Leni Riefenstahl Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Holocaust-Leugnung

Ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk: Gegen die am Donnerstag 100 Jahre alt gewordene Regisseurin Leni Riefenstahl wird nun wegen des Verdachts auf Holocaust-Leugnung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft verfolgt damit einen Strafantrag ehemaliger Sinti- und Roma-Komparsen des Films "Tiefland".


Regisseurin Riefenstahl (im Juli 2002): "Heute bewusst"
DPA

Regisseurin Riefenstahl (im Juli 2002): "Heute bewusst"

Frankfurt/Main/Starnberg - Die Frankfurter Staatsanwaltschaft habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, sagte der Sprecher der Behörde, Job Tilmann, am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Er bestätigte damit eine entsprechende Mitteilung des gemeinnützigen Vereins Rom in Köln, der nach eigenen Angaben den "Schutz der Romaflüchtlinge und der deutschen Roma und Sinti" zum Ziel hat.

Ein Sprecher Riefenstahls erklärte am Donnerstag in Pöcking am Starnberger See zu den Vorwürfen, Riefenstahl habe die ihr zur Last gelegten Äußerungen bereits bedauert und zurückgezogen. Weitere Erklärungen werde sie auf Anraten ihrer Anwälte nicht mehr machen.

Der Verein hatte Strafantrag gegen Riefenstahl gestellt. Die wegen ihrer Dokumentarfilme umstrittene Regisseurin habe behauptet, sie habe "alle Zigeuner, die in (ihrem Film) "Tiefland" mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen. Keinem einzigen ist etwas passiert". Dies sei ein "infame Lüge", so der Vorwurf des Vereins Rom. Der Strafantrag bezieht sich auf ein Interview Riefenstahls, das im Magazin der "Frankfurter Rundschau" am 27. April 2002 erschienen war.

Nach Aussage der ehemaligen "Zigeuner-Komparsin" Zäzilia Reinhardt habe Riefenstahl Anfang der vierziger Jahre rund 120 Sinti und Roma aus den NS-Lagern Maxglan und Marzahn als Zwangsarbeiter für die Dreharbeiten zu dem Film missbraucht. Die meisten seien von den Nationalsozialisten in Vernichtungslagern ermordet worden oder seien an den Haftbedingungen zu Grunde gegangen.

Wie der Verein Rom mitteilte, habe der zuständige Staatsanwalt per Anordnung verfügt, dass Riefenstahl zu den Vorgängen gehört werde. Dazu gab es von der Staatsanwaltschaft jedoch zunächst keine Bestätigung.

Reinhardt hatte erst vor einer Woche von Riefenstahl eine Unterlassungserklärung erwirkt, nach der die Filmemacherin ihre umstrittenen Behauptungen über den "Tiefland"-Film nicht mehr aufstellen darf. Vertreter des Vereins Rom hatten zudem eine Geste der Wiedergutmachung von Riefenstahl gefordert.

Riefenstahl hatte bereits nach Bekanntwerden der neuen Vorwürfe vor zwei Wochen in einer Stellungnahme die Verfolgung und das Leid bedauert, "das Sinti und Roma während des Nationalsozialismus haben erleiden müssen". Ihr sei "heute bewusst, dass viele von ihnen in Konzentrationslagern umgekommen sind".



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