Sinnestäuschung in der Kunst Das Bild trügt

Die Münchner Ausstellung "Lust der Täuschung" ist ein Parcours durch die Geschichte der optischen Tricks und Betrügereien. Manches ist für die Betrachter einfach zu viel.

Seit Jahrtausenden arbeiten Künstlerinnen und Künstler mit Illusionen und Fälschungen, führen den Betrachter aufs Glatteis, da das Auge schneller wahrnimmt, als das Gehirn verarbeiten kann. Die Faszination täuschender Kunst liegt darin, dass der Betrachter ihr erliegt, auch wenn er gleichzeitig versteht, dass er es mit einem Trick zu tun haben muss.

Die Ausstellung "Lust der Täuschung" in der Kunsthalle München illustriert diesen lustvollen Zwist anhand von rund 90 Exponaten aus Malerei, Skulptur, Videokunst und Architektur, Objekten aus Design und Mode sowie interaktiven Virtual-Reality-Arbeiten. Seit der Antike nutzten Künstler die jeweils neuesten Techniken, um ihr Publikum zu verblüffen, ihre Intentionen waren dabei divers: Kirchenmaler etwa benutzen Täuschungen, um Dinge glaubhaft oder erfassbar zu machen, oder um religiöse Empfindungen wie Entrückung zu transportieren, erzählt Kunsthallen-Direktor Roger Diederen.

Verliebt in eine Selbsttäuschung

Die Besucher wandeln auf einem nicht immer schwindelfreien Parcours durch die Räume, mal sind diese mit antiken Fresken bestückt, die räumliche Tiefe vorgaukeln, mal fragen sie nach der Bedeutung von Konzepten wie Original, Fälschung, Imitat und Kopie.

"Wie die Natur" heißt etwa ein blauer Raum, der das aufregende "Selbstporträt mit Skulptur" des US-Bildhauers John De Andrea zeigt. Eine nackte Frau lehnt einem angezogenen, sitzenden Mann gegenüber, der auf den ersten Blick quicklebendig scheint - bis man sieht, dass nur eine Körperhälfte ausgearbeitet ist. Das Selbstbildnis ist eine Anspielung auf die griechische Legende von Pygmalion, dem von den Frauen enttäuschten Bildhauer, der sich in eine von ihm selbst geschaffene Frauenstatue verliebte.

Im Raum "Der Schein trügt" hängen zwei Kopien des Gemäldes "Das Schlafzimmer" von Vincent van Gogh. Die eine ist eine Reliefografie - mittels 3D-Druckverfahren wurde jeder Pinselstrich reliefartig kopiert. Die andere wurde in einem chinesischen Dorf für wenig Geld per Hand gemalt. Besonders humorvoll fällt die Werkkombination zum Thema Schlankheitswahn aus: Von der Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury ist der Siebdruck auf Holz "Slim-Fast: Délice de Vanille" von 1993 zu sehen - direkt neben einem zwischen 1770 und 1780 gefertigten Schnürmieder, mit dem schmale Taillen noch mechanisch vorgetäuscht wurden. Die zwei Werke zeigen beispielhaft: Die Ausstellung will die Besucher vor allem amüsieren und unterhalten.

Ist das noch Warhol?

Dafür wartet sie auch mit Koryphäen der Kunst- und Designgeschichte wie Cornelis Gijsbrechts, Viktor & Rolf, Jean-Paul Gaultier und Andy Warhol auf. Dessen "Brillo"-Boxen wurden in erster Auflage 1964 von Warhol selbst (oder seinem Team) gefertigt, während die 100 Boxen für eine Ausstellung in Schweden 1968 auch dort hergestellt wurden, wie Diederen verrät. Der "Stockholm Type" scheint nur wenig vom "Original" abzuweichen - eine gelungene Täuschung also? Da sie von Warhol abgenommen wurden, gelten die Boxen als Original. Doch werden sie vom Betrachter auch als solche akzeptiert?

Wer etwas Zeit mitbringt, kommt in den Genuss von "Chalkroom", dem 2017 als "Best VR Experience" auf den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichneten Werk der US-Künstlerin Laurie Anderson und des Medienkünstlers Hsin-Chien Huang aus Taiwan. Es ermöglicht eine Reise durch einen schwarz-weißen Wust an Wörtern, Zeichnungen und Geschichten - ein stetiger, seltsam beruhigender Kreislauf; er gehört zu den spannendsten Arbeiten.

Um die Verzahnung von Optik, Täuschung und technischer Weiterentwicklung von Medien zu betonen, ist auch "Die Ankunft eines Zuges am Bahnhof von La Ciotat" von den Brüdern Auguste und Louis Lumière von 1895 zu sehen. Der einminütige Stummfilm, der einen auf einem Bahnsteig einfahrenden Zug und aussteigende Fahrgäste zeigt, sorgte bei der ersten Sichtung für Panik - das Publikum warf sich erschrocken zu Boden, aus Angst, der Zug würde aus der Leinwand hinaus auf sie zufahren.

Das Schielen auf Effekte ist das einzige Problem der kurzweiligen und fantasieanregenden Ausstellung. Einige der Virtual-Reality-Werke lassen künstlerische Tiefe vermissen - hier ist VR selbst bereits die Täuschung. Andere wiederum forcieren starke Reaktionen. Sehr gut kann man das beim VR-Spektakel "Richie's Plank Experience" beobachten. Dabei spaziert man mit Brille bestückt über eine Holzplanke und schaut von einem Wolkenkratzer in die Tiefe. Wer mutig ist und die Planke verlässt, fällt. Manche brechen zitternd ab - es scheint nicht einfach, in die Tiefe zu springen, auch wenn man weiß, dass der Boden unter den Füßen fest bleibt.


"Lust der Täuschung - von antiker Kunst bis zur Virtual Reality " ist zu sehen in der Kunsthalle München  bis 13. Januar 2019, ab 22. Februar 2019 im Ludwig Forum  in Aachen.

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