Bayreuther Festspiele Ins Blaue gezielt, ins Schwarze getroffen

Beim neuen Bayreuther "Lohengrin" 2018 stimmt vieles. Exquisite Stimmen, interessante Bühne, visionäre Bilder. Da stört die flaue Regie von Yuval Sharon wenig.
Das von dem Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltete "Lohengrin"-Bühnenbild in Bayreuth

Das von dem Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestaltete "Lohengrin"-Bühnenbild in Bayreuth

Foto: DPA/Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth

Dieses Blau! Künstler Neo Rauch, der zusammen mit seiner Partnerin Rosa Loy das Bühnenbild des neuen Bayreuther "Lohengrin" schuf, wählte die Farbe, weil sie ihm wie eine unbezwingbare Vision ereilte. So beschrieb er es vor der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Und dieses Blau, die Farbe der tiefen, selbstgewissen Ruhe beschreibt eine Menge, nicht nur in Sachen "Lohengrin".

So viel Harmonie herrschte selten auf dem Grünen Hügel. Die Chefin Katharina Wagner schwärmte von dem Team, die Macher lobten die Arbeitsbedingungen (Neo Rauch: "Wie ein Kindergeburtstag!"), Musikdirektor Christian Thielemann dirigierte laut eigener Aussage ganz neu, sogar die Sängerinnen und Sänger klangen euphorisch.

Wer sprach da noch über die Kurz-auf-Knapp-Absage des ursprünglichen "Lohengrin" Roberto Alagna, wenn es einen Top-"Ersatz" wie den Strahle-Tenor Piotr Beczala zu bestaunen gab. Vielleicht war es gar nicht so übel, dass die seltsam salzlose Regie des amerikanischen Regisseurs Yuval Sharon dabei nicht weiter störte.

Eine Gesellschaft unter Strom

Die Antwerpener Gesellschaft im 10. Jahrhundert ist gefestigt. Die Ritter, die nach Wunsch von König Heinrich gegen Ungarn Krieg führen sollen, werden bestens motiviert, alles eingerahmt vom Delfter Kachelblau. Bürger wie Ritter tragen entsprechend eingefärbte Kostüme, alles im Lack. Wäre da nur nicht Elsa, Rivalin von Ortrud, Gefährtin des Grafen Telramund. Sie soll - Intrige! - ihren Bruder ermordet haben und dafür aufs Schafott. Doch sie visioniert ihren Retter, den Schwanenritter, der den vermeintlichen Fortschritt bringen soll. Denn diese Gesellschaft steht quasi schon unter Strom, es grüßt prominent ein Kraftwerk mit Spannungsmasten. Folglich erscheint Lohengrin zunächst nicht in schimmernder Rüstung, sondern als eine Art Werksmechaniker im Designer-Blaumann. Die schimmernde Rüstung allerdings hat er dennoch im Gepäck.

Gleich zu Beginn trumpft Anja Harteros als "Elsa"-erfahrene Sopranistin mit einer kraftvollen, dennoch lyrisch-emotional gesungenen Traumerzählung ("Einsam in trüben Tagen") auf, die den sängerischen Standard der Produktion auf den Punkt bringt. Was Christian Thieleman im ätherisch schimmerndem Vorspiel schon an Frische und treibender Energie aus dem perfekt eingestellten Orchester herausholt, ist schlicht sensationell. Und es reißt alle immer wieder mit.

Akustik längst kein Problem mehr

Seien es der Chor der Bürger und Adeligen - von der Regie meist hübsch sängerfreundlich als Grundierung hinten auf der Bühne oder flankierend platziert - oder die Solisten, die allesamt das dunkle Blau mit kraftvollem Gesang durchdringen. Einmal wirkt der Chor so animiert, dass er sogar das flotte Orchester überholt. Nur einen Moment, aber bezeichnend. Kein schlimmer Patzer, eher amüsant inmitten der fabelhaften Ensemble-Leistung. Ansonsten gelingt die Abstimmung zwischen Orchester und Bühne lückenlos. Die heikle Bayreuth-Akustik ist für den Musikdirektor Thielemann kein Problem mehr, schließlich hat er hier schon das komplette Festspielprogramm dirigiert.

Auch mit dem polnischen Tenor Piotr Beczala hat er schon einen "Lohengrin" präsentiert, allerdings bei seiner Chefposition an der Dresdner Semperoper. Beczalas elegante Höhen liefern eine schwerelosen, traumhaft eindringlichen Schwanenritter, der sowohl in den intensiven Elsa-Duetten wie auch in den Massenszenen triumphiert.

Der Bühnenaufbau mit relativ wenigen optischen Zentrierungen macht allerdings auch so seltsame Regieeinfälle möglich, wie den, Lohengrin zu seiner großen Gralsritter-Erzählung ("In fernem Land") ganz nach hinten zu schicken, damit er sich dann auf den Knien wieder zur fatalen Namensnennung heran robbt ("Nie sollst du mich befragen!" forderte er ja bekanntlich zunächst).

Orange als Kontrapunkt

Die Vermählung und Brautnacht von Elsa und Lohengrin bringt denn auch folgerichtig den einzigen grellen Farbtupfer im schrillen Orange des schlichten Zimmers, aus dem Elsa mit entsprechend gefärbtem Kleid hervorgeht. Auch optisch nun ein Kontrapunkt zur Gesellschaft.

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Bayreuther Festspiele: Die Prominenz versammelt sich

Foto: STRINGER/ REUTERS

Zwar wird Elsa rehabilitiert, die Widersacherin Ortrud soll sterben, aber Lohengrin muss getreu seinem Gelübde "weiterziehen". Manche Regisseure (wie Hans Neuenfels bei der letzten Bayreuther Version) bescheren einen jungen Nachwuchs, andere lassen ins Licht der Erkenntnis blicken. Yuval Sharon lässt einfach die Frauen leben, Ortrud zwar in Fesseln, aber immerhin. Jedenfalls sinkt Elsa nicht tot dahin, sondern wird zum Finale von einem grünen Ampelmännchen besucht, mit leuchtendem Zweig. Man darf rätseln, wie es sich bei Regietheater-Einfällen gehört.

Großes Hügel-Comeback für Waltraut Meier

Ein weiterer großer Wurf war das Hügel-Comeback der Wagner-Diva Waltraud Meier als Ortrud, nach 18 (!) Jahren Festspiel-Abstinenz. Waltraud Meier bot eine makellose Leistung voller Dramatik, darstellerischer Intensität immer noch prachtvoll beherrschter Stimme, was vom Premieren-Publikum mit donnerndem Applaus und dicken Bravos honoriert wurde.

Ihr Sideman und Partner in Crime, Graf Telramund, erhielt vom polnischen Bariton Tomasz Konieczny eine brachial-geniale Grundierung, deren Kraft und Unerbittlichkeit in den Duetten mit Elsa und Ortrud männliche Gewalt durch stimmliche Gestaltung beinahe körperlich fühlbar machte. Auch hier eine große Leistung, ebenso wie vom immer soliden und sicheren Bass Georg Zeppenfeld, der seinen König Heinrich zum geforderten Ruhepol der Handlung gestaltete. Ein fantastisches Ensemble ohne Schwachpunkte, das zu Recht vom Publikum mit Jubel, Bravo und Getrampel in den Sommerabend entlassen wurde.

Festspielchefin Katharina Wagner kann zufrieden sein: Nach den erfolgreichen "Meistersingern" im vergangenen Jahr nun der kachelblaue, glänzend besetzte neue "Lohengrin". Die Festspielmacher dürfen erst mal durchatmen. Sogar der Ticket-Vorverkauf soll sich wieder auf altes Hysterie-Level eingependelt haben. Mal sehen, was der "Tannhäuser" nächstes Jahr bringt.

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