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29. Mai 2019, 18:27 Uhr

Theaterstar Lilith Stangenberg

"Feminismus kann ja nicht bedeuten, dass Frauen nur noch Schnee-Anoraks tragen"

Ein Interview von Christine Wahl

Lilith Stangenberg probt an der Berliner Volksbühne Frank Wedekinds "Lulu". Was die von Bett zu Bett driftende Figur mit #MeToo zu tun hat und warum sie auf der Bühne schon mal nackt Kohlen schaufelte, erklärt die Schauspielerin hier.

SPIEGEL ONLINE: Frau Stangenberg, Sie gelten als "Fachfrau für verstörende Rollen". Sehen Sie das auch so?

Stangenberg: Ob ich mich mit dem Wort "verstörend" identifizieren kann, weiß ich nicht, da wird man ja schon in eine Schublade gesteckt. Aber tatsächlich interessiert es mich immer am meisten, wenn es anfängt, abgründig zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie abgründig ist Ihre aktuelle Rolle, Frank Wedekinds legendäre Lulu, der die Männer reihenweise verfallen?

Stangenberg: Sie ist auf jeden Fall sehr provokant, weil sie so radikal zu ihrer Lust steht. Normalerweise soll eine Frau ja begehrenswert sein. Aber eine Frau, die selbst begehrt, irritiert die Leute, auch heute noch.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen in dieser über hundert Jahre alten Theaterfigur eine Zeitgenossin?

Stangenberg: Man lernt ja als Mädchen nach wie vor, nett, brav, niedlich und smart zu sein. Aber mal richtig samuraischwertmäßig seine Meinung zu sagen oder sich auf eine andere Art wilder zu verhalten, als die Gesellschaft einem das erlaubt, wird sofort bestraft. Wenn man sich als Frau also schon Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Monogamie entscheidet und sagt, das ist nichts für mich, sondern ich lebe hier nach Lust und Laune, dann finde ich das tatsächlich wahnsinnig modern. Kann man ja auch verstehen! Für mich ist Lars von Triers Film "Nymphomaniac" fast eine neue Lulu-Interpretation.

SPIEGEL ONLINE: Ist Lulu nicht vor allem eine männliche Projektionsfläche?

Stangenberg: Klar, das ist das erste, was man mit ihr assoziiert: Die ist wie so ein schwarzes Loch, wo alle Männerfantasien und Begierden hineingesogen werden.

SPIEGEL ONLINE: Dass sie anfangs von einem "Tierbändiger" als "Schlange" vorgeführt wird, macht sie auch nicht gerade zur Spitzenkraft der Emanzipationsbewegung.

Stangenberg: Wenn man diese Lulu jetzt spielt, 2019, muss man sie natürlich ganz anders mit Gehirn und Sprache ausstatten, das ist klar. So eine #MeToo-Debatte steht ja nicht umsonst heute im Raum. Deswegen hat der Regisseur Stefan Pucher ihr eine Zusatzstimme zur Seite gestellt: Virginie Despentes, die vor 19 Jahren den Film "Baise-moi (Fick mich!)" herausgebracht hat.

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet denn diese feministische Künstlerin mit "Lulu"?

Stangenberg: Despentes ist natürlich eher Punkrock als Tutu, das stimmt, aber in ihrer anarchistischen Sicht auf die weibliche Lust sind die beiden sich nicht unähnlich. Es gibt in Despentes' "King Kong Theorie" einen Text darüber, wie Männer dauernd über Frauen reden und die Frauen selbst nicht zu Wort kommen. Den kann man eins zu eins auf "Lulu" münzen, wo sich die Männer auch seitenlang über irgendwelche Pompons und transparenten Strümpfe zu Tode reden. Durch diese Despentes-Brille sieht der Wedekind-Text plötzlich ganz anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Stangenberg: Wenn Lulu zum Beispiel am Anfang als Modell zum Maler Schwarz sagt, malen Sie mir den Mund bitte etwas geöffnet, denkt man: Aha, klar, das ist sexuell, sie will ihn verführen. Mit Despentes wird daraus auf einmal: Ich mache meinen Mund auf! Ich will etwas sagen!

SPIEGEL ONLINE: Leuchtete es Ihnen ein, dass man heute unbedingt dieses Stück aufführen will, als Sie für die Rolle gefragt wurden?

Stangenberg: Wenn ich erzähle, dass ich gerade "Lulu" probe, ist die häufigste Reaktion tatsächlich: Na, ihr gebt's euch ja, seid ihr Selbstmörder? Mir persönlich geht das überhaupt nicht so. Ich liebe diesen Wedekind heiß und innig. Der ist wie eine Bohrmaschine, die sich so richtig tief in die Eingeweide dieser Mann-Frau-Beziehung in einer patriarchal geprägten Gesellschaft hineinbohrt. Wenn Männer seitenlang über Tutus reden, sind es für mich auch sie, die ausgestellt werden, nicht die Frauen. Trotzdem sagen viele, der Sexismus sei nicht auszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Mit Sexismusvorwürfen haben Sie ja Erfahrung!

Stangenberg: Klar, das war immer die Unterstellung an der Volksbühne unter der Intendanz von Frank Castorf, wo ich jahrelang im Ensemble war: Es sei sexistisch, dass die Schauspielerinnen alle in High Heels und mit sexy Perücken rumlaufen. Dabei sind Castorf, René Pollesch und viele andere, die dort gearbeitet haben, schon immer Regisseure gewesen, bei denen die Frauen am Ende die stärkeren Texte hatten.

SPIEGEL ONLINE: In Castorfs "Faust" erklärte die Gretchen-Darstellerin dem männlichen Protagonisten in einem brustoffenen Kostüm auf Literaturprofessorinnen-Niveau das Stück.

Stangenberg: Ja, man war immer mit einer großen intellektuellen Kraft bewaffnet und durfte nicht nur die Gretchenfrage stellen. Deswegen habe ich diesen Sexismusvorwurf nie verstanden, für mich ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Feminismus kann ja auch nicht bedeuten, dass Frauen nur noch Schnee-Anoraks tragen.

SPIEGEL ONLINE: In Frank Castorfs Inszenierung "Der haarige Affe" am Hamburger Schauspielhaus tragen Sie zeitweise gar nichts.

Stangenberg: (lacht) Sie spielen auf die Szene an, in der ich 20 Minuten lang unbekleidet Kohlen schaufle. Die hat alle #MeToo-ler aufgeregt! Da wurde ich ja sogar ausgebuht.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich?

Stangenberg: Ja, allerdings nur bei der Premiere - leider. Ich fand's nämlich ganz lustig! Es ist doch interessant, dass man noch so provozieren kann. Mich kann das gar nicht angreifen. Wenn man sich heute noch über Nacktheit in der Kunst aufregt, dann weiß ich auch nicht: Welcome to puritanism!

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das durch #MeToo verändert?

Stangenberg: Dass Männer, die sexuell übergriffig werden, einen Prozess bekommen, ist richtig und wichtig, darüber bin ich froh. Aber wenn die #MeToo-Debatte als negativen Kollateralschaden diese Form von Puritanismus mit sich bringt, finde ich das furchtbar. Über Nacktheit muss man doch eigentlich gar nicht reden. Wenn man sich die Filme von großen Künstlern anschaut - Buñuel oder wem auch immer - kann das doch nicht wirklich noch eine Angriffsfläche sein. Und wenn Männer an der Rampe halbnackt ihre Wampe rauslassen, sagt doch auch keiner was.

SPIEGEL ONLINE: Es geht in der Debatte häufig auch darum, wer inszeniert. Viele empfinden weibliche Nacktheit vor allem bei männlichen Regisseuren als problematisch.

Stangenberg: Es wird immer davon ausgegangen, der Regisseur hätte einen gezwungen. Wenn es so wäre, dann fände ich das auch schlimm. Aber wir sind ja alle autonome Schauspielerinnen, wenn eine was nicht an- oder ausziehen oder einen bestimmten Text nicht sprechen will, dann tut sie das nicht.

SPIEGEL ONLINE: In Nicolette Krebitz' Film "Wild" leben Sie mit einem Wolf zusammen, auch dieser Film hat viele verstört. Mit welchen Zuschreibungen werden Sie als Schauspielerin besonders oft konfrontiert?

Stangenberg: Bisschen verrückt oder schräg oder speziell, auch naiv - das sind so Worte, die mir bekannt vorkommen. Filmkritiker schreiben auch oft: verhuscht. Aber eigentlich kann ich mich gar nicht beschweren, weil ich bis jetzt überhaupt nicht das Gefühl habe, in irgendeiner Schublade gelandet zu sein.


"Lulu". Premiere am 30. Mai an der Berliner Volksbühne. Weitere Vorstellungen am 1., 6. und 13. Juni.

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