Neue Männerzeitschriften Null Vulven gefunden

Seit Jahrzehnten müssen sich Frauen an jeder Supermarktkasse von Magazinen beleidigen lassen, die ihnen Problemzonen einreden. Jetzt können endlich auch Männer über sich selbst lesen - und zum Glück nicht nur Unsinn.

Zeitschriftenregal mit Männer-Titeln
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Zeitschriftenregal mit Männer-Titeln

Eine Kolumne von


Ich war neulich in einem Hotelzimmer, in dem ein "ZEITmagazin Mann" rumlag. "Oh Gott, hast du es ausm Fenster geschmissen?", fragte mich eine Bekannte, der ich davon erzählte. Nein, natürlich nicht. Ich habe es gelesen. Und fand es ganz vorzüglich. Vielleicht nicht alle Texte darin, aber einige, und vor allem schlicht die nackte Existenz eines solchen Magazins. Sie ist erstens logisch und zweitens gut.

Frauen müssen sich seit Jahrzehnten an jeder Supermarktkasse von Heften beleidigen lassen, die zu großen Teilen daraus bestehen, Diättipps neben Rezepte für Biskuittorte zu drucken und Problemzonen weiblicher Körper aufzulisten (neuester Trend: Beine schminken). Dazwischen Bonmots wie "Senf gleicht kleine Sünden aus".

Das Angebot ist, gelinde gesagt, breit gefächert: "Bild der Frau", "Alles für die Frau", "Echo der Frau", "Frau im Spiegel", "Frau aktuell", "Frau mit Herz", "Frau im Trend", "Welt der Frau", "Frau im Leben" - ich würde nicht wenig Geld darauf wetten, dass "Frau" das am häufigsten vorkommende Wort in deutschen Magazintiteln ist. Daneben liegen: "Brigitte", "Emma", "Allegra", "Tina", "Petra", "Maxi", "Donna", "Barbara", "Lisa", "Laura", "Lea", "Grazia", "Bella" - es ist einfach faktisch so, dass nicht mehr viele Frauennamen übrig sind, nach denen man noch ein neues Heft benennen könnte. Sogar eine "Constanze" gab es schon mal. Aber keinen einzigen "Klaus" oder "Jürgen", deswegen muss es jetzt, einfach aus pragmatischen Gründen, endlich mehr Männermagazine geben.

Es gibt natürlich längst Männermagazine, aber nicht genug. Für alle, die den Verdacht hegen, dass es mehr Betätigungsfelder für Männer gibt als Grillen ("Beef"), Wichsen ("Playboy"), Pumpen ("Mens Health") und Schwulsein ("Männer"), für all die geht gerade die Gendersonne im Kiosk auf mit dem "ZEITmagazin Mann", das ab jetzt zweimal jährlich erscheinen soll.

Es gibt viele Bilder darin, und auf den vielen Bildern zähle ich nur vier Brüste (also zweimal zwei), null Vulven und drei Penisse. Es gibt Uhrenwerbung, eine Heldengalerie (in der eine Frau mit drin ist, ich schwöre), bisschen was über Lederaccessoires und Krawatten und natürlich Messer aus Damaszener Stahl, denn obwohl wir in einem Land leben, in dem die Pressefreiheit ein hohes Gut ist, gibt es die staatliche Verordnung, dass es in jedem Männermagazin mindestens eine Seite über Kochmesser geben muss, und die wird meines Wissens auch mit angemessener Sorgfalt eingehalten und im "ZEITmagazin Mann" sogar zu einer gewissen Perfektion gebracht: "Für das 'Damast'-Messer von Zwilling aus Solingen wird Stahl aus der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands verwendet." Sehr gut! Drunter machen sie es nicht. (Gut wäre noch der Hinweis gewesen, wie die Brücke das findet, aber man muss sich auch nicht übertrieben in alles einfühlen.)

Ansonsten Text. Texte über tanzende Männer (wunderschön, ohne Scheiß, wirklich wunderschön), Interviews, Porträts und so weiter, und ein Porsche-Test, aber von einer Frau durchgeführt.

Weil das alles viel zu niveauvoll und durchdacht ist, gibt es zum Ausgleich seit Neuestem "Maennersache.de", da geht es etwas mehr ab ("Das passiert, wenn du mit drei Riesen-Pythons kuschelst", "So sieht es aus, wenn man sich aus Versehen die Hand abhackt"). Und als Ergänzung ist gerade "Papa.online" an den Start gegangen, das "Onlinemagazin für Papas", inklusive Namensfinder (erste Vorschläge: Ingo, Kasimir, Yoda), Fruchtbarkeits- und Unterhaltsrechner.

Die neue Sehnsucht nach eindeutigen Geschlechterrollen

Das ist alles sehr, sehr gut und fügt sich in all meine Pläne. Natürlich wirkt es bisweilen ein bisschen rückschrittlich. Es könnten ja auch einfach alle Leute, Männer und Frauen, die "DB Mobil" lesen, die ist auch sehr gut und enthält eigentlich alles, was man so braucht. Aber nein, stattdessen gibt es jetzt noch mal Geschlechtertrennung, 2016. Das könnte ein Problem sein. Denn tatsächlich gibt es im Zuge von Rechtsruck und Verunsicherung eine neue, verstärkte Sehnsucht nach eindeutigen Geschlechterrollen (siehe Björn Höcke und seine mannhafte Männlichkeit). Das ist einigermaßen verständlich, weil der eigene Körper eine gewisse Sicherheit zu bieten scheint, während alles außerhalb vom Körper aufgrund von Terror und Finanzkrisen unsicher wird. Aber so nachvollziehbar es ist, so schlecht ist es auch, weil es Unfreiheit verfestigt.

Die neuen Männermagazine sind trotzdem gut und das liegt zwar nicht sofort auf der Hand, aber gleich. Denn entweder sie sind so interessant gemacht, dass sie gar nicht nur von Männern gelesen werden. Ich kenne bisher außer mir selbst exakt drei Leute, die das "ZEITmagazin Mann" gelesen haben: Es sind alles Frauen. Frauen, die sich - har, har, hallo! - für Damaszener Stahl und Whiskygläser interessieren, oder einfach für - nun ja - Männer halt. Oder die Magazine sind so übertrieben klischeehaft, siehe "Beef" und "Maennersache.de", dass sie sämtliche Männlichkeitsideale komplett ad absurdum führen: ein letztes Aufbäumen, kommt, gerne, meinetwegen ein paar Jahre lang - und dann wieder weg damit.

Die schlechten Männermagazine werden sich von selbst erledigen, auch weil Männer sich in den letzten Jahrhunderten lange genug daran gewöhnen konnten, sich als Menschen zu betrachten und nicht in erster Linie als Menschen mit Geschlecht. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jetzt in Scharen anfangen, Männlichkeits-to-do-Listen zu lesen. Wenn sie über Männlichkeit diskutieren: sehr gut. Dann muss ich das nicht machen. Es wird dabei auch Texte geben, die fast ein bisschen antifeministische Patina tragen, aber wenn die Männer das unter sich ausmachen, toll! Hab ich mehr Zeit zum Saufen.

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insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
Institutsmitarbeiter 20.09.2016
1.
"Frauen müssen sich seit Jahrzehnten an jeder Supermarktkasse von Heften beleidigen lassen, [...]" Frauen kaufen diese Magazine doch selber. Und anscheinend nicht zu knapp, andernfalls gäbe es ja nicht so viele Magazine. Ihre Satzkonstruktion unterstellt eine Passivität auf Seiten der Frauen, doch sind sie es doch selber, die sich durch die aktive Kaufentscheidung die Existenz der Magazine zu verantworten haben. Genauso unsinnig ist es, wenn sich Menschen über schlechte Filme beschweren, in die sie oder zumindest sehr viele Menschen trotzdem reingehen. Wir als Konsumenten haben die Wahl.
micnolde 20.09.2016
2. Ich Trottel ...
... ich habe nicht aufgepasst, wer diesen Artikel geschrieben hat und habe auf den Link geklickt. Was für verschwendete Zeit, denn ich muss jetzt wieder zum Kiosk, um all die Frauen-Zeitschriften aufzukaufen, damit die "Frau" mit der nächsten Auflage auch wieder beleidigt werden kann, vom Patria....
multi_io 20.09.2016
3.
"Seit Jahrzehnten müssen sich Frauen an jeder Supermarktkasse von Magazinen beleidigen lassen, die ihnen Problemzonen einreden." Wenn die sich von sowas beleidigt fühlen, dann -- ja -- müssen sie sich weiterhin beleidigen lassen. Soviel ist uns die Meinungsfreiheit dann doch noch wert, dass wir sie nicht für die Befindlichkeit von ein paar Feministinnen aufgeben, vielen Dank auch :) Der Punkt ist halt: Diese ganzen Magazine werden gekauft, sonst gäbe es sie nicht. Die meisten Frauen fühlen sich offenkundig überhaupt nicht "beleidigt". Das scheint ein ständiges Problem für Feministinnen zu sein -- dass ihre Phalanx an gut gemeinten Ratschlägen und Lebensweisheiten an der Mehrzahl der Zielgruppe einfach völlig folgenlos abprallt.
schreinischreiner 20.09.2016
4. antifeministische Patina?
Nur weil sich ein man Gedanken über die Anforderungen die die Gesellschaft an ihn stellt, macht? Man kann geteilter Meinung über den Text und den Inhalt sein, aber drehen Sie bitte das Geschlecht im Artikel um..und viola, gibt eseinen astrein feministischen Essay über die Erwartungen an die moderne Frau. Desweiteren muss die Gesellscahft sich Gedanken machen, wie sie die drohende Diskriminierung von Männern und Kindern männlichen Geschlechts abwenden möchte.
hbblum 20.09.2016
5. Das war....
...das Highlight meiner MIttagspausen! Auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit Frau Stokowski bin, was ja auch gar nicht notwendig ist, aber da war sie wieder, diese Lockerheit, die ich so an ihr mag!
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