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"Lulu" und "die Räuberinnen" in München

Foto: Birgit Hupfeld/ Residenztheater

Mädelsabende am Theater Was sagt Mann dazu?

In München teilen sich am Residenztheater drei Schauspielerinnen die Rolle der "Lulu", und in den Kammerspielen wird aus Schillers Klassiker "Die Räuberinnen".

Theaterklassiker haben, von heute aus betrachtet, ein Problem: Männer und Frauen. Die alten Autoren schufen Figuren, denen sie das angeblich Typische und Unumkehrbare mitgaben - der starke Mann, das schwache Weib. Klischees, festgeschrieben wie Kostüme.

Zum Glück aber lassen die Theaterbühnen Raum für so ziemlich alle Spielarten der Phantasie, der Verwandlung und des Unmöglichen. Dort werden die Betriebsfehler der Literatur nun radikal angegangen.

In München kann man jetzt gleich in zwei Theatern sehen, was dabei herauskommt. Zunächst "Lulu", Frank Wedekinds "Monstretragödie", vor der in unseren Zeiten vor allem männliche Regisseure Angst haben, weil sie die ausgebeutete und missbrauchte Titelheldin so, wie vom Autor einst als Protest gegen bigotte Sexualmoral erdacht, nicht mehr zeigen können: Männer würden ihre altbackenen Phantasien auf sie projizieren, lautet dann ein häufiger Vorwurf - obwohl sich das männermordende Mädchen ja eigentlich aus dem bigotten Moralkorsett befreien will. Oder sind wir es etwa, die ewigen Zuschauer, die in der "Lulu" nur das Sexualobjekt sehen, dem es ganz recht geschieht, wenn Jack the Ripper es abmurkst?

Wedekinds "Lulu" als zum Staunen lustige Travestieshow

Diese Fragen stellen nun gleich drei Lulus in Bastian Krafts Inszenierung und wollen den Zuschauer damit aufs Glatteis seiner heimlichen Gedanken führen. Und spielen die brüchige Person dann doch mit all ihren Widersprüchen, die ihr Wedekind zu eigen machte. Bis auf ihren grausigen Schluss (hier triumphieren sie über das Todesurteil) ist das wild gemixter Originaltext mit Conferencier-Geplänkel. Auch die gedrittelte Kindfrau ist nicht neu auf der Bühne und Kraft kann ihr keine unbekannten und differenziertere Einsichten in ihr Wesen abgewinnen. Er ist viel zu sehr beschäftigt mit seinen Einfällen, die aus diesem Abend vor allem eine zum Staunen launige Travestieshow machen.

Ein perfekt ausgeklügeltes Spiel mit Licht und Schattenfiguren auf leerer Bühne vor weißer Wand: Scherenschnitte, die mit den echten Schauspielerinnen in Dialog treten und sich verselbstständigen. Dann übernehmen die drei Damen im Frack (Liliane Amuat, Juliane Köhler, Charlotte Schwab) mit der Kunst des Maskenbildens auch noch die Männerparts des Stücks: Geschminkt und gestylt wie Goll und Schön und Co. erscheinen sie in Video-Einspielungen, jammern, befehlen und sterben und ernten kein Mitleid von den leibhaftigen Lulus. Sicher, auch so mag es um Projektionen, um Kritik an der Rollenverteilung in der Gesellschaft, um das Aus- und Verwechselbare gemeinhin festgezurrter Vorstellungen gehen. Aber Kraft bespielt da doch nur den Boulevard der unterhaltsamen Täuschung.

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"Lulu" und "die Räuberinnen" in München

Foto: Birgit Hupfeld/ Residenztheater

Was von Schiller übrig blieb: ein wüstes Fragment

Leonie Böhms Aussage ist klar und unmissverständlich: Ihre Räuber sind weiblich und was die Regisseurin von Friedrich Schiller noch übrig lässt in diesem Singspiel für schiefe Stimmen und vorgegaukelte Improvisation, ist ein wüstes Fragment aus geraunter Klassik und anmaßender Anmache. Plump und ohne falsche Ehrfurcht zerpflückt Böhm - nach Goethes "Yung Faust" - nun auch diesen Weimeraner mit hemmungslosem Strich und Schaden, lässt ihn schwäbeln und ansonsten einen überschätzten guten Mann sein. Hier haben die Frauen das Sagen, wenngleich sie Franz und Karl heißen, auch Spiegelberg, und die Amalia reiht sich mühelos ein in diesen Reigen irgendwie schwer seelendemolierter PatientInnen einer fröhlichen und mit der Zeit außer Kontrolle geratenen Gruppentherapie.

Vom wahren Stück und guten Inhalt versteht man bei den "Räuberinnen" gerade noch so viel wie man sich angelesen hat, als Grundlage für diesen Hyperventilationstrip in niedere Belustigungsebenen braucht man es eh nicht ("Mein Vater", sagt Böhm in einem Interview, "findet es absolut schade, dass ich nicht versuche, die Stücke nachzuerzählen...").

Es ist auch nicht erkennbar, dass Böhm da den Mann Schiller und seine Räuber-Männer-Welt aus irgendwelchen männlichkeitswahnsinnigen Angeln heben möchte: Gro Swantje Kohlhof, Sophie Kraus, Eva Löbau und Julia Riedler führen die "Freiheit" im plappernden Munde, ohne den Ruf danach zu einem Fanal werden zu lassen. Eher der Sex scheint sie zu interessieren, aber nur, wenn er nicht auf "-us" endet, und sie schlagen und küssen sich wie bei einer Kissenschlacht ums blanke Vergnügen. Das bringt Spaß für den, der bereit ist, Geld dafür zu bezahlen, ein paar jungen Menschen beim Selbstfindungstrip zuzuschauen, von dem er selber nichts hat und sich auch gedanklich nicht viel anstrengen muss.

Vollends zum Mädelsabend wird die zweifelhafte Sache dann, wenn es aus der übergroßen Bühnenwolke zu regnen beginnt, sich das Quartett die Unterhosen vom Leib reißt und auf dem blanken Hintern zur Rutschpartie in den Pfützen antritt, die erst in den vorderen Parkett-Reihen endet: Heute hau'n wir auf die Pobacke! Und wenn schließlich noch ein ausgelassenes Busen-Gebimmel-und-Gebammel einsetzt, beginnt für manchen Zuschauer erst - mangels sonstiger Denkanstöße - die eigentliche Arbeit dieses Abends: das Fremdschämen.


"Lulu", Marstall des Residenztheaters München , nächste Vorstellungen am 25. und 28.11. sowie 1., 4. und 5.12., www.residenztheater.de

"Die Räuberinnen", Münchner Kammerspiele , nächste Vorstellungen am 29.11. sowie 4. und 11.12., www.muenchner-kammerspiele.de