Londoner Ikonen Von Ché zu Cher

Aus Ché Guevara, dem Revolutionär der sechziger Jahre, ist mittlerweile ein Pop-Idol und Konsumartikel geworden. Kunst, Gastronomie, Nachtclubs - sie alle haben sich den Namen des kubanischen Nationalhelden für Marketingzwecke zunutze gemacht.

Von Gunnar Luetzow


Zeigt Che als Kunstfigur: Gavin Turk

Zeigt Che als Kunstfigur: Gavin Turk

Der Londoner Künstler Gavin Turk untersucht die wundersame Wandlung des geistigen Führers aus der Karibik. Wer im vergangenen Herbst die Gelegenheit hatte, in der Londoner Saatchi Gallery die Ausstellung Ant Noises 2 zu besuchen, staunte nicht schlecht. Von gepiercten Hipstern bis zu kulturbeflissenen Yuppies waren Neugierige gekommen, um die lebens-, oder besser: todesnahe Skulptur Ernesto "Ché" Guevaras auf einer Tragbahre und vier schwarzrote Ché-Poster besichtigten. Doch die Begeisterung für den toten Revolutionär ist nicht allein auf die oberen Etagen der Kunstwelt beschränkt.

Auch die gehobene Gastronomie hat den Weggefährten Castros inzwischen als Aushängeschild entdeckt. "Che" heißt das angesagte Nobelrestaurant, das sich in der edlen St.James's Street in Westminster befindet - eine Adresse, die man getrost mit "Establishment" übersetzen darf: Von 1650 Pfund an aufwärts kann man sich dort beispielsweise bei John Lobb ein paar Maßschuhe nähen lassen und damit in die Fußstapfen von König George V., Königin Elisabeth II., dem Herzog von Edinburgh, Prince Charles und Joseph Pulitzer treten.

Ausgerechnet dort hat sich vor zwei Jahren "Che", das Restaurant, in den Räumen einer ehemaligen Bankfiliale etabliert. Die mit seltenen Rauchwaren aus Pre-Embargo-Zeiten bestückte Zigarrenlounge, in der sich Havannas in der Preisklasse zwischen 100 und 300 Pfund erwerben lassen, findet insbesondere bei Besuchern aus den USA großen Anklang, wie Barmanager Nick Strangeway erläutert. "Die Amerikaner haben das Embargo in Kraft gesetzt, und nun kommen sie hierher, da sie die Zigarren drüben nicht kaufen können. Das ist genau wie mit der Prohibition: Man nimmt den Leuten etwas weg, und sie wollen es umso mehr." So viel zum Thema Angebot und Nachfrage, doch warum Ché Guevara als Namenspatron? "Das Gebäude, in dem wir uns befinden, ist ein denkmalgeschützter Bau aus den Sechzigern und wir haben nach einem Namen gesucht, der den Geist jener Jahre verkörpert." Übrig geblieben von jenem revolutionären Geist sind indes nur die feinen Unterschiede. Anders als vor vielen anderen Londoner Restaurants der besseren Kategorie lauern keine mächtigen Türhüter vor dem Eingang, und der Zutritt ist auch ohne Schlips und Kragen gestattet.

Neben Feinschmeckern und Zigarrenfreunden weiß auch die Londoner Ausgehgesellschaft ihren "Che" zu schätzen: So ziert neben einer Discokugel ein riesiges Ché-Bildnis das Treppenhaus des "Red Cube Bar and Grill" am Leicester Square. Dieser Ort ist für alle, die derzeit dazugehören wollen, Pflicht. Jarvis Cocker von "Pulp" hat dort aufgelegt, Jennifer Lopez war schon da, immerhin zwei Drittel von "Charlie's Angels" kamen zur Premierenparty, und Boygroups und Girliebands schätzen den Laden, der aus der "Little Havanna Bar" entstand, genauso wie die Fußball- und Fernsehprominenz. Geld spielt dabei anscheinend keine Rolle. Wie Manager Zafar Zaman berichtet, kann man für ein Essen pro Kopf 50 Pfund veranschlagen und hat dadurch noch lange nicht die Gelegenheit, den dazugehörigen Club zu besuchen: "Members only".

Mit diesen und anderen Seltsamkeiten um den inzwischen auch als Swatch-Motiv erhältlichen Ché beschäftigt sich der Londoner Künstler Gavin Turk seit langem. Um das Phänomen gründlich und vor allem kollektiv untersuchen zu können, hat er für die nächsten zwei Wochen alle Interessierten in die "New Foundry" im Londoner East End eingeladen: Zwischen 11 und 13 Uhr werden politische Strategien diskutiert, von 14 bis 17 Uhr treffen sich die Aktivisten, und am Abend werden Filme gezeigt und Zigarren geraucht. Abgerundet wird das Ganze durch eine Abschlussdemo.

Doch was fasziniert Gavin Turk an Ché Guevara? "Ich habe versucht, mir zu überlegen, was das wichtigste Bild des 20. Jahrhunderts ist. Natürlich musste es ein Foto einer Person sein, die das Leben vieler Menschen verändert hat. In den Sinn kam mir dabei, wie Andy Warhol Persönlichkeiten zu Images reduziert hat, und schließlich landete ich bei dem Ché-Foto von Alberto Korda. Darin spiegelt sich ein bestimmter Zeitgeist, der noch heute viele Menschen anspricht, auch wenn sie nicht den entsprechenden Hintergrund und die politische Bildung haben", erläutert der 34-jährige Künstler, der den toten Ché in die Saatchi Gallery gebracht hat. Was für den nach eigener Auskunft politisch links der Mitte stehenden Turk nicht problemlos war: "Der Kunstmarkt verhält sich paradox zur Kunst, aber als Künstler muss man Arbeiten auch an Leute verkaufen, deren Meinung man nicht teilt. Einfach, um über die Runden zu kommen."

Die werktätigen Massen sind am ersten Tag übrigens noch nicht aufgetaucht, wahrscheinlich müssen sie aus demselben Grund tagsüber arbeiten. Doch dafür überrascht das coole Szene-Magazin "Sleazenation" mit einem weiteren Beitrag zur aktuellen Diskussion. Das rot-schwarze Cover der "Militant Pop"-Ausgabe ziert nämlich eine mit Stern geschmücktem Barett bemützte Ikone, die zwar nur einen Buchstaben, aber dennoch Welten entfernt ist von Ché: Cher.

Che Restaurant und Bar 23 St.James's Street London SW1A 1HE Tel.: 0044-20-77479380 Fax: 0044-20-77479389

Red Cube Bar and Grill 1 Leicester Place Leicester Square London WC2H 7B Tel.:0044-20-72870101 Fax:0044-20-78510807 www.redcubebarandgrill.com E-Mail: Reservation@Redcubebarandgrill.com

"The Che Gavara Story" bis 28.1. The Foundry 84/86 Great Eastern Street Shoreditch London EC2 Tel.:0044-20-73796932



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