Literaturverfilmungen Millionenschwere Hirngespinste

Hollywood im Lesewahn: Der Markt für Literaturverfilmungen erlebt schon seit mehreren Jahren einen ungebrochenen Boom, Autoren kassieren siebenstellige Beräge für die Rechte an ihren Roman-Manuskripten. Das Schauspiel mit dem geschriebenen Wort ist jedoch allzu oft ein höchst unsicheres Geschäft...

Von Helmut Sorge


Verfilmte Verschwörungstheorie: Levinsons unglaubliche James-Dean-Story

Verfilmte Verschwörungstheorie: Levinsons unglaubliche James-Dean-Story

"O süße Trugbilder! O Hirngespinste", hat Jean Jacques Rousseau in "Julie oder die neue Héloise" formuliert, "letzte Zuflucht der Unglücklichen! Ach, ersetzt uns, wenn es möglich ist, die Wirklichkeit." Er ist erhört, der edle Philosoph: Amerikas Phantasten werden mit Postillen wie "Weekly World News" bedient, die gelegentlich auch Mal Kennedy wiederauferstehen lassen und erklären, wie Marilyn dem Sarg entstieg. Wenn es sein muss, wegen der Auflage, würden sie wohl auch Adolf Hitler beim Golf zeigen, gebeugt wie der Papst, nur um einige Jahrzehnte älter.

Kaum ein normaler Zeitungsleser nimmt diese Phantasieprodukte ernst, verkauft werden die Blätter meist an den Kassen von Supermärkten. Man könnte diese Erfindungen und deren Faszination belächeln, sie etwa mit dem Weltmacht-verdrossenen Seufzer "Die spinnen, die Amis" hinnehmen. Nur: eine dieser wundersamen Phantasmagorien wird demnächst als Hollywood-Film global vermarktet: "The James Dean Affair". "Eine ganze Menge Leute haben Interesse angemeldet", beteuert die Agentin des Verlags, bei dem der enthüllende Verschwörungsroman um das Fortleben des Hollywood-Stars James Dean im vergangenen Jahr erschienen ist. Ein solcher Film, so ist zu befürchten, wird einmal mehr jene bestärken, die glauben wollen, dass auch Humphrey Bogart nie gestorben ist und mit Maria Callas auf einer steinigen Griechen-Insel einen Fahrradverleih betreibt.

Robert Levinson, der Autor des Machwerks, lässt seine zwei (Roman-)Figuren Neil Gulliver und Stevie Marriner gleich mit mehreren James-Dean-Figuren, einschließlich eines bisher verschollenen Dean-Sohnes, den Kampf aufnehmen - sie töten all jene Dean-Vertrauten, die sein Andenken nicht würdigen: Natalie Wood - ertrunken. Sal Mineo - erstochen. Nick Adams, ein Freund, beging Selbstmord. Wirklichkeit trifft Phantasie. Keine Frage, alle erwähnten Personen sind tatsächlich so ums Leben gekommen. Nur eben nicht ganz so, wie die Polizei ermittelte, dichtet der Autor.

Überleben in der Rolle der Geliebten

Eine gewisse Ada Montgomery, die wahrscheinlich das Kind ihre Geliebten James gebar, entdecken die (fiktiven) Fahnder in Fairmount, Indiana, dem Heimatort Jimmys. Nur ist Ada wirklich noch Ada? Tatsächlich ist sie tot, und James Dean selbst, sichtlich gealtert, spielt ihre Rolle. Er selbst soll 1955 bei einem Zusammenstoss auf einer kalifornischen Landstrasse im Porsche ums Leben gekommen sein - Rolf W., sein deutscher Beifahrer (ein Automechaniker) überlebte. Für einige Jahrzehnte. Dann sein Ende: Autounfall in Kupferzell. Auch der Mechaniker ist also tot. Er hatte Deans Erben verklagen wollen. Wurde er ermordet? Schließlich ist Dean nicht mehr der "Giganten"-Star, die Legende, sondern ein banaler Killer. Am Ende wird er selbst in Fairmount erschossen. Ist das nun bewiesen? Oder arbeitet er jetzt für George Bush als Butler? Ein Stoff, aus dem Hollywood-Produkte werden...

Aus Oprahs Sendung direkt nach Hollywood: Fitchs Debüt-Roman "White Oleander"

Aus Oprahs Sendung direkt nach Hollywood: Fitchs Debüt-Roman "White Oleander"

Ohnehin ist man in Hollywood derzeit auf Literaturvorlagen abonniert: 22 Jahre lang schrieb Janet Fitch, inzwischen 45, an Kurzgeschichten und Drehbüchern. Schreiben, schreiben und schreiben und kein Buchdeal. Hin und wieder veröffentlichte sie ein Stück in Literaturblättern, dann weiter schreiben, weiter Geld verdienen, jobben. Schließlich erfolgte der Zuspruch: Bestseller-Autorin Joyce Carol Oates ("Blonde") rät Fitch, aus einem bei ihr eingereichten Manuskript das erste Kapitel eines Romans zu machen. Janet Fitch verfasst gleich opulente 446 Seiten, es wird als "White Oleander" veröffentlicht.

Oprah Winfrey, Talkshowmoderatorin, Verlegerin und populärste Literaturkritikerin Amerikas, äußerte sich in ihrer Sendung begeistert über das Werk, die Geschichte zweier Frauen, Mutter Ingrid Magnusson, und ihre Tochter Astrid. Die Mutter ist Dichterin und Schriftstellerin. Verbittert. Abgeschottet gegen Gefühle der Männer. "Du hast keinen Vater", erklärt sie der Tochter. Punkt. Nach Jahren in der sexuellen Dunkelkammer vertraut sie wieder einem Mann, doch einmal mehr wird sie enttäuscht. Das Licht der Liebe erlischt - die Dichterin verfällt dem Hass. Sie versteigt sich in Rache-Gefühle gegen den Mann, der eine andere liebt. Am Ende tötet sie ihn. Das Urteil: 35 Jahre bis lebenslänglich. Sozialämter bringen Astrid bei Familien unter, so genannten "foster homes", auch bei Leuten im Wohnwagenpark, dem Parkplatz der Hoffnungslosen.

Sie wird verführt, sie wird missbraucht. Eine Ziehmutter, die Astrid liebt, bringt sich um. Die leibliche Mutter versucht, aus dem Knast heraus die Tochter zu beschützen - und scheitert. Sie schreibt und schreibt, doch sie erreicht das Kind nicht mehr, das durch sechs "Pflegeheime" geschleust wird und dabei heranreift - einsam und enttäuscht. Eine Anwältin erzwingt schließlich die Revision im Fall der Mutter, doch Astrid verweigert die ihr angetragene (Falsch)-Aussage. Sie versucht nur noch zu entkommen. Autorin Janet Fitch kannte ihre Astrid, vielleicht war sie es sogar selbst. Ihre eigene Mutter "hat es nie verstanden, Mutter zu sein - sie war überfordert", sagt sie. Das "Wall Street Journal" bewertete das (Erstlings)-Werk als das "am besten behütete Geheimnis der Saison." Dabei blieb es natürlich nicht lange. Hollywood bringt die Geschichte (mit Michelle Pfeiffer in der Hauptrolle) im nächsten Jahr in die Kinos.

"Grausam, schön, realistisch"

Ein weiteres Beispiel: Mark Bowden war Reporter, mehr als zwei Jahrzehnte lang, vor allem beim "Philadelphia Inquirer". Eines seiner Bücher, "Black Hawk Down" hatte vor wenigen Wochen Film-Premiere - der missglückte Einsatz von 160 amerikanischen GIs in Somalia, 18 von ihnen sterben. Ridley Scott, Regisseur von "Blade Runner" und "Gladiator", ist auch für diesen Streifen wieder Oscar-Kandidat. Kritiker urteilen: "Grausam, schön, realistisch." Im letzten Jahr hat Bowden erneut ein Werk bei seinem Verleger abgeliefert: "Killing Pablo". Die Jagd nach Pablo Escobar, dem kolumbianischen Mega-Drogendealer, der in seinen 44 Lebensjahren zu einem "weltweit gefürchteten Terroristen" wurde und zu einem Multi-Milliardär dazu: "Forbes" setzte den Kriminellen 1989 in der Rangliste der reichsten Männer der Welt auf Platz 7.

Bowden-Buch "Killing Pablo": Kolumbianischer Superstar

Bowden-Buch "Killing Pablo": Kolumbianischer Superstar

Er war, so Bowden, "ein bösartiger Gangster, der ein soziales Gewissen hatte." Seine Drogen trieben Menschen in den Tod, er selbst protzte und prasste, doch er unterstützte die Armen seiner Nachbarschaft, baute Sportplätze, gab Geld. Die Escobar-Grabstätte in seiner Heimatstadt Medellin ist folglich "eine der populärsten Touristenattraktionen der Stadt." Nun wird Escobar, den im Dezember 1993 in Los Olivos (Medellin) die Kugeln eines Sonderkommandos töteten, von Hollywood verewigt. Mark Bowden hat sein Werk verkauft. Und arbeitet schon wieder auf einen Bestseller zu: das Geiseldrama von Teheran anno 1979.

  • 1. Teil: Millionenschwere Hirngespinste
  • 2. Teil


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