Umstrittener Comedian Louis C.K. live Devise Hosen runter und durch

In Zürich wurde die Show des US-Komikers Louis C.K. abgesagt, in Basel trat er am Dienstagabend auf - begleitet von Protesten. Nach #MeToo-Vorwürfen hatte er sich dafür entschuldigt, Frauen sexuell belästigt zu haben.
US-Entertainer Louis C.K.: Im realen Leben offenbar ähnlich gruselig wie die Kunstfigur

US-Entertainer Louis C.K.: Im realen Leben offenbar ähnlich gruselig wie die Kunstfigur

Foto: Brian de Rivera Simon/ WireImage

Der Zorn richtet sich gegen den Mann - und ausdrücklich auch gegen seine Kunst. Vor dem Eingang des Congress Centers in Basel treffen an diesem Herbstabend um Viertel nach neun ein Dutzend Demonstrantinnen und Demonstranten und knapp zweitausend Fans des Entertainers Louis C.K. aufeinander.

Die Protestierenden haben ein Megafon und zwei Leintücher mit Parolen gegen Rassismus und gegen "Sexisten-Arschlöcher" dabei. Die eine Hälfte der Fans kommt aus der Vorstellung, die andere Hälfte drängt ins Gebäude, um sich die zweite Show des Tages anzusehen. Durch das Megafon schreit eine Frau: "Dieser Kerl macht sogar aus dem Holocaust einen Witz."

Viele der umstehenden Showbesucher reagieren mit Buhrufen und Gelächter. Drinnen im Saal "San Francisco" des Congress Centers hat der 52-jährige Komiker Louis C.K. ein paar Minuten zuvor tatsächlich davon erzählt, dass 44 Mitglieder seiner Familie während des Holocaust umgebracht wurden. Dass sein Großvater nur deshalb verschont blieb, weil er sich zu Hause in Ungarn schon vor der Besatzung durch Hitlers Truppen als begeisterter Katholik ausgab und nach Mexiko auswanderte. Dann hat der generell eher ungläubige Nichtjude Louis C.K. gesagt, dass er nicht ganz verstehe, warum die Antifaschisten-Losung "Nie wieder!" mit der Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden begründet werde. "Was wäre gewesen, wenn Hitler nur zehntausend Juden umgebracht hätte? Hätten wir dann gesagt: 'Gut, zwei Mal noch, aber dann ist Schluss mit lustig?'"

"Meinst du das wirklich ernst?"

Der Amerikaner Louis C.K. ist berühmt damit geworden, dass er sich um Geschmacksgrenzen und die Gefühle anderer Menschen nicht schert. Er spielt auf der Bühne die Rolle eines nicht sehr hübschen, schamfernen und nur sehr notdürftig befriedigten weißen Mannes. In Basel macht er, bekleidet mit einer zerbeulten Jeans und einem schwarzen Sweatshirt, zum Beispiel Witze über die Opfer der Attentate vom 11. September, über körperlich oder geistig Gehandicapte, über Menschen mit Vorfahren in Asien und Afrika. Er macht Witze über Dicke und über nicht besonders große Leute, über die Fiebermessmethoden der Franzosen.

Und er macht Witze über praktisch alle Arten von Sex; den mit Tieren, den unter Verwandten, den von Homosexuellen und den mit sich selbst. Das Magazin "The Atlantic" hat ihn 2012 mal "America's masturbator-in-chief" genannt , "Amerikas Chef-Onanierer". Das war, als er noch ein von einem sehr großen Publikum in den USA angehimmelter Liebling des Showgeschäfts war.

Im November 2017 allerdings, als die weltweite Aufregung über die #MeToo-Vorwürfe gegen Harvey Weinstein noch einigermaßen frisch war, berichteten fünf Frauen in einem Report der "New York Times" , dass Louis C.K. in ihrem Beisein onaniert habe. Der Entertainer stritt die Taten nicht ab, sondern teilte mit, die Vorwürfe der Frauen seien zutreffend. Er versprach: "Ich werde mich jetzt zurückziehen und eine Zeit lang nur zuhören." Ein bereits abgedrehter Film von Louis C.K. kam unter Verschluss, ein paar schon ausverkaufte Shows wurden abgesagt, sein Management wollte nicht mehr mit dem Künstler arbeiten. Juristische Folgen hatten die Vorwürfe nicht.

Er habe aus seinen Verfehlungen gelernt, behauptet Louis C.K. nun auf der Bühne in Basel. Es reiche nicht, dass man ein "Ja" auf die Frage bekomme, ob sexuelle Handlungen okay seien, man müsse unbedingt ein zweites Mal fragen: "Meinst du das wirklich ernst?"

Das war schon vor zwei Jahren das schlichte Verteidigungsargument des Entertainers, von einer Strategie sollte man besser nicht sprechen. Bevor er seine Hose öffnete und onanierte, hat er dies wohl stets fragend angekündigt - was nichts am Schock der von ihm belästigten Frauen änderte, wie sie in der " New York Times" erzählten, weil sie in der Regel überzeugt waren, dass es sich um einen seiner schlechten Scherze handelte. Louis C.K. sagt jetzt auf der Bühne, dass die Selbstbefriedigung vor den Augen anderer nun mal "mein Ding" sei, jeder habe sexuelle Obsessionen. Er verkündet, dass er seit einiger Zeit eine zehn Jahre jüngere französische Freundin habe. Und er redet davon, dass er das Finale der zwei Jahrzehnte, die er sich noch gebe, gern mit einer 21-Jährigen verbringen würde.

Ein Fall von Sünderstolz

Hosen runter und durch, das ist die Devise, die Louis C.K. bei seinem Comebackversuch verfolgt, aber genau genommen war das seine Losung seit Beginn seines Erfolgs. Er ist in den vergangenen Monaten in Italien und in Polen aufgetreten und wird in dieser Woche in Israel auf der Bühne stehen. Er zieht die Lippen schief, wenn er sagt, dass es jetzt mit ihm so weit gekommen sei, dass er zum ersten Mal in der Schweiz zu Gast ist.

In Zürich haben sie seinen Auftritt nach Protesten abgesagt , in Basel lädt er zweimal an einem Tag ins Congress Center. Man kann die Art, wie Louis C.K. seinen Ist-Zustand schildert, selbstmitleidig und falsch finden oder sie als bitteren Humor eines halbwegs Geläuterten und Selbsthass werten. Eine Manifestation von Sünderstolz sind sie so oder so.

Man kann angesichts des Falls Louis C.K. aber auch fragen, inwiefern Vergebung überhaupt möglich ist nach der Enthüllung und Ächtung von #MeToo-Tätern. Kein Gericht und kein Opfer hat Louis C.K. je angeklagt. Anders als Kevin Spacey und Woody Allen, die gleichfalls bis heute nicht juristisch verurteilt sind, hat der Entertainer die ihm vorgehaltenen Übergriffe öffentlich gestanden und bereut.

Der reale Louis C.K. hat sich im realen Leben als ähnlich gruseliger, abstoßender Mensch erwiesen wie die Kunstfigur, die er bis heute auf der Bühne darstellt. Zeigen seine Comebackauftritte wirklich, dass er nichts verstanden hat, wie manche Kritikerinnen und Kritiker behaupten? Und stimmt es, wie es kürzlich in der "Zeit" hieß , dass man diesem Mann keine Bühne mehr geben dürfe? Weil das, was wir angeblich alle "in den letzten Jahren gelernt haben sollten, ist, dass ein genuiner Universalismus der Rechte eben nicht nur bedeutet, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, sondern auch, dass alle Menschen mitbestimmen darüber, was überhaupt Rechte seien".

Braucht es also im Gefolge solcher mindestens waghalsiger Rechtsauffassungen eine neue Art kollektiven Verzeihens, bevor einer wie Louis C.K. wieder ohne Protest von - teilweise übrigens vermummten - Demonstranten vor Publikum auftreten darf? Auf seiner Website  schreibt Louis C.K., er sei von Beruf Stand-up-Comedian, man könne sich ihn ansehen oder auch nicht. Seine Arbeit bestehe aus der Präsentation von "Witzen, Anekdoten, Beobachtungen, Lügen, Nicht-Lügen" und darin, "grundsätzlich lächerlich zu sein zum Wohl einer lachenden Zuhörerschaft."

Es wird eine Menge gelacht in Basel während der ersten Louis C.K.-Vorstellung am Dienstag, und ich gebe zu, auch ich habe meistens mitgelacht. Kein einziges Mal ist im Saal Protest zu hören. Einmal brüstet sich der Entertainer in sehr amerikanischem Selbstoptimierungskauderwelsch, es fühle sich gut an, im Alter von 52 Jahren noch mal neu zu starten im Leben. Aber dann blickt er voller Hohn in den Saal. "Wenn mich wer gefragt hätte, ob ich diese Erfahrung machen möchte - ich hätte sofort nein gesagt."

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