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30. April 2012, 15:26 Uhr

Golddigger in London

Suche Prada, biete Sex

Von Nora Gantenbrink

Helen Croydon ließ sich drei Jahre lang von Geschäftsmännern aushalten. Sie suchte das Glück in Champagnerbars, in Prada-Kleidern, im Sex mit Multimillionären. Sie fand fast alles. Außer Liebe.

Helen Croydon sucht Liebe und versucht es mit Sex. Wenn Männer in London ausgehen, treffen sie vielleicht auf Croydon. Sie sucht einen Mann mit Geld, gern mit Macht, etwas älter, gutgekleidet, weltgewandt. Einen Sugar Daddy, einen reichen Sack. Lieber Champagner als Prosecco. Ohne Anspruch auf Exklusivität.

Helen Croydon ist 34 Jahre alt. Ihr dünnes Haar ist blondiert und gestuft, und weil es so federleicht ist, wirkt es schnell zerzaust. Ihre Augen sind groß und rund, selbst wenn sie normal guckt, sieht es immer ein wenig aus, als ob sie staunt. Mit diesen Augen hat sie ein London gesehen, fernab von Big Ben und Madame Tussauds. Sie hat in eine sehr fremde Welt blicken können. Dort heißen die Menschen Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater und Hedgefondsmanager und haben wenig Zeit. Es ist die Welt der Banker und der Business-Class, in der es auch nach dem Finanzcrash im Jahr 2008 noch Geld genug gibt für Häuser, Autos, Maßanzüge und Frauen.

Helen Croydon hätte gern Zutritt zu dieser Welt des Geldes, und Frauen wie sie gibt es überall, aber vielleicht gibt es sie in einem Land wie Großbritannien noch etwas öfter als anderswo. Nicht nur, weil London einer der größten Finanzplätze der Welt ist. Sondern weil sich in diesem Land die Schichten klar abgrenzen, besonders die Oberschicht von allem, was darunter ist. Wer aufsteigen will, dem muss jemand von innen die Tür aufmachen.

Helen Croydon trägt ein rotes Kleid von Prada. Sie erzählt, dass sie es von einem amerikanischen Geschäftsmann geschenkt bekommen hat, der mit ihr in New York shoppen war. Um ihren Hals schmiegt sich ein Collier, und an den Füßen trägt sie Highheels mit Schleifen, die ihre Zehen zusammendrücken. Stehen sieht sehr schön aus auf den Schuhen, aber Gehen nicht. Darum sind in der Tüte über Croydons Schulter schwarze Ballerinas versteckt. Ihre Brüste sind rund und fest, die Taille schmal. Ihre Beine sind so dünn wie die von Schaufensterpuppen.

Golddigger: Statt Liebe gibt es Prada

"Golddigger" nennen die Banker die Frauen, die versuchen, reiche Geschäftsmänner aufzureißen, Goldgräber. Sie sind eine Art Pretty Woman, nur ohne Richard Gere. Goldgräber-Frauen kommen aus einfachen Verhältnissen und suchen mit einem reichen Mann ein größeres Glück. Sie mischen sich freitagabends unter die betrunkenen Geschäftsleute, die sich ins Feierabend-Koma saufen. Wer schon einmal bei gutem Wetter an der Themse entlangging oder durchs Embankment-Viertel, der hat sie gesehen, die ganzen schwarzen Anzüge vor den Pubs. Betrunkene sind für Golddigger leichte Beute, aber sie haben auch einen Haken: Nüchtern suchen sie oft das Weite.

Es gibt eine Internetseite namens Golddiggers.uk.com. Dort kann man auf der Startseite aus folgender Eingabe wählen: I am a Golddigger Babe / Golddigger Boy / Wealthy Lady / Wealthy Man. Croydon würde sich selbst niemals als Golddigger bezeichnen. Wenn man sie danach fragt, kräuselt sie die Nase und sagt, das sei ein schlimmes Wort, ein abfälliges. Einen Sugar Daddy suchen, sagt sie, solle man schreiben. Das klinge doch besser.

Sugar Daddys werden Männer genannt, die eine sexuell geprägte längerfristige Beziehung zu jüngeren Frauen suchen. Diese wiederum erhalten Gegenleistungen. Geld. Miete. Geschenke. Manche sogar ihre Rente. "Es gibt auch viele junge Frauen, die sich mit einem Sugar Daddy ihr Studium finanzieren", sagt Croydon. Ist das nicht schon Prostitution? Croydon sagt: "Jede Beziehung ist eine Form von Prostitution."

Croydon hat Japanologie studiert, danach war sie zunächst in einer Steuerberatung angestellt. Es war todlangweilig. Darum wurde sie Journalistin. Sie arbeitete für verschiedene Zeitungen und einen Radiosender in London. Das war zwar etwas aufregender, aber schlecht bezahlt. Sie sagt, dass sie 2007 mit den Business-Datings begann. Sie hatte sich von ihrem Freund nach drei Jahren getrennt, und ihr Job beim Radio lief schlecht. Sie sagt, sie habe zu Hause vor ihrem Computer gesessen und in die Google-Maske "dating older men" eingegeben. So fand sie mehrere Websites, sugardaddie.com war die größte. Sie meldete sich an. Als Pseudonym wählte sie "Perrier Jouet", eine Champagnermarke. Croydon sagt, das Geld habe sie fasziniert, und ältere Männer mochte sie schon immer. Mit 18 Jahren hatte sie ihren ersten Freund - er war 33. Es war ein Cocktail aus Spaß und Sex und Glamour.

"Wie ein Kind im Süßwarenladen"

Drei Jahre lang datete Helen Croydon über die Internetseite reiche Männer. Es waren meist Privatbanker, einmal traf sie sogar einen Multimillionär. Viele waren zum Arbeiten in London und kamen von überall aus der Welt. Wenn sie nicht arbeiteten, dann trafen sie sich abends mit Frauen wie Helen Croydon. Sie saß mit ihnen in den Lobbys Londoner Fünfsternehotels wie dem May Fair. Sie traf sich mit ihnen in Bars, die sie sich nie selbst hätte leisten können, oder in der fünften Etage des Luxuskaufhauses Harvey Nichols, wo man den Mojito mit Champagner trinkt. Sie hätte sich in dieser Zeit "wie ein Kind im Süßwarenladen gefühlt". Die Männer waren meist Berater, Manager, Geschäftsleute, so Mitte bis Ende fünfzig, wenn es ging, traf sie keine, die verheiratet waren, aber es ging nicht immer. Sie machte mit ihnen Reisen nach New York oder Malaysia. Sie hörte sich die Geschichten ihrer Scheidungen an, mit vielen hatte sie Sex, meistens in den Kingsize-Betten ihrer Hotels. Morgens brachte der Roomservice Champagner zum Frühstück. Die Männer standen auf und gingen ins Büro. Sie sagt, es habe ihr damals großen Spaß gemacht.

Golddigger, Prostituierte, Escort-Frauen, Callgirls, worin unterscheiden sie sich? Alles wird so unscharf wie die Konturen des Rummelplatzes bei einer Karussellfahrt. Sehnsüchte, Bedürfnisse, Gefühle, Berechnung. Wer will Sex, wer Liebe, wer Geld, wie viel und wann, für was? Für Außenstehende scheint es kompliziert, aber die Mitglieder der Systeme behalten den Durchblick, weil sie eigene Regeln haben.

Wer auf der Sugardaddy-Website eine Frau sucht, will keine Prostituierte finden, die gibt es schneller und billiger unter anderen Adressen. "Pro" dient als Codewort für Prostituierte. So warnen sich Mitglieder gegenseitig mit "Attention, this is a Pro". Eine Pro will niemand, eine Pro ist abgefuckt. Eine Pro fliegt aus der Datenbank, wenn sie auffliegt. Helen Croydon sagt, dass Business-Männer "Privatfrauen" bevorzugen. Die sind exklusiver.

Die Systematik des Dating

Durch das Geld der Männer konnte Croydon weniger arbeiten, sie schrieb in der Zeit ein Buch über ihre Erfahrungen. Es heißt "Sugar Daddy Diaries". Das Leben von Helen Croydon hatte sich verändert, aber die Treffen mit den Männern veränderten auch Helen Croydon selbst. Sie sagt, sie kannte irgendwann das Spiel: Anfrage, annehmen, verabreden, aufdonnern, annähern, aushandeln.

Sie hatte in den Jahren mehrere hundert Männer gedatet, die Gespräche wiederholten sich. Die Treffen bekamen eine Systematik. Es waren Männer mit ähnlichem Lebenslauf, ähnlichen Anliegen, nur statt Peter kam halt Paul. Sie war vor den Treffen nicht mehr aufgeregt. Sie war routiniert und kannte den Wert ihrer Brüste, Beine, Augen. Sie war zur Ware geworden.

Irgendwann, so sagt es Croydon, interessierte sie wirklich nur noch das Geld, nicht mehr ihr Gegenüber. Sie fühlte sich jetzt nicht mehr wie im Süßigkeitenladen, sondern eher wieder wie im Steuerbüro. Sie stellte die Datings ein. Sie hatte das Gefühl, alles erlebt zu haben. Sie kannte nun die Welt, deren Reiz vorher vor allem darin lag, dass nur wenige Zugang haben. Sie hatte zwar eintreten dürfen, war aber trotzdem ein Gast geblieben.

Das Ende der Monogamie?

Croydon sagt, sie stehe immer noch auf ältere, erfahrene Männer mit einem gewissen finanziellen Budget, aber sie suche diese heute in der realen Welt und nicht über das Internet. Vielleicht, weil das weniger verzweifelt ist. Vielleicht auch, weil der Mann von nebenan nicht so sehr über sie verfügen kann wie ein Sugar Daddy, der die Termine vorgibt und die Regeln.

Wenn man Helen Croydon fragt, ob sie ihrer Freundin empfehlen würde, sich auf sugardaddie.com anzumelden oder gezielt einen reichen Business-Mann zu daten, dann sagt sie lange nichts. Und dann: "Why not? It's fun!"

Zum Abschied sagt sie noch, dass sie bald ein Buch über das Ende der Monogamie schreiben möchte. Das klassische Modell von Liebe sei überholt. Sie wolle nicht heiraten. Sie wolle auch keine Kinder. Sie sagt das sehr fröhlich, es klingt sehr traurig.

Dann blickt Helen Croydon auf die Uhr, sie muss los, gleich beginnt ihre Nachtschicht als Radiomoderatorin. Seit sie keinen Sugar Daddy mehr hat, muss sie ihr Geld selbst verdienen. Sie sagt: "Ich habe heute überhaupt keine Lust." Dann stöckelt sie auf ihren Highheels zur Bushaltestelle. Sie setzt ganz vorsichtig einen Fuß vor den anderen und gleicht den unsicheren Gang mit ihren Armen aus. Es sieht ein bisschen so aus, als ob sie strauchelt.

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