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Modefotografin Lillian Bassman: Mehr als nur Schleifen und Knöpfe

Foto: Thies Raetzke/ Deichtorhallen Hamburg

Legendäre Modefotografin Lillian Bassman ist tot

Sie revolutionierte die Modefotografie, stellte statt Schleifen und Knöpfen die Aura der Kleider aus und prägte Magazine wie "Harper's Bazaar". Mit ihrem Mann Paul Himmel bildete sie ein glamouröses Künstlerpaar. Nun ist Lillian Bassman mit 94 Jahren gestorben.

New York - 1971 hatte Lillian Bassman genug von ihrem Job. Alle wollten der Modefotografin hineinreden. Und dann waren da die Models: "Ich wollte eine Frau fotografieren, und sie schickten ein Kind", sagte sie einmal über ein Shooting für die "Vogue". Bassman packte ihre Negative in einen Sack und glaubte sie für immer vergessen. Doch in den neunziger Jahren entdeckte eine Nachbarin die Werke und steckte Bassman mit ihrer Euphorie an. Sie entdeckte die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung, ihre Bilder wurden ausgestellt, es begann das Comeback der großen alten Dame der Modefotografie.

Die Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland kam 1917 im New Yorker Stadtteil Brooklyn zur Welt. Schon mit 15 Jahren zog sie mit ihrem späteren Mann Paul Himmel zusammen, der einen ähnlichen Familienhintergrund hatte. "Unser Zimmer war so klein, dass wir buchstäblich über das Piano klettern mussten, um ins Bett zu steigen", erzählte sie der deutschen "Vogue" in einem Interview. Himmel und Bassman bildeten ein Bohemien-Paar, und beide entschieden sich für die Fotografie als künstlerische Ausdrucksform.

"Sie sind nicht hier, um Kunst zu machen, sondern um Schleifen und Knöpfe abzulichten", wurde Lillian Bassman ins Stammbuch geschrieben, als sie anfing, für das Magazin "Harper's Bazaar" als Modefotografin zu arbeiten. Doch bald schon revolutionierte sie die Bildsprache der Fashionfotos; inspiriert von Malern wie Hans Memling und El Greco interessierte sie sich für die Aura der Kleider, für den Ausdruck der Models: "Ein Fotograf muss das Model verstehenlernen, die Art, wie der Hals auf den Schultern sitzt, wie sich ein Bein bewegt", sagte sie der "Vogue".

"Beeindruckende Eleganz und Stilsicherheit prägten das Werk von Lillian Bassman" - so würdigten die Hamburger Deichtorhallen am Dienstag ihre Fotografien in einer Kondolenz-Mitteilung. Durch immer neue experimentelle fotografische Verfahren habe sie "eine malerische Anmutung" in ihre Schwarzweißaufnahmen einfließen lassen. Zudem habe sie einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Frauentypus bevorzugt: "langgliedrige, schwanengleiche Ikonen der Weiblichkeit".

Von 1946 bis 1949 bestimmte sie als Art-Direktorin das kreative Bild bei "Junior Bazaar" und förderte die Karriere von Fotografen wie Richard Avedon, Robert Frank, Louis Faurer und Arnold Newman. Von 1949 an wurde sie Fotografin für "Harper's Bazaar" und andere Magazine. "Bis in die vierziger Jahre waren Frauen nur Schmuckstücke des Mannes, sie unterhielten und kochten. Dagegen habe ich mich leidenschaftlich aufgelehnt", sagte sie dem "SZ-Magazin" 2009. Ab den Sechzigern habe es nichts mehr gegeben, wogegen sie kämpfen musste. Und: "Die Models wurden jünger, und damit nahm auch ihr Ausdruck ab: Ich habe mich gelangweilt und gekündigt."

Ihre zweite Karriere, beginnend in den neunziger Jahren, genoss sie: "Keiner würde auch nur im Traum daran denken, mich herumzukommandieren. Denn jetzt gelte ich als Grande Dame und arbeite nur noch zu meinem Vergnügen", erklärte sie der "Vogue" 1998. Vor zwei Jahren wurden ihre Bilder im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg ausgestellt, gemeinsam mit den experimentellen Werken ihres Mannes Paul Himmel, mit dem sie bis zu dessen Tod 2009 zusammenblieb.

Am Montag ist Lillian Bassman in ihrem Haus in New York "sanft entschlafen", wie die Deichtorhallen mitteilen. Sie wurde 94 Jahre alt.

feb/dapd

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