Sibylle Berg

Kunst des Interviews Fragen, die Männern nie gestellt werden

Sie finden, Interviews lesen sich immer gleich? Na, so was! Der ultimative Katalog der Standardfragen.
Zur Rede gestellt

Zur Rede gestellt

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Im SPIEGEL Nr. 32 wurde ein Gespräch mit der Autorin Yasmina Reza publiziert, das mich die standardmäßigen Fragen vermissen ließ, die in allen Gesprächen mit Schauspielerinnen, Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen, Künstlerinnen, Firmenchefinnen, Regisseurinnen, Intendantinnen, Architektinnen, Entwicklerinnen journalistisches Sorgfaltsgesetz sind. Schmerzhaft. Sozusagen.

Ich habe mich darum dazu entschlossen, für künftige Interviews einen Standardfragenkatalog für Journalisten auszuarbeiten. Dabei ist es unwesentlich, ob es sich um Print-, Funk-, TV-, oder Online-Interviews handelt. Die folgenden Fragen sind für männliche Gesprächspartner formuliert. Frauen wie immer mitgemeint.

Einstieg

(Wichtig: ausführliche Beschreibung des Äußeren mit Analyse, doppelwichtig: das Alter mehrfach erwähnen, in einen Kontext setzen.)

Beispiele:

  • Für sein Alter (46!!) sieht X immer noch unglaublich jugendlich aus. Was sofort auffällt, sind sein verschmitztes Lächeln und seine freche Art.
    Oder:
  • X steht verloren im Raum. Er ähnelt immer noch einem Jungen, der verloren im Raum steht. Seine filigrane Zartheit wird durch den Anzug der teuren Edelmarke XY noch betont.
    Oder:
  • Wenn man X in der Hotellobby mit seiner Lesebrille sitzen sieht, gleicht er einem gutmütigen Opa und nicht dem Gewinner mehrerer Oscars (o.ä.).

Fragen

(Immer erst eine Behaglichkeit aufbauen, um danach investigativ zu werden.)

Beispiel:
Schönes Wetter heute, apropos:

  • Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?
  • Haben Sie es bereut, nie Kinder gehabt zu haben?
  • Haben Sie es bereut, so wenig Zeit mit Ihren Kindern verbracht zu haben?
  • Werfen Ihre Kinder Ihnen vor, dass Sie so wenig Zeit mit ihnen verbracht haben?
  • Wie kam Ihre Frau damit zurecht, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung zur Hausfrau degradiert wurde?
  • Werden Sie es irgendwann einmal bereuen, keine Familie gehabt zu haben?
  • Haben Sie sich manchmal nach einer starken Schulter zum Anlehnen gesehnt?
  • Was halten Sie von kosmetischen Operationen?
  • Fürchten Sie sich vor Konkurrenz durch junge, attraktive Kollegen?
  • Sie arbeiten in einem fast ausschließlich weiblichen Umfeld. Ist das ein Problem für Sie?
  • Macht es Sie wütend, dass die meisten weiblichen Kolleginnen doppelt so viel verdienen wie Sie?
  • Was halten Sie von Diäten?
  • Fühlen Sie sich in Ihrem Körper zu Hause?
  • Haben Sie einen Schuhtick?
  • Verlassen Sie das Haus immer so gestylt, oder gehen Sie auch einmal ungeschminkt zum Bäcker?
  • Normalerweise sind Männer in Ihrem Alter mit den Enkelkindern zu Hause und genießen ihren Lebensabend. Sie sind aber immer noch aktiv (drehen Filme, malen Bilder, schreiben Bücher, forschen, machen Politik,...)
  • Haben Sie das alles selber erlebt?
  • Sie sind ein sehr starker Mann. Haben viele Frauen Angst vor Ihnen?

(Nach diesem Feuerwerk eine entspannend einordnende Beschreibung für die Leser.)

  • X schlägt elegant die Beine übereinander, seine Hose ist ein wenig hochgerutscht und zeigt für sein Alter noch erstaunlich durchtrainierte Beine.
    Oder:
  • X nimmt einen zaghaften Schluck von seinem Wein. Er scheint ein wenig nachdenklich und spielt mit einer Strähne seines Haars, das trotz seines Alters noch sehr schwarz und voll ist. Vermutlich haben wir mit der Frage nach der Familie einen wunden Punkt berührt.
    Oder:
  • X hat trotz seiner Jugend Momente, in denen er fast erwachsen und weise wirkt.

Weiter:

  • Man weiß wenig über Ihr Privatleben. Haben Sie etwas zu verbergen?
  • Wie wichtig ist Ihnen Mode?
  • Sie sind jetzt 40.
    (Antwort: 41)
    Ja, genau. Scheiß der Hund drauf. Bald sind Impotenz und Prostatabeschwerden ein Thema für Sie. Haben Sie Angst davor?
  • Wann wollen Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen?
  • Haben Sie Probleme damit, von Frauen ernst genommen zu werden?

(Jetzt wieder eine kleine Ruhepause für den Leser. Zeit für Informationen, die sich aus Wikipedia entnehmen lassen.)

Beispiel:

  • X hatte eine harte Kindheit als Scheidungskind in Unna. Nach dem Tod seines Hundes hat er sich zu einer Diät entschlossen und fünf Kilo abgenommen. X passt jetzt wieder ohne Probleme in Größe 48. Er sieht sich unsicher, jungenhaft um und leckt fast lasziv seinen Kaffeelöffel ab.

Fragen:

  • Wie viel Ihrer Biografie fließt in Ihre Arbeit ein? Kann man sagen, dass Arbeit für Sie eine Art Therapie und Selbstfindung ist?
  • Haben Sie oft Angst, durch jüngere Männer ersetzt zu werden?
  • Sie sind erst... alt und schon erstaunlich weit gekommen. Wie ernst nehmen ältere Kollegen Sie?
  • An welchen weiblichen Vorbildern haben Sie sich orientiert?
  • Ihre Arbeit erinnert mich (wichtig: der Journalist ist auch wer!) oft an die Arbeiten von (Hannah Arendt, Sofja Kowalewskaja, Isabel Coixet, Margaret Atwood o.ä.). Wie sehr sind Sie von Ihnen beeinflusst worden?
  • Wie wichtig ist Ihnen Ihr Äußeres?
  • Warum tragen Sie immer diese Anzüge? Verunsichert Sie zu viel Information über Ihren Körper?
  • Sie sind ein sehr gutaussehender Mann. Warum versteckt sich jemand wie Sie in einem so unglamourösen Beruf?
  • Welche Beauty-Produkte dürfen in Ihrem Bad nicht fehlen?

(Jetzt langsam zum Ende kommen. Noch einmal ausholen. Die Killerfrage.)

  • X, Sie sind jetzt 33. Haben Sie Angst vor dem Tod?

(In der Nachbearbeitung des Gesprächs: Alle fachlichen und unverständlichen Antworten streichen. Die Leser sind nicht an der Leistung von Männern interessiert, sondern wollen vielmehr Informationen, die diese Leistung erklären (Aussehen, Familie, Mode).

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