Liebevolle ARD-Kanzler-Doku Strahlemann Gerd, freundlich ausgeleuchtet

Der Doppeldaumen, der Wahlkampfhammer, die Cohiba-Zigarre: Rechtzeitig zur Veröffentlichung seiner Memoiren ist Strahlemann Gerhard Schröder zurück im deutschen Fernsehen. Die ARD-Dokumentation "Kanzlerjahre" wagt die erste, wohlwollende Bilanz von Schröders Kanzlerschaft.


Ganz zum Schluss der 45 Minuten schwenkt die Kamera über eine gespenstische Szenerie: In dunkler Nacht stehen Soldaten aufgereiht mit Fackeln in der Hand, auch Gerhard Schröder ist da. Im schwarzen Mantel und kerzengerade nimmt der scheidende Kanzler den Großen Zapfenstreich ab. Das Musikkorps spielt "I did it my way" von Frank Sinatra. Aus dem Off kommentiert der Sprecher: "Am Ende brachte er Pop und Patriotismus feierlich zusammen. Wie Schröders ganze Kanzlerschaft war auch sein Abschied zugleich real und immer auch ein bisschen Kino."

Es schwingt viel Nostalgie mit in dem ersten großen Filmporträt des PR-Profis Schröder seit seinem Abgang. "Man wird ihn vermissen", darf gleich zu Beginn Fußballkaiser und Duzfreund Franz Beckenbauer sagen. Und Gerhard Schröder grinst und formt beide Hände über dem Kopf zu seinem Wahlkampfhammer.

Die Autoren der ARD-Dokumentation, Michael Wech und SPIEGEL-Autor Jürgen Leinemann, machen kein Hehl aus ihrem Wohlwollen für "das Proletenkind, das zum Regierungschef wurde". Zwar kommen auch ein paar Kritiker zu Wort: CDU-Vertreter Wolfgang Schäuble und die SPD-Linke Andrea Nahles beklagen wahlweise Schröders Reformunwilligkeit oder Reformeifer. "Schröder und die SPD, das war ein einziges Ringen", sagt Nahles. Auch Intimfeind Oskar Lafontaine hat einen kurzen Auftritt.

Doch noch ausführlicher dürfen Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker und Ex-Umweltminister Jürgen Trittin den Altkanzler gegen den Vorwurf der Kumpanei mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Schutz nehmen. Eine Männerfreundschaft mit dem russischen Regierungschef sei die "patriotische Amtspflicht" eines jeden deutschen Kanzlers, sagt Juncker.

Schröder testet in Syrien sein Englisch

Das Timing des Films, der heute Abend um 21 Uhr in der ARD läuft, ist auf die Veröffentlichung von Schröders Memoiren am Donnerstag abgestimmt. Im Schnelldurchlauf lässt er die sieben Jahre der rot-grünen Regierung Revue passieren. Herausgestellt werden die Verdienste Schröders, für die er vielleicht einmal in den Geschichtsbüchern stehen wird: Die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr im Kosovo und in Afghanistan sowie die Agenda 2010.

Die Bilder zeigen Schröder als durchsetzungsstarken Politiker, der die Auseinandersetzung mit Demonstranten nicht scheut. Ein Visionär sei Schröder nicht gewesen, bilanzieren die Autoren. Sein Verdienst bestehe aber darin, sich jeder Situation offen gestellt zu haben.

Wenig überraschend, aber aussagekräftig sind die unterschiedlichen Einschätzungen Schröders und seines Koalitionspartners Joschka Fischer der sieben gemeinsamen Regierungsjahre. Rot-Grün sei ein "Projekt" gewesen, sagt Fischer. Schröder nennt es unsentimental eine "Zweckkonstellation".

Am spannendsten sind die Szenen aus dem Leben Schröders nach der Kanzlerschaft. Denn bisher gab es wenig Einblicke in dieses "Leben ohne Macht", wie die Autoren es nennen. Der Vortragsreisende Schröder ist beim "Syria Business Council" in Damaskus zu sehen und beim Renaissance Capital Fund in Moskau. Man hört ihn sein neu gelerntes Englisch mit Syriens Präsident Assad ausprobieren ("Look, I have to say…") und beobachtet ihn beim Galadinner mit Geschäftsleuten. Schröder, der schon als Kanzler gern als Handlungsreisender im Dienste Deutschlands auftrat, sei jetzt "mit seinem größten Verkaufsschlager unterwegs: mit sich selbst", bemerken die Autoren treffend.

"Gasprom-Gerd" geht es nicht ums Geld

Da verwundert es auch nicht, wenn Schröder sagt, nationale und internationale politische Ämter interessierten ihn nicht. Er arbeite lieber "an der Grenze zwischen Wirtschaft und Politik". Mehr Geld verdient man da allemal.

Die Autoren merken vorsichtig an, dass Schröders nahtloser Übergang in die Dienste internationaler Großkonzerne wie Gasprom und Ringier in der Öffentlichkeit den "Verdacht" genährt habe, "dass hier ein Mann auf schnellstem Wege reich werden wollte". "Russen holen sich Schröder", die im Film gezeigte Schlagzeile der "Bild"-Zeitung steht repräsentativ für das neue Image des Hannoveraners. Die Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes des deutsch-russischen Pipeline-Konsortiums hat ihm schließlich den Namen "Gasprom-Gerd" eingetragen.

Der Film gibt Schröder die Gelegenheit, das Bild zurechtzurücken. Um Geld gehe es ihm "keineswegs", versichert er treuherzig. Vielmehr sollte ihn die Arbeit davor bewahren, in ein Loch zu fallen. In seinem Alter eigne er sich schließlich noch nicht zum Pensionär. Und nicht zuletzt habe er es einfach für "unangemessen" gehalten, die Gasprom-Offerte seines Freundes Putin abzuschlagen - auch wenn erst wenige Wochen seit seinem Ausscheiden aus dem Amt vergangen waren.

Die Autoren überkommt jedoch ein gewisses Mitleid, wenn die Kamera auf den Selfmade-Man Schröder inmitten der glamourösen Eliten ferner Länder zoomt. Manchmal wirke Schröder in seiner neuen Rolle doch recht einsam.



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