Männersender DMAX Schrottplatz statt Plot-Schatz

Sieh sich einer das an: Deutschlands Spartensender beglücken die Welt mit Karten-Legern, Bike-Tuning und Grußkarten-Verkauf. Höchste Zeit für einen Streifzug durch unsere kuriose TV-Landschaft. Folge eins: der Männersender DMAX.


"Ihr fahrt alle beide ohne Wasser und Öl", verfügt der korpulente Mann mit Bart und Fistelstimme. Wie sich herausstellt, geht es um einen Wettbewerb, bei dem ermittelt werden soll, welches schrottreife Fahrzeug den Härtetest am längsten durchhält, ein Jaguar oder ein Fiat. Wir haben an einem Mittwochabend um kurz vor halb neun den selbsternannten Männersender DMAX eingeschaltet und befinden uns mitten in einer Folge der Doku-Soap "Die Ludolfs – Vier Brüder auf’m Schrottplatz".



Werden dort gerade keine Nonsens-Duelle ausgetragen, erweisen sich die Aufgaben innerhalb der Autoverwerter-Sippe aus dem Westerwald als klar verteilt: Geschäftsführer Peter, der Dicke mit Sopranstimme, schläft zwar regelmäßig auf seinem Stuhl ein, trägt aber das Herrschaftswissen über die Lagerbestände in sich – in der Halle stapeln sich Motorhauben, Bremsscheiben und Auspuffe nach einem schwer durchschaubaren Haufensystem.

Kundenanfragen nach Ersatzteilen werden von seinem Bruder Günter, auch "der Schweiger" genannt, entgegengenommen, an Peter weitergeleitet und von diesem meist abschlägig beschieden. Derweil kümmern sich Manni und Uwe, laut Eigenbeschreibung "Kraft und Hand" des Quartetts, ums Abholen und Ausschlachten der Autowracks.

All dies begleitet ein sehr spezielles Idiom: Ob Sätze wie "Was willst du mit das Auto?", "Der is’ Kunden am Betreuen" oder "Geh ma’ nach Peter" dem Westerwälder Platt zuzuordnen sind oder eher auf Grammatikschwächen der Ludolfs hindeuten, muss an dieser Stelle ungeklärt bleiben.

Was der Unkundige für Prekariats-TV der verschärften Sorte halten könnte, entpuppt sich bei der Recherche rasch als Kultformat: "Die Ludolfs" gehören mit einem Marktanteil von mittlerweile zwei Prozent bei den 14– bis 49-Jährigen zu den absoluten Quotenstars von DMAX und fügen sich thematisch trefflich ins Programmschema des seit 1. September vergangenen Jahres existierenden Minisenders.

Mediales Muskelspiel

"Monstergarage", "American Hot Rod", "American Chopper", "Wheels of steel" lauten die Titel eines komplett auf Fiktionales verzichtenden Programms, das sich zu einem Großteil um Technik, röhrende Motoren, Schweißen und Löten dreht. Wer die Beiträge des zum Discovery Network des US-Medienmoguls John Malone gehörenden XXP-Nachfolgekanals anschaut, kann eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Die Betreiber gehen davon aus, dass Emanzipation und Geschlechterrollenwandel ihrer Klientel übel mitgespielt haben und diese Bestärkung in ihren unterdrückten Instinkten braucht.

"Fernsehen für die tollsten Menschen der Welt: Männer", lautet denn auch der Claim auf der DMAX-Website, und der dazugehörige Trailer verströmt sanfte Ironie. Dazu passt der auf den ersten Blick erstaunliche Verzicht auf Erotik- bzw. Soft-Sex-Programme, wie man sie sonst im privaten Free-TV zu später Stunde findet. Bei DMAX möchte man offensichtlich positiver, konstruktiver wirken.

In der Bundesliga-freien Sommersaison wird die womöglich ratlos umherzappende Zielgruppe zur angestammten "Sportschau"-Zeit am Samstagabend vom jamaikanisch-kanadischen Barbecue-Meister Robert Rainford in Empfang genommen. Der notorisch gut gelaunte Kahlkopf hat die "Licence to grill" und wirbelt, simultan übersetzt sowie gelegentlich vom Zeitraffer beim Schnibbeln unterstützt, an seiner Outdoor-Küchentheke mit Rinderrippchen, Zucchini-Booten, Garnelen und Spießen herum.

Im Anschluss wird geangelt – zunächst in exotischen Postkartenlandschaften in der Sendung "Angebissen" (und natürlich beißen die Fische in den lapislazuliblauen Gewässern British Columbias wie verrückt), dann in heimischen Gefilden bei "Fish ’n’ Fun". Wenn’s irgendwann genug ist mit Abenteuer- und Naturromantik, müssen wieder Maschinen her – egal, ob in "American Chopper", wo eine von tätowierten Schnauzbartträgern betriebene Biker-Schmiede im Mittelpunkt steht, oder in "Der Checker", der hierzulande Bewerbern ihr Traumauto besorgt.

US-Lizenzware dominiert das DMAX-Programm, bestreitet es aber eben nicht ganz: Zur Primetime beträgt der Anteil der Eigenproduktionen beachtliche 60 Prozent – dazu gehört auch die Doku-Soap "Tattoo – Eine Familie sticht zu", die sich in der entsprechenden Szene angeblich einer wachsenden Fangemeinde erfreut.

Mit Anglern nach Zielgruppen fischen

Besonders stolz ist man bei DMAX auf Kooperationen mit Schauspiel-Stars – so betätigte sich bereits Jürgen Vogel als Tester monströser Fahrzeuge("Fat Machines"), mit Hardy Krüger jr. wagte man sich ans Segeln ("Helden hart am Wind"). Und im Januar 2008 wird Jan Josef Liefers nach dem Vorbild von Ewan McGregor und Charley Boorman ("Long Way round") zu einer Tour über die südamerikanische Ruta 40 aufbrechen.

Doch während die Schrauber-Sendungen bei Nicht-Aficionados alsbald gähnende Langeweile auslösen, haben all die Action- und Abenteuerformate einen anderen gravierenden Nachteil: So nachvollziehbar sie den Beteiligten Spaß bringen können, so wenig erschließt sich der Reiz des Zuschauens. Reisen, Angeln und Grillen muss man halt schon selber – vor der Glotze anderen dabei zuzusehen macht eher melancholisch.

So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass gerade die gänzlich undynamischen Ludolfs, deren Alltagserlebnisse inzwischen schon als DVD-Box erhältlich sind, zum Aushängeschild des Senders avanciert sind. Die Schrottplatz-Brüder, die sich in ihrer ölverschmierten Welt unbehelligt von gängigen Ordnungsprinzipien, Dramaturgie- und Plot-Konzepten den Überbleibseln der Automobil-Gesellschaft widmen – das hat fast schon wieder Stil. Abgefahren statt zynisch oder vulgär - das lässt sich doch sehen.



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