Ton-Schau "Keramische Räume" Der Bilder-Mörder in Morsbroich

Meteoritenartige Keramikkugeln und Objekte mit klaffenden Wunden: Eine Ausstellung in Leverkusen würdigt Kunst aus Ton und Keramik und zeigt, was mit dem Material alles möglich ist.

Er hat auf Leinwände eingestochen, sie aufgeschlitzt und ihnen so eine neue Dimension gegeben. Der in Argentinien geborene italienische Künstler Lucio Fontana (1899-1968) war ein Bilder-Mörder. Er wollte mit seiner skulpturalen Intervention weg von der Illusion des Bildes - hin zur radikalen Abstraktion.

Für diese Radikalität haben ihn die Künstler von ZERO, Nouveau Realisme und Arte Povera bewundert. In Italien war Fontana so populär, dass in den Sechzigerjahren Karikaturen zu seiner Person entstanden: Sie zeigen Fischer bei ihren Booten, die versuchen, Fontana davon abzuhalten, ihre Netze aufzuschlitzen.

Doch der Künstler schlitzte nicht nur Kunstwerke auf, er schuf auch welche. Dafür nutzte er Ton. Er selbst habe nie an einer Töpferscheibe gesessen, und er sei "Bildhauer, kein Keramiker", sagte Fontana. Trotzdem war er ein Meister des Metiers, der das immer wieder als Hausfrauen-Selbstverwirklichung so despektierlich behandelte Material schon früh rehabilitierte.

Grobe Materialschlacht mit wild massierten Tonmengen

Die Ausstellung "Keramische Räume" im Leverkusener Museum Morsbroich, wo schon 1962 die damals größte Retrospektive von Fontana gezeigt wurde, würdigt nun dessen komplexe keramische Arbeiten - und zeigt ihn als Inspirator für eine jüngere, vor allem im Rheinland tätige Nachfolgegeneration. Sie alle zelebrieren die unendlichen Möglichkeiten des weichen, bisweilen matschigen Materials, das man kneten und glätten, schleifen, trocknen und brennen kann.

Zu sehen ist allen voran Fontanas Werk: Aus seltsamen Gefäßen wachsen Pferdeköpfe heraus, aus industriellen Keramikprodukten wie etwa Tellern sind im Nachhinein dreidimensionale Reliefs mit Stierkampfszenen entstanden. Große meteoritenartige Keramikkugeln füllen den Raum, mit Schlitzen wie klaffenden Wunden, und perforierte Wandreliefs demonstrieren in all ihrer Abstraktheit den ganzen Zauber gekonnter Glasurtechniken.

Jenseits seines konzeptionellen Nihilismus hat Fontana in seiner Formensprache auch nach Spiritualität gesucht, in der Schau belegt das die Skulptur "Crocifissione" (circa 1954), eine blutrote Keramikplatte mit dem weißen, zersplitterten Körper des Gekreuzigten.

Fontana war der Wegbereiter für eine ganze Generation auch deutscher Keramikkünstler nach ihm, deren Werke die Ausstellung in Leverkusen komplettieren. Da ist einmal Norbert Prangenberg, 2012 erst 63-jährig gestorben, der die grobe Materialschlacht mit wild massierten Tonmengen zelebriert, in denen jeder manuelle Eingriff ablesbar bleibt, und der mit vielfältigen Farbergebnissen experimentiert hat.

Subtile Objekt-Ensembles voller Untertöne

Da ist Thomas Schütte mit seinen mysteriösen Masken und mit den Ensembles hohler überdimensionaler Tongefäße, genannt Familien. Das bekannteste Beispiel ist seine Gruppe "Die Fremden", mit der er während der Documenta 9 im Jahr 1992 Aufsehen erregte und die seitdem auf dem Dach eines Kasseler Kaufhauses steht.

Außerdem ist Rosemarie Trockel mit ihren subtilen Objekt-Ensembles voller Untertöne zu sehen. Sie verhandelt das Schicksal der Mutter in keramik-harten Sitzkissen und zeigt Abdrücke von rohem Fleisch in Ton und erweckt damit gleichzeitig verstörende Neugier und Ekel. Auf einem Tisch steht neben einem weißen Frauenbein ein volles Whiskyglas, dessen Inhalt verdunsten wird. Es gehe der Künstlerin "nicht nur um die Kombination heterogener Elemente zu einer Skulptur", so heißt es im Katalog, "sondern gerade um den Widerspruch zwischen Wandel, welcher der Natur und ihren physikalisch-chemischen Prozessen innewohnt, und Stillstand durch die Kunst".

Wie von einem anderen Stern wirkt die Kunst des 1971 geborenen Rheinländers Markus Karstieß. Er stellt dickwandige, winklige Objekte in den Raum, für die er auf mittelalterliche Brand- und Glasurverfahren zurückgreift, für die Metalle wie Kupfer, Silber oder Wismuth verwendet werden. Die nostalgisch anmutenden Oberflächen ältlicher Tonobjekte mit ihren bräunlich-bläulichen Glasuren und ihren ornamentalen Ritzungen und Ausformungen entfalten etwas sehr Bedrohliches.

"Er ist mein Held", soll Rosemarie Trockel über Lucio Fontana gesagt haben. Dass dieser nun im Spiegel anderer Künstler genau da gewürdigt wird, wo er seine erste Retrospektive hatte, ist für den Direktor und Kurator Markus Heinzelmann ein bewusster Anknüpfungspunkt. Auch logistisch ist die Schau eine Meisterleistung: In der Herstellung wie in der Verwahrung operiert man mit Ton immer an einer subtilen Situation, denn er ist und bleibt zerbrechlich, und kaum ein Sammler rückt gerne seine Bestände heraus. Leverkusen hat sie bekommen.


Keramische Räume. Lucio Fontana, Norbert Prangenberg, Thomas Schütte, Rosemarie Trockel, Markus Karstieß. Museum Morsbroich, Leverkusen, 25.5.-31.8. www.museum-morsbroich.de 

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