Leni Riefenstahl und die Medien Ein Triumph ist ein Triumph ist ein Triumph

Bis dass der Tod sie scheidet: Seit über fünfzig Jahren versuchen die Medien, sich dem Wesen der heute 100 Jahre alt gewordenen Regisseurin Leni Riefenstahl zu nähern - eine sich ewig wiederholende Übung in der Kunst der Oberflächenbeschreibung.

Von Wiebke Brauer


Regisseurin Riefenstahl Mitte der vierziger Jahre: Letzte lebende Provokation
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Regisseurin Riefenstahl Mitte der vierziger Jahre: Letzte lebende Provokation

Auf der einen Seite steht Leni Riefenstahl. Der nun hundertjährige Mythos, beschrieben, belichtet, beschimpft und beinern in der Weigerung, sich schuldig zu bekennen. Ihr Name ist Leni, sie weiß von nichts. Auf der anderen Seite stehen die Medien, die hartnäckig versuchen, ihrer Wahrheit auf die Spur zu kommen. Die Annäherungs-Strategien seitens der Presse bleiben sich ebenso gleich wie ihre Floskeln: Leni Riefenstahl - die Faschistin, die Frau, die Greisin. Die Kunst liegt in der Wiederholung - bis dass sie denn gestorben ist.

Keine andere öffentliche Person ist von der Presse mit so vielen Schlagworten belegt worden, in denen die Bewertung Riefenstahls immer gleich mitgeliefert wurde. Namensgeber Nummer eins: Der Nationalsozialismus. Anstatt sich darauf zu beschränken, sie als im Dritten Reich erfolgreiche Regisseurin zu bezeichnen, publiziert man seit Jahrzehnten fließbandartig sprachliche Bilder, die Leni Riefenstahls nationalsozialistische Verstrickung sprachlich mit einbauen und zugleich ihre Person charakterisieren: So wurde Riefenstahl im SPIEGEL als "Führerbraut" und "Hitlers Darling" bezeichnet oder in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gleich pars pro toto zu "Hitlers Auge" stilisiert.

Das "Nazi Pin-up-Girl", die "zerkratzte Schallplatte" und der "Triumph der Fische"

Noch strapazierter als der Führer wurde der Begriff des Triumphs. Aus dem Titel des Reichsparteitags-Filmes "Triumph des Willens" wurden bis zur Ermüdung Überschriften gestrickt. Der Grund: Erstens ist der Titel untrennbar mit ihr verwoben, zweitens ist der Triumph Teil ihrer Vita. Sie ist die Vorreiterin der ästhetischen Fotografie, gewann Prozesse, ist die unübertroffene Verleugnerin der Schuld und triumphiert seit Jahren über das Alter. Entsprechend kann fast alles in Riefenstahls Leben vertriumpht werden: Vom "Triumph der Effekte", und dem "Triumph des Schäbigen", dem "Triumph der Verdrängung" oder dem "Triumph des Nachplapperns" bis hin zum "Triumph des Alters", des "Fossils" und - Bezug nehmend auf ihre Unterwasserfilme - dem "Triumph der Fische".

Hundertjährige Riefenstahl: Triumph über das Alter
DPA

Hundertjährige Riefenstahl: Triumph über das Alter

Ist dieser wortspielerische Trumpf ausgespielt, bleibt immer noch das Geschlecht der Regisseurin als Aufhänger: Vom Sportreporter Bud Schulberg stammt der oft zitierte Begriff "Nazi Pin-up-Girl". Riefenstahl, das Sexual-Objekt, das sich die Masse an die Wand pinnt. Anders als in der Abbildung ihrer Weiblichkeit ist ihrer Person offenbar nicht beizukommen. Sie selbst gibt keine Einblicke. Auf die Vorwürfe der Öffentlichkeit, Riefenstahl müsse doch gewusst haben, welche fatal-verführerische Wirkung ihre Filme gehabt haben, wiederholt "die zerkratzte Schallplatte", wie Elisabeth Bronfen sie vergangene Woche in der "Zeit" nannte, sie habe nie etwas anderes als Kunst interessiert, sie habe nie etwas gewusst und sie habe nur die Realität abgebildet. Entsprechend bildet die Öffentlichkeit ihr eigenproduziertes Bild ab.

Kleidung, Haare, Augen

Dabei hat die mediale Schaffung des Riefenstahl-Abbildes bis heute auch den Zweck, die Person Leni Riefenstahl zu dekodieren. Niemals werden Journalisten der Aufgabe müde, ihr Äußeres zu beschreiben, in der Hoffnung, sie so enträtseln zu können, ihr nahe zu kommen. Immer im Fokus: Riefenstahls Kleidung, ihre Haare und ihre Augen. So beschrieb Brigitte Jeremias 1980 in der "FAZ" ihr "tief lavendelfarbenes Gewand", das "blonde, glatte Haar" und den "wachen Blick". Der "Stuttgarter Zeitung" war sogar ihr dentaler Zustand eine Zeile wert. Die "ungemein vitale, löwenhäuptige Domina" beschrieb das Blatt als "knallfarbig fast: gebräunt der Teint, blitzdunkel die Augen unter superblondierten Mähnenstirnkringeln, grell königsblau der weichverschlabberte Hosenanzug, der Mund teils geschürzt, teils verpresst über strahlenden Jacketts".

Parteitagsfilm "Triumph des Willens": Überschriften bis zur Ermüdung
DPA

Parteitagsfilm "Triumph des Willens": Überschriften bis zur Ermüdung

Zuweilen zeigte sich ganz offen, wie vorgefertigt das Bild in den Köpfen war. So war, wiederum in der "Stuttgarter Zeitung", von Ruprecht Skasa-Weiß zu lesen: "Was immer diese zierlich schmale Frau im zartrosa gestreiften Hängekleid, mit blitzenden blauen Augen, mit einem Gesicht, das auch heute noch schön ist, auch anpackte, geriet ihr zum Extrem." Leni Riefenstahl hat keine blauen Augen.

Die Regisseurin wird unter die Lupe genommen, so wie sie selbst Führer und Fische beäugte. Sie, die immer andere durch die Kamera beobachtete, stand nun - durch die ausdauernde Medienbetrachtung - endlich im Visier wie jede andere Frau. In der Sprache der feministischen Theorie heißt das verkürzt: Der aktive voyeuristische Blick wurde umgekehrt, nun war Riefenstahl das passive Opfer des Blicks. Dabei war die sexuelle Konnotation von jeher mit eingeschlossen: Schon zu Lebzeiten wurde sie auf Grund ihrer zweifelhaften Beziehung zu Hitler und ihren Bergfilmen als "Reichsgletscherspalte" bezeichnet, und es wurde darüber diskutiert, ob sie nackt vor dem Führer getanzt hätte.

Riefenstählerne Nuss

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Noch am vergangenen Donnerstag wollte die Fernsehjournalistin Sandra Maischberger im Interview mit Riefenstahl ganz genau wissen, wie viele Sexualpartner sie denn nun genau gehabt hätte. Wenn es um die Nazi-Filmerin Riefenstahl geht, gibt es keine Frauensolidarität. Einzige Ausnahme: Alice Schwarzer. Die bekannte sich 1998 öffentlich dazu, ein Fan von Riefenstahl zu sein, ohne gleich mit Pauken und Trompeten in die braune Ecke abgeschoben zu werden. Das lohnte auch nicht, die Schwarzer steht ja längst schon in der lila Ecke.

Turmspringerin im Riefenstahl-Film "Olympia": Triumph der Filmtechnik
Foto: Taschen

Turmspringerin im Riefenstahl-Film "Olympia": Triumph der Filmtechnik

Alle anderen laufen Gefahr, sich dem Faschismus-Vorwurf auszusetzen, wenn sie über Riefenstahl positiv schreiben. Eine Riefenstahl-Falle in zweierlei Hinsicht: Erst prallt man wortreich an ihr ab, und dann färbt sie auch noch ab. Trotzdem gibt es kein Vorbeikommen: Schließlich ist sie die letzte lebende Provokation. Solange die Filmemacherin als Inkarnation der deutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gilt, solange sie nicht öffentlich gesteht, schuldig zu sein, solange bleibt sie die riefenstählerne Nuss, die es von den Medien zu knacken gilt. Und nicht zu vergessen: Der Name Riefenstahl steigert die Auflage, erhöht die Einschaltquote und steigert die Klickzahl.

Wie faszinierend ist sie doch: Die attraktive Widersprüchlerin im langen Schatten des Hakenkreuzes, auf dem ewigen Scheiterhaufen der Öffentlichkeit lodernd. Und wie zum Trotz lebt sie weiter, während die vorgeschriebenen Nachrufe in den redaktionellen Schubladen lauern. Das letzte Wort wird die Presse behalten: Triumph der Medien.



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