Szenemagazin "Lodown" "Das war Aktionismus und Naivität"

Street-Art, Skateboards, coole Bilder - das Szenemagazin "Lodown" war 20 Jahre lang die Stimme der Jugendkultur. Hier erklärt der Herausgeber, warum es nun eingestellt wird.

Lodown Magazine

Ein Interview von Lorenzo Taurino


Zur Person
  • James Pearson Howes
    Thomas Marecki alias Marok, 43, studierte Grafikdesign in Berlin und arbeitete 1994 für Dave Carsons "Ray Gun Magazine" in Kalifornien. 1995 gründete er das englischsprachige "Lodown Magazine für Popkultur und Bewegungskunst" in Deutschland, mit einer Auflage von zuletzt 40.000 Exemplaren. Mit der jetzt erscheinenden 100. Ausgabe wird "Lodown" eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Marecki, Sie haben 20 Jahre lang das Szenemagazin "Lodown" über Kunst, Musik und Skateboardkultur herausgegeben. Sind Sie in der schnelllebigen Jugendkultur relevant geblieben?

Marecki: Von Relevanz zu sprechen ist gar nicht in meinem Sinne. Es war nie mein Anliegen, popkulturell wichtig zu sein, sondern ein freigeistiges Magazin zu machen. Viele unserer Themen wurden später durch den Mainstream gejagt und haben erst dadurch ihre Relevanz erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Marecki: Street-Art. Wir haben uns schon in den ersten Ausgaben damit beschäftigt und im Jahr 2001 das erste Banksy Interview veröffentlicht. Damals gab es noch gar keinen Terminus für Kunst im öffentlichen Raum, man sprach noch umständlich von Postgraffiti. Als das Thema dann Mainstream wurde, haben wir uns davon verabschiedet, um nicht als Street Art Magazin zu gelten.

SPIEGEL ONLINE: Was findet man heute in der "Lodown"?

Marecki: Die 100. Ausgabe ist zu zwei Dritteln eine Retrospektive, es gibt aber auch viele neue Arbeiten von Künstlern zu dieser Ausgabe, etwa von Stefan Marx, Cody Hudson, Eric Haze. Zum Jubiläum halten wir auch nostalgisch Rückschau und listen unsere 100 liebsten Filme und Musikalben aus der Zeit von 1995 bis 2015 auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zur Gründung der "Lodown" als Do-it-yourself-Projekt?

Marecki: Ich war 23, als ich nach Berlin zurück kam. Ich hatte einige Zeit an der Westküste der USA gelebt und war aufgeladen von der DIY-Mentalität der dortigen Surf-, Musik- und Fanzine-Kultur. Berlin war voll von aufregender Kunst und Underground-Szenen, aber es gab kein Magazin, das sich damit beschäftigte. Ich wollte etwas Ähnliches wie in Kalifornien hervorbringen und es grafisch innovativ gestalten. Das habe ich umgesetzt - mit reinem Aktionismus, Naivität und der Hilfe von Freunden.

SPIEGEL ONLINE: Die hundertste Ausgabe soll nun die letzte sein. Warum?

Marecki: Der Magazin-Markt, wie er in den Neunzigern und Nullerjahren funktionierte, ist tot. Der Grafiker David Carson sprach schon zur Gründung meines Magazins 1995 vom Ende des Printmarkts. Heute ist die Zeit gekommen: Das Medium ist nicht mehr relevant für den Transport popkultureller Information. Das Problem ist auch die allgemeine Akzeptanz von medialem Schrott und dessen Monetarisierung. Werbekunden wollen heute ihr Produkt vor ein Katzenvideo mit 12 Millionen Views setzen. Das macht für sie Sinn - für mich eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für Ihr Magazin?

Marecki: Mit der 100. Ausgabe findet ein Zäsur statt, was allerdings nicht den Abschied von Lodown Publishing bedeutet, sondern dass ich mich auf spezielle Themen des Pop-Universums konzentriere und monothematische Ausgaben herausgeben werde. Das richtet sich dann an Leser, denen Qualität und Exklusivität noch etwas wert ist.

SPIEGEL ONLINE: Das sind dann vermutlich nicht die jungen Wilden?

Marecki: Ich denke doch, wir suchen immer noch das Neue und Unbekannte jenseits von Mainstream und Celebritys. Das interessiert auch eine neue Generation, die ständig der Wiederholung von Trends ausgesetzt wird. 2016 werden wir zum Beispiel nochmal eine Ausgabe zum Thema Jugendkultur machen, bevor wir wirklich zu alt dafür sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wohin geht Ihre persönliche Reise?

Marecki: Keine Ahnung, ich bin Surfer, da muss man auf die nächste gute Welle warten - aber auch an den richtigen Spot fahren. Ich bewege mich zwischen Kunst und Design und kann vielleicht ein paar Ratschläge geben. Ich muss auf jeden Fall immer irgendetwas Neues machen, da ich sonst vor Langeweile sterbe.

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