Uraufführung am Gorki Theater Die Türkei hängt am Galgenstrick

Im Berliner Gorki Theater will der türkische Regisseur Nurkan Erpulat mit dem Projekt "Love It or Leave It" die politische Zerrüttung der Türkei auf die Bühne bringen - und zeigt absurde Szenen aus einem Familienhaushalt.

Szene aus "Love It or Leave It" am Berliner Gorki Theater, Regie Nurkan Erpulat
Ute Langkafel/ Maxim Gorki Theater

Szene aus "Love It or Leave It" am Berliner Gorki Theater, Regie Nurkan Erpulat

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Es hätte so einfach sein können. In der Türkei trampelt ein autoritäres Regime die demokratischen Grundrechte kaputt, inhaftiert willkürlich Journalisten und politische Gegner, schüchtert Künstler ein - und in Berlin rufen ein paar Menschen mit türkischen Wurzeln zornig zu einer Protestshow ins Theater. Er werde den "Teufelskreis" schildern, in dem die türkische Gesellschaft nicht bloß aktuell, sondern seit vielen Jahren gefangen sei, hatte der türkische, in Deutschland arbeitende Regisseur Nurkan Erpulat versprochen vor der Premiere seines Projekts "Love It or Leave It" im Berliner Gorki Theater.

Wer sich aber empörte Berichte von der brutalen Politik der Regierung Erdogan erhofft hatte, erschütternde Fallbeispiele für die Entlassung Zehntausender aus dem Staatsdienst oder die Hetze auf bloß vermutete Staatsfeinde, der wurde am Freitagabend heftig enttäuscht. Auf der als Wohn- und Schlafzimmer ausstaffierten Gorki-Bühne veranstalteten sechs Schauspieler ein Familienkabarett mit psychologischen und musikalischen Erklärhilfen.

Der Regisseur Erpulat hat es sich künstlich - und künstlerisch - schwer gemacht mit seinem Türkei-Projekt. Zusammen mit dem Dramaturgen Tuncay Kulaoglu hat er sich eine Revue ausgedacht, die jene Muster herausarbeiten will, die das Denken und die Machtausübung in der Türkei seit jeher prägen. An die Bühnenrückwand sind Schwarzweißfotografien diverser türkischer Machthaber aus den Jahren seit der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 gepinnt. Im Bühnenvordergrund hat eine Frau im roten Kleid, dessen Farbe der der türkischen Flagge entspricht, eine Schlinge um den Hals; als wolle sie, die Verkörperung der türkischen Nation, Selbstmord begehen.

Therapiesitzung auf großer Bühne

Im übrigen treten die zwei Frauen und vier Männer, die "Love It or Leave It" präsentieren, vor einem Ehebett und einem Holztisch als Vater, Mutter, Sohn und Tochter auf. In einem Sessel sitzt ein Therapeut mit Brille, der von "Strukturen" spricht. Es werden Gedichte rezitiert, die von patriotischem Stolz künden und von der Liebe zu Allah, es werden Lieder gesungen, und es wird kräftig in die Tasten einer Elektroorgel geschlagen.

Es ist eine Art von kabarettistischem Familientheater, das Erpulat da bietet. In diesem Theater findet sich ein grabähnliches Loch im Wohnzimmerboden, in dem ab und zu Körper versenkt werden, während Rauch aufsteigt. Man hat hier Leichen im Keller, schon klar. Auch sonst gibt es jede Menge Zitate und symbolische Anspielungen, von denen die meisten in einem Beipackzettel zur Theaterinszenierung erklärt sind. Das "Glossar"-Flugblatt erklärt zum Beispiel, warum als Running Gag immer wieder von "Proteinmangel" schwadroniert wird: Ein berühmter türkischer Schriftsteller hat mal die Unterversorgung mit eiweißreicher Ernährung als Grund für die angebliche Dummheit der Durchschnittsbevölkerung benannt. Aha. Erklärt wird auch das therapeutische Prinzip der "Familienaufstellung" und die Liebe der Türken zum Tee. Tatsächlich rühren die Bühnendarsteller im Schlafwohnraum bisweilen allesamt löffelklirrend in ihren Teegläsern.

In einem Fenster, das wie ein Fernsehbildschirm in die Bühnenrückwand eingelassen ist, werden Reden geschwungen über die Vaterlosigkeit respektive die Übervater-Sehnsucht, die im Herzen vieler Türken schlummern. Ein Musiker in historischer Tracht trägt stolz seine Tuba spazieren. Ein mit Staub und Blut bedeckter junger Mann, offenbar Opfer eines Bombardements, stimmt ein kurdisches Lied an. Eine Frau gibt sich als Lehrerin zu erkennen, die im Unterricht den Kindern beibringen muss, dass Gott die Fotosynthese erfunden hat.

Es ist ein lähmendes Kuddelmuddel

Was für eine Konfusion aus mühsam verrätselten Zeichen und Informationen! Es ist, freundlicher kann es nicht gesagt werden, ein lähmendes Kuddelmuddel, das Nurkan Erpulat da angerichtet hat. Der Regisseur ist 2010 mit der Berliner Inszenierung der Klassenzimmer-Groteske "Verrücktes Blut", in der eine Lehrerin sich mit ihren respektlosen, meist migrantischen Schülern anlegt, schlagartig berühmt geworden und hat im Gorki Theater unter anderem mit einer ruppigen Modernisierung von Anton Tschechows "Kirschgarten" Furore gemacht - diesmal aber sieht er seinen Job nicht darin, kühne Schneisen zu schlagen, sondern darin, ein künstliches Dickicht anzulegen. Mit tausend Verschlüsselungen und Codes erzählt er eine Geschichte, die höchstwahrscheinlich ganz einfach zu erzählen wäre. Die Story, dass etwas grundsätzlich faul ist im Lande Erdogans, das mit der Persönlichkeit und dem Wirken des despotischen Staatenlenkers allein nicht zu erklären ist.

Über zwei Stunden lang zeigt "Love It or Leave It" also eine Parabel für etwas ziemlich Offensichtliches. Es ist ein Nullsummenspiel, an dessen Ende der Therapeutendarsteller im Familienzimmer tatsächlich behauptet: "Strukturen sind überschätzt." Erkulat und Kulaoglu präsentieren Geschichte und Gegenwart der Türkei als absurdes Theater, das alle Analyseversuche ad absurdum führt. Kann sein, dass das ein Ausdruck aufrichtiger politischer Verzweiflung ist. Die Schwäche dieses Theaterabends besteht leider darin, dass er eine Menge Zuschauer aus gänzlich unpolitischen, die Lage in der Türkei schnöde ignorierenden Gründen zur Verzweiflung treibt.


Love It or Leave It. Gorki Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 18. und 23.11.



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