Lesereise Der Osten kam in meinen Reiseplänen nicht vor - bis jetzt

In Ostdeutschland sind Rechtspopulisten besonders stark. Von dort bekommt unser Autor viele Hass-E-Mails. Grund genug für ihn, mal ein paar wütende Dialoge in Sachsen und Thüringen vorzulesen.

Innenstadt von Dresden
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Innenstadt von Dresden

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In den zurückliegenden Jahren habe ich Dutzende Lesungen bestritten. Mir war lange Zeit nicht klar, dass das zu den Aufgaben eines Autors gehört, denn warum soll man erwachsenen Menschen, die des Lesens mächtig sind, etwas vorlesen? Bis mir bewusst wurde, dass die Leute die Verfasserin oder den Verfasser erleben, hören, irgendwie näher kennenlernen wollen.

Nicht allen Autoren gefällt das. Manche schreiben zwar gerne Bücher, wollen aber nicht als Person in Erscheinung treten. Jerome David Salinger zum Beispiel verabscheute die Öffentlichkeit. Von ihm gibt es sogar kaum Fotos. Und wer hinter dem Pseudonym Elena Ferrante steckt, darüber wird ja wild spekuliert. Auf Lesungen dürfte Ferrante jedenfalls keinen großen Wert legen.

Verlage aber mögen es, wenn ihre Autoren herumreisen und etwas für den Verkauf ihrer Bücher tun. Und so gurke ich kreuz und quer durch die Republik, durchaus mit Freude. Bei meiner allerersten Lesung, 2009 in Darmstadt, fanden sich genau acht Zuhörer ein - vier davon waren Freunde und Bekannte. Manche Autoren jetten von New York nach Tokio, ich fahre von Edewecht nach Tostedt. Ich will mich überhaupt nicht beklagen, kleine Orte sind toll, da ist das Publikum meist viel interessierter als an großen und bringt manchmal sogar selbstgebackenen Kuchen mit.

Dresden
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Dresden

Nur der Osten kam in meinen Reiseplänen nicht vor. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil es sich nicht ergab. Immer wieder schrieben mir interessierte Leserinnen und Leser von dort, aber es fand sich kein Veranstalter, der einen Raum organisiert, Werbung macht, sämtliche Medien einbindet, Hotelzimmer bucht und Honorar und Reisekosten zahlt.

Im verbalen Umgang mit Pegida-Freunden

Ich hing meinem Verlag in den Ohren und sagte, man möge doch bitte schauen, ob nicht doch was geht. Und plötzlich ging was: Coswig, dann nach Jena in Thüringen, dann wieder Dresden, schließlich Tharandt. Also Sachsen und ein Abstecher nach Thüringen. Die Reihenfolge zeigt, wie wenig wir den Osten kennen (und dass wir vorher auch nicht auf die Landkarte geschaut haben): Von der Route her hätte es anders mehr Sinn gemacht.

Egal, ich buchte die Bahntickets und nahm mein Faltrad mit, wie ich es immer mache, um nebenbei die jeweiligen Orte zu erkunden. Ich fragte mich aber, ob ich mein Lesungsprogramm für diese Tour ändern sollte. In meinem Buch "Post von Karlheinz" geht es um wütende Mails von "echten Deutschen" und was ich ihnen antworte. Es sind zum Teil recht derbe Dialoge, bei einigen geht es um den Osten, und ich gebe zu, ich bin nicht zimperlich im verbalen Umgang mit Pegida-Freunden.

Einen Dresdner, der von mir, "Gast in unserem Land", verlangte, ich habe "gefälligst dankbar zu sein, in Deutschland aufgenommen worden zu sein!", erinnerte ich daran, dass nicht ich ihm, sondern er umgekehrt mir dankbar zu sein habe. Schließlich sei ich schon viel länger Bürger der Bundesrepublik Deutschland als er und habe ihn als Deutschen akzeptiert. Ich schrieb ihm: "Ich wollte Sie noch daran erinnern, dass ihr uns damals bei Aldi die ganzen Bananen weggefressen habt, und ich habe nichts gesagt. Vergessen Sie das nicht, ja?"

Sollte ich das im Osten vorlesen? Was, wenn Pegida-Leute kämen? "Du brauchst Personenschutz!", rieten mir Freunde. "Warum willst du überhaupt da hin? Das ist doch gefährlich!" Die Leute im Verlag sagten: "Hm. Also ich würd's nicht lesen. Aber schau, wie die Stimmung ist." Ich rief bei einem Veranstalter an, der musste es ja wissen. Er antwortete: "Warum nicht? Der Schreiber ist Ihnen gegenüber unsachlich, warum sollen Sie dann nicht auch unsachlich sein dürfen? Ich glaube, die meisten Leute verstehen das."

Coswig bei Dresden ist meine Ostdeutschlandpremiere. Etwa 70 Leute sind gekommen, mehr als ich erwartet hatte. Sie sitzen in einem schön geschmückten evangelischen Gemeindesaal und hören aufmerksam zu. Hier und da lachen manche, sogar über die weggefressenen Bananen. Insgesamt ist die Stimmung aber weniger ausgelassen als bei Lesungen im Westen.

Coswig in Sachsen
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Coswig in Sachsen

Am Ende, in der Fragerunde, meldet sich ein Mann zu Wort, der schon zwischendurch gegrummelt hat. Er sagt: "Ich war 39 Jahre Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, und ich lasse mir von einem Vertreter eines imperialistischen Mediums aus der BRD gar nichts sagen!" Er sagt das auf Sächsisch, "Vördröder eines ümbörüalüsdüschn Mödiüms", und ich muss lachen. Er findet das gar nicht komisch. Den anderen Zuhörern ist die Situation peinlich, sie bitten den Mann zu schweigen. Er ist einer von 70. Eine Minderheit. Aber er gibt den Ton vor, er bleibt mir im Gedächtnis. Diese Szene zeigt, wie es leider überall läuft: Eine radikale, laute Minderheit bestimmt den Diskurs.

"Leider keine kleine Minderheit", erzählt mir später, beim Signieren, eine Frau. Ein Kollege, "ein Akademiker", habe, als er einen Schwarzen auf der Straße gesehen habe, erklärt, er müsse schnell nach seinem Auto sehen, "nicht, dass der Neger da was anrichtet". "Es ist unfassbar, wie manche Leute ticken. Aber wenn ich etwas sage, werde ich angefeindet." Ein Mann kommt zu mir und sagt, er wolle sich für den Mann, der gepöbelt habe, entschuldigen. "Wir sind nicht alle so." Eine Frau bietet mir an, mich nach Dresden mitzunehmen. "Mit der Bahn würde ich jetzt am späten Abend nicht mehr fahren, es gibt ja Leute, die betreiben etwas, das sie 'Schwarze klatschen' nennen", sagt sie. Gut, dass ich in Coswig übernachte.

In Thüringen sei die Lage gut, die Stimmung schlecht

Am nächsten Morgen habe ich 15 Mails im Postfach, in denen sich die Verfasser für die Lesung bedanken und ein paar entschuldigende Worte für den wirren Ex-DDR-Bürger finden. 15 Mails bei 70 Besuchern! Das Bedürfnis zu reden, auch über solche Leute, scheint groß. Ebenso die Sorge, dass man diesen einen stellvertretend für alle nimmt.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Zug über Leipzig nach Jena. Restaurierte alte Häuser schmücken die Stadt, und ich radele die Saale entlang und bestaune die Landschaft mit Felsen aus Muschelkalk und Buntsandstein, wie ein Schild erklärt. Bisher wusste ich von Jena vor allem, dass die NSU-Terroristen von hier kommen.

Jena
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Jena

In Jena lese ich im Theaterhaus, wo diese Verbrecher im September 1997 einen Koffer mit Hakenkreuz deponierten, Inhalt: eine selbstgebaute Bombe. Es sind vielleicht 100 Leute da, ein zugewandtes Publikum, viele junge Leute. Sie sagen: In Thüringen sei die Lage gut, die Stimmung schlecht. Jena sei übrigens eine der wenigen Städte in den östlichen Bundesländern, die bevölkerungsmäßig wachse. Und zwar dank steigender Geburtenraten.

Wieder über Leipzig geht es zurück nach Dresden. Auch dort sind die Reihen einigermaßen gefüllt, die Diskussion im Anschluss konstruktiv. Dresden kenne ich von früheren Besuchen, ich mag die Stadt und ärgere mich, dass ausgerechnet hier Pegida und andere Rechtspopulisten ihren Ursprung haben. Meiner Lesung bleiben Pegida-Fans und AfDler aber fern. Niemand pöbelt, schimpft oder droht. Eigentlich schade, ich hätte mich ja gerne mal mit denen unterhalten.

Schließlich: Tharandt. Ein Ort, den ich, wie Coswig, erst einmal nachschlagen musste. Tharandt, lerne ich, ist zwar nicht Sächsische Schweiz, liegt aber im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Von Dresden ist das nur 15 Kilometer entfernt, ich fahre also mit dem Rad.

Der Weg führt durch Freital, jenem kleinen Ort, das durch große rechtsextreme Strukturen in den Schlagzeilen war. Die terroristische "Gruppe Freital" hatte Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte und gewalttätige Übergriffe auf Flüchtlingshelfer verübt, ihre Mitglieder wurden 2018 verurteilt.

In Freital verfahre ich mich. Dort, wo laut App ein Radweg sein soll, finde ich nur einen matschigen Feldweg. Ich frage ein junges Paar, das mit Baby im Kinderwagen durch den Ort spaziert. "Nee, da würde ich jetzt nicht durchfahren", sagt der Mann. Und die Frau: "Du hast aber ein niedliches Fahrrad." Sie bieten mir an, sie zu Fuß zu begleiten, dann könnten sie mir den Weg erklären. Natürlich war mir von vornherein klar, dass es freundliche Menschen in Freital gibt. Und wieder wird mir bewusst: Die schlechten prägen das Bild.

Schluss mit eurem rassistischen Gequatsche

In Tharandt muss die Buchhändlerin Klappstühle holen, damit alle Platz finden. Auch einige Bewohner von Freital sind gekommen. Im Publikum sitzen die, die mir wohlgesonnen sind. Die, die auch über die Bananen lachen können. Ein Mann sagt: "Leider gibt's hier jede Menge Leute, die nicht ganz sauber ticken." Eine Frau beklagt, man fühle sich im Stich gelassen im Kampf gegen die Rechten. Der Frust ist groß. "Es traut sich ja kaum jemand hierher!"

Tharandt
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Tharandt

Tatsächlich habe ich mich auch gefragt, ob ich wirklich in die Region Sächsische Schweiz möchte. Es ist eine Gegend, in der manche immer noch stolz behaupten, es sei eine "national befreite Zone", also ein Gebiet, in dem keine nichtweißen Menschen lebten. Und niemand begehrt dagegen auf, kein Politiker sagt diesen Leuten: Schluss mit eurem rassistischen Gequatsche! Ich finde das skandalös.

Bemerkenswert finde ich, dass niemand in Abrede stellt, dass Rechtsextremismus in dieser Region ein besorgniserregendes Problem ist. Und dass niemand diese Haltung rechtfertigt. Man wünsche sich dringend mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung, sagen die Menschen. "Ich freue mich, dass Sie zu uns gekommen sind", sagt eine Frau und umarmt mich. Und ich beschließe: Schluss mit "national befreiter Zone"! Dies ist Deutschland, dies ist auch mein Land, und ich werde wieder im Osten lesen. Wenn's geht, auch in Freital und Chemnitz.

Anmerkung: In einer früheren Fassung zeigten wir ein Foto von Coswig in Sachsen-Anhalt. Ein Leser hat uns auf den Fehler aufmerksam gemacht, wir bitten um Entschuldigung. Jetzt ist das richtige Coswig zu sehen.

insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
synascspe 31.03.2019
1.
Als er sich lustig über den Dialekt machte, habe ich aufgehört weiter zu lesen... Toleranz sollte wohl von allen zu erwarten sein. Niveau auch.
Ch. Breer 31.03.2019
2. Die Schlechten prägen das Bild!
Dieser Erfahrung kann ich mich nach meinen eigenen Erfahrungen in östlichen Gefilden nur anschließen. Es ist eine maßlose Selbstüberschätzung, dass diese paar "Spaziergänger" mir ihren kranken Hass-Gemütern für "das Volk" halten. Sie sind hier zum Glück eine Minderheit, die wie jede andere Minderheit innerhalb der Grenzen, die unser Grundgesetz beschreibt, ihre Meinung äußer dürfen. Dass Sie diese Gruppe konfrontieren wollen, nötigt mir Respekt ab, aber Sie sehen ja an dem Herrn mit dem "imperialistischen Medium", dass man da oft einfach keine Diskussionsgrundlage hat. Wichtig ist tatsächlich, dass man die Guten (im Sinne von nicht - Hassverzerrten) wahrnimmt und auch unterstützt. Ein ausgewachsener Skandal, dass die politischen Strukturen vor Ort sich da so bedeckt halten. Die müssten da wirklich stärker auf den Putz hauen, wenn sie wirklich auf dem Boden unseres Rechtsstaates stehen wollen!
finternational 31.03.2019
3. Ein toller Artikel, eine schöne Reportage
jenseits von Alle im Osten sind Nazis oder Verharmlosung total. Hoffentlich schreiben Sie wieder drüber, wenn Sie wieder Lesungen dort gehalten haben
mac.sassi 31.03.2019
4.
Zitat von synascspeAls er sich lustig über den Dialekt machte, habe ich aufgehört weiter zu lesen... Toleranz sollte wohl von allen zu erwarten sein. Niveau auch.
Er hat sich ja nicht über den Dialekt lustig gemacht, sondern über die Aussage lachen müssen, klingt ja allzu drollig - und das nach bald 30 Jahren Wiedervereinigung. Dass man lesen und interpretieren kann sollte wohl auch von allen zu erwarten sein.
nachgespiegelt 31.03.2019
5. Vielen Dank für den Mut, eine journalistische Perspektive einzunehmen
Im Westen sind nicht alle arrogant, Russland ist nicht nur Putin und im US-amerikanischen Süden sind nicht nur Rassisten. Dass man - vor allem als Journalist - nicht nur Klischees bedient, finde ich eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wie kann man aber Jahre über einen ganzen Landesteil schreiben und urteilen, ohne jemals da gewesen zu sein? Deshalb - Glückwunsch zu diesem Perspektivwechsel und herzlich willkommen bei uns! Hier gibt es ganz viele, die sich über Besuch und auch über Nachbarn aus aller Welt freuen.
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