Streit über Ausstellung Warum der Louvre nicht alle Gemälde von Leonardo da Vinci zeigen darf

Der Louvre will zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci eine Schau seiner Gemälde zeigen - möglichst alle 17. Doch die Planung wird zur Farce: Politik, Konkurrenz und Konservatoren verhindern den großen Wurf.

Sabine Glaubitz/ DPA

Ohne Vorbestellung geht nichts. Wer die Ausstellung "Leonardo da Vinci" im Pariser Louvre zwischen dem 24. Oktober und dem 24. Februar sehen möchte, muss sich vorab ein Ticket für ein bestimmtes Zeitfenster sichern. Das Museum rechnet trotz Herbst- und Winterzeit mit einem Ansturm Hunderttausender Kunstliebhaber aus aller Welt.

Die Schau ist als absoluter Höhepunkt der diesjährigen Feierlichkeiten zum 500. Todestag des Universalgenies gedacht. Die Organisatoren versprachen schon vor Monaten eine "einzigartige Ansammlung von Kunstwerken, die nur der Louvre zusammenbringen kann". Erklärtes Ziel ist es, "so viele wie möglich" der bis zu 17 Gemälde zu präsentieren, die sicher oder von ihren Eigentümern dem italienischen Renaissance-Künstler zugeschrieben werden. Eine solche kunsthistorische Meisterleistung gelang vor drei Jahren dem Prado in Madrid. Ihm gelang es, sage und schreibe 21 der maximal 27 nachgewiesenen Gemälde von Hieronymus Bosch in einer Ausstellung zu dessen 500. Todestag zu vereinen.

Davon kann der Louvre bislang nur träumen: Wie Recherchen des SPIEGEL ergaben, erhielt Paris zahlreiche Absagen auf Bitten um Leihgaben. Das Museum läuft Gefahr, die Ausstellung weitgehend um jene sechs Gemälde bauen zu müssen, die ohnehin in dem Museum hängen: die " Mona Lisa" , vier weitere nachweislich von Leonardo gemalte Bilder sowie ein sechstes ("Bacchus") aus seiner Werkstatt.

Extrem empfindliche Pigmente

Es gibt drei Gründe für die Zurückhaltung der anderen Museen: Konkurrenzveranstaltungen, politischer Streit und Sorgen um den Erhalt der unschätzbaren Werke. Nach einer Absprache der Kulturministerien in Rom und Paris sollten die Leonardo-Gemälde in italienischem Staatsbesitz nach Paris verliehen werden. Im Gegenzug erklärte sich Frankreich bereit, 2020 zum 500. Todestag Raffaels Werke des Zeitgenossen Leonardos zur Verfügung zu stellen. Die mittlerweile zerbrochene Koalition aus Lega und Fünf Sterne verwarf die Vereinbarung. Ex-Kulturstaatssekretärin Lucia Borgonzoni verkündete: "Dem Louvre all diese Werke zur Verfügung zu stellen, bedeutet, Italien an den Rand des Gedenkjahres zu drängen."

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Leonardo da Vinci: Das Ringen um die Supergemälde

Nun regieren wieder die Sozialdemokraten, unter deren Beteiligung das Abkommen zustande gekommen war. Wochenlang verhandelten die Kulturministerien, bevor sie am Dienstag die Einigung bekanntgaben. Die Nationalgalerie von Parma stellt demnach das skizzenhafte Gemälde eines Mädchenkopfes zur Verfügung, die Galleria dell' Accademia in Venedig Leonardos berühmteste Zeichnung, den "Vitruvianischen Menschen". Die Uffizien verleihen Original-Zeichnungen und Kopien von Leonardo-Bildern nach Paris. Aber ihre drei Gemälde "Die Taufe Christi" (Beteiligung Leonardos), "Die Verkündigung" und der "Anbetung der Könige aus dem Morgenland" (unvollendet) werden Florenz nicht verlassen.

Die Regierung in Rom beugte sich den Bedenken von Kunstwissenschaftlern und Restauratoren. Der Direktor der Uffizien, Eike Schmidt, erklärte schon im Januar auf Anfrage des SPIEGEL: "Eine Reise quer durch Europa oder selbst innerhalb Italiens wäre diesen extrem empfindlichen Holztafeln nicht zuzumuten. Jede Schwankung der Luftfeuchtigkeit könnte innerhalb weniger Minuten dazu führen, dass Pigmente sich lösen und abbröckeln."

Der Deutsche erinnert an den Aufstand unter Experten, als "Die Verkündigung" 2007 "in der Hoffnung auf eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit", wie es Schmidt formuliert, nach Japan verliehen worden war. "Das geschah gegen allen Expertenrat. Die Uffizien mussten sich damals der staatlichen Hierarchie unterordnen", berichtete er. Als Folge der Debatte sei das Gemälde 2009 auf die Liste jener Kunstwerke gesetzt worden, die nicht einmal mehr ihr Museum verlassen dürfen. Aber schon damals betonte er als Zeichen des guten Willens: "Wir sind offen, Zeichnungen an den Louvre zu schicken."

Die Alte Pinakothek in München ist das einzige Museum in Deutschland, das ein Gemälde Leonardos im Bestand hat. "Zu gerne hätten wir unsere 'Madonna mit der Nelke' zu dieser fantastischen Ausstellung" gesandt, hieß es. "Leider aber ist dies aufgrund konservatorischer Gründe nicht möglich", da es sich "um eine sehr fragile Holztafel handelt". Die Beschaffenheit der Gemäldeschicht sei "extrem fragil und erlaubt absolut keinen Transport". Das Werk sei deshalb noch nie ausgeliehen worden.

"Dame mit dem Hermelin" darf nicht mehr reisen

Das Czartoryski-Museum in Krakau hat seine "Dame mit dem Hermelin" in der Vergangenheit Ausstellungen in Madrid, Berlin und London zur Verfügung gestellt. Seit 2016 gehört das Gemälde dem polnischen Staat. "Danach wurde entschieden, dass die unschätzbare Arbeit nicht mehr reisen darf, weil ihr das schaden würde", sagt Sprecherin Marta Bosak.

Besonders wurmen könnte die Franzosen, dass die Eremitage in Sankt Petersburg seine zwei Gemälde, die es Leonardo zuschreibt, jüngst nach Italien schickte. Im Juni war die "Madonna Benois" in der Provinzstadt Fabriano aus Anlass einer Unesco-Konferenz "kreativer Städte" zu bewundern - 35 Jahre nach seiner bisher einzigen Ausstellung in Italien. Anschließend wurde das Bild vier Wochen in Perugia ausgestellt. Anfragen, ob das Werk nach Paris gehe, beantwortete die Eremitage nicht. Sicher ist aber: Ihre "Madonna Litta", die von Leonardo entworfen und seinem Schüler Giovanni Antonio Boltraffio ausgeführt worden ist, wird vom 8. November 2019 bis Februar 2020 in Mailand ausgestellt - also parallel zu Paris.

Die "Madonna Litta" war in der gefeierten Londoner Leonardo-Ausstellung Ende 2011 zu sehen. Auch der Vatikan, Krakau und der Louvre verliehen damals Gemälde, was zu der Sensation führte, dass die zwei Versionen der "Felsengrottenmadonna" aus Paris und London in einem Raum zu bewundern waren. Die National Gallery wollte sich nicht "zu zukünftigen Leihgaben" äußern. Allerdings plant das Museum zwischen dem 9. November und dem 12. Januar eine Ausstellung "Leonardo: Experience a Masterpiece" (Erfahre ein Meisterwerk). Sie zeigt detailliert Untersuchungen eines Gemäldes, das dann selbst im letzten Raum der Schau zu sehen sein soll: die Felsengrottenmadonna.

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sucher533 25.09.2019
1. Kopien tun es für 99,9 % der Besucher auch
Wenn um die Originale herum Kopien der anderen Bilder in einer Ausstellung gezeigt werden, entsteht für den Besucher der gleiche Eindruck. Es geht bei Leonardo da Vinci sicher nicht nur um die Bilder, sondern um sein Gesamtschaffen. Die Originale sollten aus Sicherheitsgründen nicht an einem Platz zusammengeführt werden. Wer unbedingt die Originale sehen will, kann dies an den jeweiligen Standorten tun.
sikasuu 25.09.2019
2. Im Zeitalter von fast 100%tigen Reproduktiones-
Möglichkeiten, halte ich die Ausleihe solcher fragiler Kunst auch für sehr gewagt! . Vor allen Dingen, wenn Besucher nur auf einige Meter heran können & die wirklichen Feinheiten nur für Fachleute der Museen bei ganz naher Betrachtung usw. sichtbar werden. . Mit dem Begriff "Orginal" wird mMn. ein ziemlich "unrühmliches Geschäft" gemacht, auf allen Ebenen. Vor allen Dingen mit Leuten, denen das "Gefühl" mal nur 2-3 m& 5 Minuten vor einem Kunstwerk, nur getrennt durch ein Panzerglas, gestanden zu haben:-( . Noch verrückter wird es dann, wenn künstlerische Arbeiten, deren Medien auf Vervielfältigung ausgelegt sind zu "Originalen erklärt werden! . Nein ich meine nicht Kupferstiche, Lithografien usw, da unterliegen die "Platten" ja der Abnutzung, sondern dem Trend . z.B. in der "Analog Fotografie" Abzüge "von eigener Hand vom Meister". Nach 10 Abzügen ins Negativ gebissen:-) . Unser "Kunstverständnis" müsste mMn. auch mal massiv "Restauriert" werden:-) . Gruss Sikasuu Dieser Text ist ein Original & wird nach einmaliger Verwendung in SPON unverzüglich von allen anderen Rechnern gelöscht:-)
cucaracho_enojado 25.09.2019
3. Unfug.
Die alten, schönen - und z.T. auch völlig überschätzen - Originale für teuer Geld und Schäden inklusive zusammenzukarren, damit ein paar Mäzene sich feiern und hunderttausende Instagrammer hypen können. Auf das der Kunstbetrieb - d.h. die Preise - die nächsten Stufen erklimmt. Wirklich 'betrachten' kann man sie eh nicht - aber die 'Anwesenheit' adelt ... :-D Guten Kopien dürfte man sich nähern - und 'merken' würde es auch niemand. (Doch: Weil man sich nähern darf.) War vor Jahren in einer Leonardo-Ausstellung 'irgendwo' in D ;-) - brilliant, aber bestimmt ohne die ... (s.o.). PS, richtig witzig: Polen 'sichert' sich ein Original - zu Leonardos Zeiten waren Polen mit ganz anderen beschäftigt ...
Newspeak 25.09.2019
4. ...
Es muss doch heute moeglich sein, mit bestmoeglicher fotographischer Technik bzw. evtl. solchen Methoden wie 3D Druck exakte Kopien dieser Gemaelde anzufertigen. Ich erinnere mich an die Tutanchamun Wanderausstellung, die das Grabmal inklusive aller Relikte, die Howard Carter damals vorgefunden hat, als perfekte Faksimiles praesentiert hat. Ich denke keinem der damaligen Besucher ist etwas Wesentliches entgangen, nur weil er die Originale nicht gesehen hat. Natuerlich hat ein Original einen unbestreitbaren Reiz, der durch keine noch so gute Kopie wiedergegeben werden kann. Der Gedanke an die Geschichte eines Kunstwerks, die Vorstellung dieser beruehmte Mensch der Vergangenheit hat dieses Kunstwerk wirklich erzeugt, der fehlt dann natuerlich. Aber soll man nur um dieses Reizes wegen den physischen Erhalt eines Kunstwerks aufs Spiel setzen? Es geht bei Kunstwerken wie Gemaelden ja auch um andere Dinge. Eine vergleichende Zurschaustellung kann Entwicklungen des Kuenstlers und seines Stils offenbaren. Mit dem 3D Drucker lassen sich evtl. Details wie der Farbauftrag studieren. Das kann man an einer Kopie genauso gut, oder sogar besser, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht so hoch sein muessen. Man koennte sogar auf die verwegene Idee kommen, die Menschen von einer Kopie Fotos mit Blitz machen zu lassen, oder, Sakrileg, sie anzufassen. Im Grunde waeren voellig andere Zugaenge zur Kunst moeglich. Also lasst die Originale in einem temperierten, luftfeuchtigkeitskontrollierten, feuer- und diebstahlsicheren Safe, und macht die Ausstellung ueber das, was wirklich zaehlt. Nicht das Ding an sich, sondern die Botschaft.
cucaracho_enojado 25.09.2019
5. @4Newspeak: Ins der Ausstellung ...
"Ich erinnere mich an die Tutanchamun Wanderausstellung, die das Grabmal inklusive aller Relikte, die Howard Carter damals vorgefunden hat, als perfekte Faksimiles praesentiert hat. Ich denke keinem der damaligen Besucher ist etwas Wesentliches entgangen, nur weil er..." ...war ich auch. Ein Genuss, durch die Grabkammer zu wandern - zum Teil 'im Heute', zum Teil original wie gemacht - ohne die Dunkelheit und die Ausdünstungen (Angstschweiß!) tausender Touries ... und in Ägypten die Zeit mit Besserem verbracht. Aber für 'Bilder' braucht es keine High-Tech, keine 3D-Drucker - nicht einmal einen Kujau. Vom Original nicht unterscheidbare Repros kann jeder qualifizierte Restaurator ... :-D
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