der Gisela Heidenreich ist die Person Gisela Heidenreich. Abgesehen von dem Gardemaß, mit dem sie beeindruckt, geht vor allem eine Wärme von ihr aus, die von innen zu strahlen scheint und die Menschen einhüllt, die ihr nahe kommen. Der Verein "Lebensborn", der die erwachsenen Kinder der NS-Oranisation betreut, hat die Therapeutin zur Vorsitzenden gewählt. Dort versucht sie mit jener Einsicht zu helfen, die weder Bücher noch Film explizit transportieren: "Annehmen, was ist". Nur so habe sie weiterleben können. Da war die Aussöhnung mit ihrer Mutter nur eine der schweren Prüfungen. 2001, während sie an ihrem ersten Buch schrieb, hat Heidenreich ihren jüngsten Sohn mit 17 Jahren bei einem Unfall verloren.


Gisela Heidenreich: "Das endlose Jahr", Fischer (Tb.), 320 Seiten, 8,90 Euro. "Sieben Jahre Ewigkeit", Droemer/Knaur, 400 Seiten, 19,90 Euro.

"Sie ist meine Mutter", 21. Februar 2007, 20.15 Uhr, ARD.



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