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Männliche Paranoia

Gruselige Zeiten - für wen?

Männer fühlen sich von Frauen bedroht und jammern über Verunsicherung. Geht's noch? Frauen, die für ihre Rechte eintreten, werden bestraft und müssen um ihr Leben fürchten - auch in Mitteleuropa.

Eine Kolumne von

AFP

Demonstration gegen Brett Kavanaugh in Washington

Dienstag, 16.10.2018   16:51 Uhr

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Erinnern sich noch alle daran, was "Zeit"-Redakteur Jens Jessen im Frühling schrieb? "Wir können jederzeit denunziert werden, auch ohne den kleinsten Vorfall." Männer hätten es heute unglaublich schwer, schrieb Jessen in seiner Titelgeschichte "Der bedrohte Mann". Als könnte jederzeit eine twitternde Feministin aus dem Gebüsch springen, die mit ein paar Sätzen und einem Hashtag eine Karriere zerbombt.

Jessen steht nicht allein da mit dieser Paranoia. "It's a very scary time for young men in America", sagte auch US-Präsident Donald Trump vor ein paar Tagen. Er bezog sich damit auf den Fall Brett Kavanaugh, der diverser Übergriffe beschuldigt wurde und nun Oberster Richter auf Lebenszeit ist.

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Die Musikerin und Tänzerin Lynzy Lab schrieb daraufhin einen Song: Ja, es ist wirklich eine gruselige Zeit für Männer, wenn sie Frauen nicht mehr ganz so einfach belästigen können. "Es ist so verwirrend", singt sie. "Ist es eine Vergewaltigung oder nur Nettsein? So lästig, dass man gründlich drüber nachdenken muss." Sie zählt auf, was für Frauen alles gefährlich werden kann: spät abends öffentliche Verkehrsmittel nutzen, einen Minirock tragen, allein in eine Bar gehen, einen Drink unbeobachtet stehen lassen, in den Klub gehen und einfach nur tanzen wollen, im Erdgeschoss wohnen, betrunken sein, mit Kopfhörern joggen gehen - oder nach 35 Jahren gegen einen Vergewaltiger aussagen.

Christine Blasey Ford, die Kavanaugh beschuldigt hatte, kann derweil nicht mehr nach Hause. Die Professorin bekommt, seit sie gegen den Richter ausgesagt hat, so viele Gewalt- und Morddrohungen, dass sie in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher ist. Zusätzlich musste sie sich Personenschutz besorgen. Es könne noch eine Weile dauern, bis Blasey Ford und ihre Familie wieder zurück nach Hause könnten, sagte eine ihrer Anwältinnen.

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Bevor für Kavanaugh gestimmt wurde, hatte außerdem ein Mann aus Florida verkündet, er sei bereit, viele Menschen zu töten, wenn Kavanaugh nicht ernannt würde. In einem Interview wurde Donald Trump gefragt, ob er es okay fand, sich über Blasey Ford lustig zu machen, und er sagte: "Ich werde mich nicht dazu äußern. Weil wir gewonnen haben. Es ist egal. Wir haben gewonnen."

In Indien hat die Schauspielerin Tanushree Dutta bereits vor zehn Jahren versucht, öffentlich über sexuelle Belästigung bei Dreharbeiten zu sprechen, fand damals aber kein Gehör. Ihre Beschwerden wurden ignoriert, sie bekam in Indien keine Engagements mehr, zog in die USA. Nun ist sie wieder in Indien und hat es geschafft, eine #MeToo-Debatte in ihrem Land anzustoßen, erhält dafür aber zahlreiche Beschimpfungen und Bedrohungen. Auch sie steht derzeit unter Personenschutz.

In Österreich wurde gerade Sigi Maurer verurteilt, weil sie sich gegen sexuelle Belästigung gewehrt hat. Die ehemalige Grünen-Politikerin hatte Nachrichten veröffentlicht, die ihr geschickt wurden, und muss nun eine Geldstrafe zahlen, wegen "übler Nachrede". Die Nachrichten, die Maurer bekommen hatte - "da du prominent bist, ficke ich dich gerne in deinen fetten Arsch", unter anderem -, stellen in Österreich keinen Straftatbestand da.

Es ist eine furchteinflößende Zeit - aber nicht für Männer

Um trotzdem nicht damit allein zu bleiben, veröffentlichte Maurer Screenshots davon, sowie den Namen des Ladenbesitzers, von dessen Account die Nachrichten kamen. Obwohl sie alles richtig gemacht hat, wird sie nun bestraft. Sie soll 3000 Euro Geldstrafe zahlen, 4000 Euro an den Ladenbesitzer, plus Prozess- und Anwaltskosten. Auf Twitter schrieb sie: "Ich wehre mich gegen extrem sexistische, erniedrigende Nachrichten und werde dafür verklagt. Der Richter befindet, Herr L. lügt und er glaubt alles, was ich sage. Trotzdem werde ich verurteilt. Nun gut, dann gehen wir eben in Berufung. Bis nach Straßburg, wenn es sein muss."

Sie bekommt jetzt wieder Nachrichten: "Ich würde dir raten, deine Strafe zu zahlen und den Mund nicht weit aufzureißen (nur zum Blasen). Wenn dich meine Freunde mal in der Nacht draußen erwischen, hast sowieso ausgespielt." Sie veröffentlicht sie weiter - ohne volle Namen zu nennen.

Ebenfalls verurteilt wurde Kristina Hänel, die Ärztin, die angeblich "Werbung für Abtreibungen" gemacht hatte - indem sie auf ihrer Webseite darüber informierte, wie ein Schwangerschaftsabbruch läuft. Der Papst hat Ärztinnen, die Abtreibungen durchführen, gerade wieder als "Auftragsmörder" bezeichnet.

Ja, es ist eine furchteinflößende Zeit - aber nicht für Männer. Frauen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, werden immer noch überall auf der Welt dafür bestraft. Sie müssen dafür bezahlen, dass sie über Unrecht sprechen, dass sie Täter beim Namen nennen, oder sich für grundlegende Frauenrechte einsetzen.

Es ist zynisch. Ich bekomme die meisten Gewalt- oder Morddrohungen, wenn ich über Gewalt gegen Frauen schreibe. Es reicht, die Kriminalstatistik zu zitieren, laut der in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird, oder darauf hinzuweisen, dass auch deutsche Männer gelegentlich Frauen belästigen, und schon schreibt irgendeine verlorene Seele: "Ihr Zecken werdet bald brennen. Du Hure. Du verdammtes Stück Dreck bist bald fällig", und: "Du Schlampe gehörst erschossen. Kriegst du nicht genug Schwänze oder was ist los?"

Der Mythos der Bedrohung für Männer hält sich beharrlich

Frauen, die Unrecht ansprechen, wird oft vorgeworfen, nur Aufmerksamkeit zu wollen oder die Karrieren von Männern zerstören zu wollen. Es gibt allerdings keinen einzigen Fall in der Weltgeschichte, in der eine Frau zu Ruhm gelangt wäre, nur weil sie einen Vergewaltiger angezeigt hat. Es gibt 1000 Wege, ein Star zu werden. Über Belästigung zu sprechen, ist keiner davon. Viele Männer, die beschuldigt werden, können ihre Karrieren fortsetzen, während die Frauen, die gegen sie ausgesagt haben, um ihr Leben fürchten müssen.

Es sitzen so viele inkompetente Männer auf irgendwelchen Posten - wenn es ein wirksames Mittel wäre, ihnen wahllos Belästigung vorzuwerfen, um sie loszuwerden, hätte sich das unter Frauen längst rumgesprochen. Trotzdem hält sich der Mythos der Bedrohung für Männer beharrlich - egal, wie viele Statistiken dagegensprechen. Die "Süddeutsche" hat gerade wieder erklärt, "dass es für Männer wahrscheinlicher ist, selbst Opfer einer Vergewaltigung zu werden als fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt zu werden".

Das Gute: Frauen, die sich wehren, müssen trotzdem nicht unbedingt allein bleiben. Sigi Maurer rief nach ihrer Verurteilung zu einem Crowdfunding auf: ein Rechtshilfefonds für ihren Fall und weitere Fälle. Innerhalb weniger Stunden kamen dort mehr als 50.000 Euro zusammen.

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