Sozialhistoriker über SPD-Niedergang "Man hat sich zu lange auf die sogenannten Stammwähler verlassen"

Der Nahles-Rücktritt und die Europawahl zeigen: Die SPD ist in einer tiefen Krise. Doch die hat eine lange Vorgeschichte. Der Historiker Lutz Raphael kennt die Hintergründe und stellt eine ketzerische Frage.

Demonstration von SPD-Anhängern (1974 in Bonn)
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Demonstration von SPD-Anhängern (1974 in Bonn)

Ein Interview von


Zur Person
    Lutz Raphael, geboren 1955 in Essen, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. Gastprofessuren führten ihn u.a. nach Oxford und Paris. 2013 erhielt er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zuletzt veröffentlichte er "Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom".

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Raphael, Sie sind Historiker. Wir erleben gerade die Sozialdemokratie, speziell die SPD in einer tiefen Krise. Würden Sie diesen Zustand als einen Endpunkt einer historischen Entwicklung ansehen?

Lutz Raphael: Ich zögere ein wenig. Denn Historiker neigen nicht dazu, Endpunkte zu setzen. Aber es ist sicherlich eine Zwischenetappe, die ganz dramatisch einen Prozess konstatiert, der meines Erachtens schon weit zurückreicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit zurück?

Raphael: Noch vor Hartz IV! In der deutschen Debatte sind ja für die Krise der SPD immer die Hartz-IV-Gesetze der Schnittpunkt. Aber ihre Bindung als linke Volkspartei zu breiten Gruppen der lohnabhängig Beschäftigten - zu Industriearbeitern, Angestellten - lockerte sich schon zuvor. Die Wahlerfolge von Gerhard Schröder haben das überdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt ja derzeit öfters der Satz, dass der SPD die klassischen Milieus abhandengekommen seien. Teilen Sie diese Analyse?

Raphael: Man hat sich zu lange auf die sogenannten Stammwähler verlassen. Das waren Wähler, die in Städten und Gemeinden lebten, wo es selbstverständlich war, dass man einen sozialdemokratischen Bürgermeister hatte, dass die Stadtverwaltung sozialdemokratisch eingefärbt war. Diese Form der regionalen oder lokalen Einbindung ist immer schwächer geworden. Das reicht zurück bis in die Achtzigerjahre.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Lutz Raphael
Jenseits von Kohle und Stahl: Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
525
Preis:
EUR 32,00

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie da einen Zusammenhang zu der Geschichte vom Ende der Vorherrschaft der Industriearbeiterschaft, die Sie in Ihrem Buch erzählen?

Raphael: Ja, in diesen Orten, wenn sie denn vorher stark industriell geprägt waren, stellte die Industrie dann nur noch einen Teil der Arbeit, daneben traten in diesem Prozess andere Arbeitsplätze - oder gar keine mehr. Aber schon bevor das so richtig zu einer Erosion wurde, im Ruhrgebiet zum Beispiel, hatte sich die Sozialdemokratie von dieser Stammwählerbasis entfernt. Weil die Parteiaktiven immer weniger in direkter Beziehung zu den noch gewerkschaftlich organisierten Industriearbeitern standen. Weil die Leute in den neuen Dienstleistungsjobs keinen Weg mehr in die Partei fanden. Man hatte keinen Parteiausweis, man interessierte sich nicht für die Parteiarbeit. Da begann schon die Krise der Mitgliederpartei der SPD, die Krise der Repräsentationsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Wobei sich da die Frage nach der Henne und dem Ei stellt: Haben erst die Industriearbeiter das Interesse an der Partei verloren, oder haben sich erst die Parteifunktionäre entfernt, weil die Industriearbeit nichts mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hatte?

Raphael: Man muss von einem sich wechselseitig verstärkenden Distanzierungsprozess ausgehen. Da führt aber kein Weg an lokalen Untersuchungen vorbei. Wir haben hier an der Uni Trier ein Projekt laufen, in dem wir die politische Arbeit in der westdeutschen SPD mit Schwerpunkt auf den Achtzigerjahren in zwei hessischen Städten vergleichen: Frankfurt und Kassel. Da sieht man deutliche Unterschiede. In Frankfurt die dramatische Verschiebung der sozialen Lagen, aber gleichzeitig auch eine entschiedene Abwendung der Frankfurter SPD von der traditionellen Form ihrer Parteiarbeit, die in Kassel wiederum hochgehalten wurde. Oder man kann auch auf Großbritannien verweisen, auf den Corbyn-Effekt. Zumindest vor der jetzigen Brexit-Krise war es Labour gelungen, eine relativ breite Unterstützung bei ihrer Stammwählerschaft und den sozialen Milieus, die wir linken Volksparteien zurechnen, wiederzufinden.

SPIEGEL ONLINE: Und lag das jetzt eher an der Ansprache oder an den Themen?

Raphael: Es ist schwer, das gegeneinander auszuspielen. Themen spielen eine große Rolle. In den Achtzigerjahren gab es eine starke Konfrontation zwischen Umweltthemen und Arbeitsplatzthemen. Aber auch die Ansprache, ganz schlichte Dinge: Wurden die selbstverständlichen Routinen des Parteialltags weiter gemacht oder ließ man das weg, nach dem Motto: Das ist bloß Vereinsmeierei, das müssen wir uns jetzt nicht mehr antun.

SPIEGEL ONLINE: Zwiespältige Sache wahrscheinlich. Man will ja auch irgendwie modern wirken.

Raphael: Ja. Interessant ist, dass die Themen, die mit diesem Altmodischen verbunden waren, auch als altmodisch angesehen worden sind. Das war ein fataler Fehler! Denn sonst würde man jetzt nicht darüber diskutieren, dass es doch auch wichtige Themen gegeben hat, die man nur vergessen hat. Ungleichheit zum Beispiel.

Auto eines SPD-Anhängers im Wahlkampf 1972
DPA

Auto eines SPD-Anhängers im Wahlkampf 1972

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass es bei sich als progressiv verstehenden Kulturschaffenden ein Abwenden von Themen der klassischen Arbeiterschaft hin zu den Themen der neuen sozialen Bewegungen in den Achtzigern gab. War das einfach Neugier? Oder so etwas wie die Aufkündigung eines gemeinsamen Kampfes?

Raphael: Neugier würde ich schon unterstellen. Aber die neuen sozialen Bewegungen und ihre Themen standen den kritischen Intellektuellen, den Schriftstellern auch einfach viel näher. Rein lebensweltlich und von den sozialen Milieus her. Während es doch schwieriger wurde mit dem in seinen etwas hausbackenen Gewohnheiten befangenen Industriearbeiter, dem es dann ja auch noch ökonomisch relativ gut ging, von dem man das zumindest glaubte. Besitzstandswahrende Interessen zu vertreten, das ist für kritische Intellektuelle eine ausgesprochen unangenehme Tätigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es da Unterschiede zwischen den europäischen Ländern?

Raphael: Ja, auffällige! Zum Beispiel in Frankreich gibt es eine viel stärkere Präsenz sozialistischer oder linker Meinungen im öffentlichen Raum. Nach dem Motto: Was der Sartre in den Fünfzigerjahren mit der Kommunistischen Partei gemacht hat, das kann ich auch noch in den Neunzigern machen - indem ich diesen ganzen neoliberalen Mummenschanz und Grünes einfach nur für den Schaum der Tage erkläre. In der Bundesrepublik war die Abwendung von der alten Rolle, den Anwalt der einfachen Leute zu spielen, besonders stark, weil die Brücken zwischen den neuen sozialen Bewegungen und der "alten" Arbeiterbewegung ausgesprochen schmal waren. Da musste die Sozialdemokratie schon erste Verluste hinnehmen. Mit den Grünen als eigener Partei haben sich dann ganz eigene Loyalitäten und Bezugspunkte entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch haben Sie ja noch ein drittes Land im Blick, nämlich Großbritannien. Da nennen Sie zum Beispiel den Filmemacher Ken Loach, der das Verhältnis zur klassischen Arbeiterkultur hochhält...

Raphael: Das ist mir wichtig, gerade deutschen Lesern klarzumachen: So jemand wie Ken Loach, über den Filmkritiker spötteln, weil er an diesen alten Themen festhält - der ist nicht nostalgisch. Seine Filme sind immer mitten in gegenwartsbezogenen Problemen. Ob das die hässlichen abgehängten Regionen sind, wo Arbeitermilieus plötzlich zu Drogenmilieus werden. Oder wenn er arbeitslose junge Frauen zeigt, die dann selbst ein Vermittlungsbüro für Leiharbeiter aufmachen und an den eh schon relativ lockeren englischen Gesetzen für den Arbeitsschutz vorbeischrammen. All diese Dinge schildert er mit dem Blick, mit dem früher sozialistisch engagierte Filmemacher die industrielle Arbeitswelt und deren Konflikte geschildert hätten. Dieses gleichbleibende Interesse für - bei uns würden wir sagen: die kleinen Leute: Das ist in der deutschen Kulturlandschaft seltener zu finden und für sie auch nicht so typisch.

Andrea Nahles (vor ihrer letzten Sitzung als SPD-Fraktionsvorsitzende)
ALEXANDER BECHER/ EPA-EFE/ REX

Andrea Nahles (vor ihrer letzten Sitzung als SPD-Fraktionsvorsitzende)

SPIEGEL ONLINE: Zu den Werten, die klassisch von der Arbeiterklasse hochgehalten werden, zählt die Solidarität. Nun hat Andrea Nahles feststellen müssen, dass die Solidarität ihrer SPD-Genossinnen und -Genossen nicht mehr da war. Sehen Sie das als Symptom?

Raphael: Wenn man dieses Fahnenwort "Solidarität" mit Substanz füllen will, dann ist man immer wieder auf einen Resonanzraum von sozialen Erfahrungen verwiesen, von Werten, die mit entsprechenden Hintergrunderlebnissen verbunden sind. Benutzt man es nur, um eine Parteivergangenheit zu reaktivieren bei Konkurrenten und gefährlichen Apparatschiks - oder Leuten, deren Gefährlichkeit man erst einmal nur vermutet - , dann wird dieses Wort vermutlich nur eine sehr schwache Bedeutung haben. Und das, glaube ich, ist Nahles passiert. In einer SPD, die sich mehr oder weniger in ihr kleines Raumschiff zurückgezogen hatte, sollte es ein Zauberwort sein, dem aber keinerlei Bedeutung mehr zugemessen wird, und von dem auch keiner wirklich weiß: Ja, was meint das denn jetzt eigentlich?

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Lage der SPD denn im Vergleich mit anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa? Der französischen PS geht's ja eher noch schlechter.

Raphael: Man muss eine Unterscheidung treffen zwischen Parteien wie Labour und der SPD einerseits, die in der Arbeiterschaft ihre historische Wurzel haben. Und auf der anderen Seite der Sozialistischen Partei Frankreichs, die nie so eine Verankerung hatte. Die PS ist eine Partei von Lehrern und des öffentlichen Dienstes, und da kommen wir zum Profil der SPD seit den Achtzigerjahren: Die SPD kommt in diese Lage, dass man ihr wenig Zukunft zutraut, weil sie auf diese Seite der sozialistischen Parteifamilie herüberrutscht wie in Italien oder in Frankreich. Während ja in Skandinavien oder bei Labour mögliche Erneuerungschancen ausprobiert werden. Labour konnte man auch von links erneuern. Aber: Wie sollte man eine SPD von links erneuern? Wie sollte das gelingen? Solange jedenfalls die einfache Frage "Wann wollt ihr fusionieren mit der Linken?" behandelt wird, als würde man einen Protestanten fragen, wann er glaubt, mit der katholischen Kirche fusionieren zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Europawahl waren die Grünen der große Wahlsieger - und bei einer derart großen Wählerschaft müssen auch Stimmen von den "kleinen Leuten" dabeigewesen sein. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Raphael: Wenn aufgrund der Lücke, die die SPD hinterlassen hatte, Gewerkschaften seit nun fast zwei Jahrzehnten auf der Suche nach Unterstützung im Parlament für ihre Belange suchen - und da bei den Grünen auf eine Antwort stoßen, die ihnen passt, dann können da ja auch wieder neue Bindungen entstehen. Aus meiner Sicht als Sozialhistoriker ist es nicht vollkommen absurd anzunehmen, dass man demnächst eine Wählerbasis für die Grünen bei sozialen Lagen findet, denen wir noch 30 Jahre vorher die Sozialdemokratie zugeschrieben hätten. Das ist für die grüne Partei etwas, was sie bewältigen muss.

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insgesamt 107 Beiträge
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Aberlour A ' Bunadh 09.06.2019
1. Aus der Zeit gefallen?
Interessantes Interview mit vielen nachvollziehbaren Argumenten. Entscheidend für mich: die klassischen sozialdemokratischen Themen - wie z.B. die Humanisierung der Arbeit, ein zentrales Programm der SPD in den 70er Jahren - haben in der heutigen Zeit keine Zugkraft mehr. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mal ein Lehrer von mir, in den 80er Jahren war das, sagte, dass der Faktor Arbeit für seinen "Werteverzehr" ja nun heute (damals) nun über die Sozialpolitik und die Arbeitsschutzgesetze vollständig kompensiert werde, dass man sich jetzt aber dem Faktor Natur und Umwelt zuwenden müsse, wo dies noch nicht ansatzweise der Fall ist. Eine bekannte Publikation zu dieser Zeit hatte nicht umsonst den Titel: "Arbeit ohne Umweltzerstörung". In diesem Sinne würde ich dem Historiker hier vollkommen recht geben. Es waren schon die 80er, in denen die Themen der SPD "unsexy" wurden.
pharisaer 09.06.2019
2.
Stammwähler, die die SPD dank ihrer Politik und des Umgangs untereinander, selbst aufgegeben hat. Vor Jahren schon.
nikolaus4 09.06.2019
3. Die "wahren" Sozialdemokraten
Was sich gerade mit Groschek in NRW aus der Gruft erhebt, ist die alte "Spießer-Partei-Deutschlands" - viel Spaß beim Zerfleischen...
lathea 09.06.2019
4. In der SPD gab und gibt es zu viele....
......Machtkämpfe und einen zu grossen Verschleiß des eigenen. Es wird zu viel gemeckert und zu wenig professionell und strategisch konstruktiv sowie zielgruppengerecht geführt. Die Zielgruppe der SPD heute müssten die benachteiligten und nicht gewerkschaftsmässig organisierten Arbeitnehmer sein. Den gewerkschaftsmässig organisierten geht es verhältnismäßig finanziell gut und sie müssen nicht mehr um einen vernünftigen Lebensunterhalt kämpfen. Viele oder sogar die meisten leben in einem Eigenheim.
paraibu 09.06.2019
5. Fragwürdige Aussage zum Erfolg der Grünen
Die Grünen haben Erfolg, weil sie den Gewerkschaften nahe stehen - echt jetzt? Vielleicht nicht doch eher, weil Wähler in Deutschland, die wollen, das endlich etwas gegen die Klimakatastrophe getan wird, keine Alternativen haben?
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