Live-Art-Festival Lass mal Protest spielen

Mittendrin statt nur dabei - das Performance-Programm "Kollektive aller Länder!" bezieht die Zuschauer in die Inszenierungen mit ein. Der krönende Abschluss: eine Parade der Protest- und Feierkulturen, bei der die Gäste mit um die Häuser ziehen können.

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Die Stadt ist ja eine Bühne, auf der sich jeder inszeniert, permanent und für alle anderen, und so gibt es auf öffentlichen Plätzen mitunter mehr Schauspielkunst zu bestaunen als in einem Theater.

Wer's nicht glaubt, muss sich in diesen fröhlichen Frühlingstagen nur mal eine Stunde aufmerksam in ein Straßencafé setzen - oder noch besser: mit gut hundert anderen Zuschauern am 7., 8. oder 9. Mai auf die Tribüne, die die Kulturfabrik Kampnagel ausgerechnet am Hamburger Hauptbahnhof aufbaut, direkt neben dem Deutschen Schauspielhaus also, dessen Schauspielkunst derzeit nicht den besten Ruf genießt.

Von dieser Tribüne aus können die Zuschauer einerseits die ganz realen Passanten beobachten, die als eitle Gockel posieren oder als coole Checker - und sicher verwirrt sind, wenn sie plötzlich von Dutzenden Augenpaaren direkt angestarrt werden. Vor allem aber gilt es, zwischen den Passanten die Performer des australischen "Back to Back Theatres" zu entdecken.

"Small Metal Objects" heißt ihre Arbeit, die 2007 schon einmal in Hannover und in Zürich zu sehen war, und nun das Kampnagel-Art-Festival in Hamburg eröffnet. Unter dem Motto "Kollektive aller Länder!", einer verstümmelten Parole, beschäftigt es sich mit verschiedenen Facetten gemeinsamer künstlerischer Arbeit, mit dem Kollektiv als sozialer Komposition und dem Zuschauer als Akteur.

Die vier Performer des "Back to Back Theatres", darunter zwei mit geistiger Behinderung, geben ein Stück, in dem ein Immobilienspekulant und eine Psychologin bei den Dealern Steve und Gary Drogen kaufen wollen. Sie sehen aus wie normale Passanten, sprechen aber in kaum sichtbare Mikroports, so dass die Zuschauer auf der Tribüne ihren Dialogen über Kopfhörer folgen- und sie nach einiger Zeit auch optisch in der Menge isolieren können.

Wer jedoch keinen Kopfhörer trägt, wer also nur ein Passant ist und kein zahlender Zuschauer, der wird sich wundern: über die Tribüne ohne Bühne, über plötzliches kollektives Lachen, über Applaus.

Wer wohl gemeint ist? Am Ende er selbst?

Jeder Passant wird so zum Statisten, ob er will oder nicht - ein verwirrendes Wechselspiel von Realität und Fiktion.

Auf dem Festival-Programm stehen ferner die interaktive Performance "Der neue Mensch" der Radiokunst-Gruppe Ligna und die Uraufführung "Body Swap", für die die Choreografinnen Dani Brown aus Hamburg und Joavien Ng aus Singapur eine Woche lang ihre Identitäten und Wohnungen getauscht haben, um die Wahrnehmung des jeweils anderen Körpers in seinem kulturellen Umfeld zu untersuchen.

Die Regisseurin Ivana Müller, 2007 doppelt preisgekrönt beim renommierten Off-Theater-Festival "Impulse", präsentiert auf Kampnagel die deutsche Erstaufführung ihrer neuen Produktion "Playing Ensemble Again and Again". Die Vorstellung beginnt laut Ankündigung mit der Aktion, mit der andere Vorstellungen aufhören: mit der Verbeugung. Ausgehend von ihr, denken die Performer "laut über das Stück nach, das sie eben aufgeführt haben". Klingt ebenso interessant wie intellektuell verschroben: Wer sich eine Vorstellung von der Vorstellung machen will, muss wohl hingehen.

Gelegenheit dazu ist am 22. und 23. Mai, am Abschlusswochenende des Live-Art-Festivals, an dem auch die Uraufführung der neuen Produktion von "Showcase Beat Le Mot" läuft.

In der Parade "Dynamo Themen Rave" untersuchen die Performer verschiedene Formen des Protests: Kostümiert und musikalisch beschallt, umkreisen sie das Kampnagel-Gelände und ändern mit jeder Runde Thema und Motto ihrer Mini-Demonstration, inklusive Kostüm- und Musikwechsel natürlich. Die Festivalgäste können das Geschehen vom Straßenrand aus beobachten - viel mehr Spaß aber macht es sicher, aktiv mitzuziehen. Wer sich vorbereiten will, dies sind einige der Themenrunden: klassischer Rave, traditionell schwäbischer Faschingsumzug, Schweigemarsch, G-8-Protest und großes Polonaise-Blankenese-Finale.

Die Produktion, so viel lässt sich vorab vermuten, fragt nach der Authentizität ach so authentischer Feierkulturen. Und sie zeigt, was jeder gute politische Protest auch ist: großes Theater.


"Kollektive alle Länder!": Live-Art-Festival vom 7. bis 23. Mai auf Kampnagel Hamburg, Jarrestraße 20, Tel. 040/27 09 49 49.



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