Literarisches Quartett "Am perfektesten formuliert"

Nach der Auferstehung des Literarischen Quartetts zu Schillers 200. Todestag im April hat sich die Runde um Literaturpapst Marcel-Reich-Ranicki erneut getroffen. Dieses Mal huldigten sie dem Nobelpreisträger Thomas Mann - mal unfreiwillig komisch, mal amüsant und am Ende etwas langatmig.

Von Andrea Tholl


Quartett-Stars Radisch, Karasek, Reich-Ranicki: Alle Fragen offen
ZDF/ Sessner

Quartett-Stars Radisch, Karasek, Reich-Ranicki: Alle Fragen offen

Eigentlich gibt es das Literarische Quartett seit drei Jahren nicht mehr. Ausnahmen werden aber neuerdings gemacht, wenn etwas ganz Wichtiges zu besprechen ist: Gestern gedachte die Runde im ZDF Thomas Mann, verstorben vor 50 Jahren. Als Gast war der Lyriker und Zeichner Robert Gernhardt mit von der Partie, ein freundlicher, intelligenter Herr, der sich mit bissigem Humor (Gernhardt war Autor für "Pardon" und "Titanic") und Sachkenntnis für die Runde qualifizierte: Er hat sich intensiv mit den Nebenrollen in den Mann'schen Werken beschäftigt.

Es war das zweite Mal, dass die Talk-Runde sich in diesem Jahr traf, um die Werke eines Verstorbenen zu würdigen: Zum 200. Todestag von Friedrich Schiller hatte sich der Kreis im vergangenen April erstmals wieder versammelt. Marcel-Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Iris Radisch luden damals die TV-Literaturinstanz Elke Heidenreich ein.

Dieses Mal traf sich das Quartett im Travemünder Casino, dem Badeort bei Lübeck, in dem Thomas Mann als Junge "die unzweifelhaft glücklichsten Tage" (Mann) seines Lebens verbracht hatte. Allerdings schien es, als würde die gediegen-betuliche Dekoration des Ortes auf die Runde abfärben. Friedlich plätscherte das Gespräch des Quartetts vor sich hin, auch der streitlustige Reich-Ranicki, mittlerweile 85, gab sich zahm - von einigen erhobenen Zeigefingern und dem ein oder anderen Nicht-ausreden-lassen mal abgesehen. Von den lebhaften, oft polarisierenden und durchaus verletzenden Streitgesprächen früherer Jahre war man weit entfernt.

Großautor Mann: "Ein Erotiker!"
DPA

Großautor Mann: "Ein Erotiker!"

Vier Erzählungen hatten sie sich vorgenommen: "Tristan" (1903), "Tod in Venedig" (1912), "Mario und der Zauberer" (1930) und "Tonio Kröger" (1903). Die großen Romane wie "Buddenbrooks" oder "Der Zauberberg" sollten außen vor bleiben. "Tristan" wurde von der "Zeit"-Journalistin Iris Radisch vorgestellt. Ihr gefiel, dass die Novelle so etwas wie "Thomas Mann in einer Nussschale" sei: Alle literarischen Motive Manns fänden sich in "Tristan" wieder. Sie referierte wortgewandt, aber viel zu schnell. Vermutlich wollte sie so viel wie möglich loswerden, bevor Reich-Ranicki und Karasek ihr ins Wort fielen, man kennt das ja von früher. Flapsig kommentierte sie Manns Vorliebe für Richard Wagner. Die Protagonistin stirbt nämlich, während sie auf dem Klavier Auszüge aus "Tristan und Isolde" spielt. "Stirbt sie an der Lunge oder an Wagner?", fragte Radisch, "man weiß es nicht".

Das war eine der wenigen Pointen einer eher langweiligen Veranstaltung. Komik gab es höchstens unfreiwillig, zum Beispiel als Hellmuth Karasek bei der Vorstellung von "Tod in Venedig" erklärte: Das Buch sei das Werk Thomas Manns, "wo er eigentlich am perfektesten formuliert". Perfektest formuliert wurde in der Sendung sowieso eher wenig: Ob Reich-Ranicki meinte, Goethe sei zur Hälfte Thomas Mann oder umgekehrt, war nicht zu ergründen. Radisch reihte Nietzsche, Eros und das Dionysische in eine komplizierte Syntax, in der sich auch der Sinn ihrer Aussage verhedderte. Einige der Jüngeren im Publikum betrachteten spätestens jetzt den Stuck an der Decke, andere blickten durch die hohen Fenster sinnierend in den Holsteiner Himmel, blau wie selten in diesem Sommer.

Zum Glück gab es auch konkretere Passagen in der Diskussion. Reich-Ranicki erklärte, für ihn finde sich im "Tod in Venedig" der "entscheidende Augenblick für die gesamte deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts", als der verliebte 50-Jährige Schriftsteller hinter dem Objekt seiner Begierde, dem polnischen Knaben, geht und seine Hand auf dessen Schulter legen könnte - aber es nicht tut. Aus Angst. "Das war ein Erotiker!", sagte Reich-Ranicki "Ein verhinderter!", rief Radisch. "Ein sublimierter!", meinte Karasek. Gut so, fand Gernhardt: "Ein Erotiker, der Erotik praktiziert, ist ein Sexist."

Schriftsteller Gernhardt: Uneitel, freundlich, humorvoll
DPA

Schriftsteller Gernhardt: Uneitel, freundlich, humorvoll

Robert Gernhardt stellte die Novelle "Mario und der Zauberer" vor, die im Italien Mussolinis spielt und eine hochpolitische Geschichte sei. Gernhardt blieb den ganzen Abend über sympathisch gelassen. Er redete weitaus weniger als die anderen, war aber uneitel genug, sich daran kein bisschen zu stören. Dass Thomas Mann samt Familie nur eine Woche in Venedig war und trotzdem Stoff für eine ganze Erzählung zusammentrug, bewunderte der Frankfurter als "ökonomische Haltung".

Als vierte und letzte Novelle stellte Reich-Ranicki "Tonio Kröger" vor. Dieses Werk hätte ihn schon als 14-Jährigen begeistert. Es spiegele das zentrale Motiv Manns wider: die Polarität zwischen Künstler und Bürger. Radisch zeigte sich dagegen "fast empört über die Ehrenrettung des simpel gedachten Bürgerlichen". So recht zu verstehen war dieser Gefühlsausbruch zwar nicht, aber wenigstens kam mal wieder Leben in die Bude.

Man hätte gern mehr davon gehabt an diesem Abend. Seine beiden zentralen Aufgaben (1. den Zuschauer unterhalten, 2. Lust auf Thomas Mann machen) hat das Quartett nur bedingt erfüllt. Reich-Ranicki-Fans haben einen routinierten Altmeister auf der Suche nach seiner Normalform gesehen. Wer mit dem Werk des berühmten Lübeckers nicht besonders vertraut ist, wird mit mehr Fragen als Antworten ins Bett gegangen sein. Vielleicht wird es beim nächsten Vereinstreffen des Clubs der Freunde toter Dichter interessanter - im nächsten Jahr stehen weitere Todestage an. Im Februar der 150. von Heinrich Heine, im August der 50. von Bertolt Brecht. Nutzen Sie die Zeit bis dahin mit entsprechender Sekundärliteratur.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.