Magnum-Fotoagentur "Das Drama der Geschichte - in einem Bild"

Der Spanische Bürgerkrieg, der Prager Frühling, das Massaker von Tiananmen: Fotos von Magnum-Fotografen schrieben Geschichte. David Kogan, der Chef der berühmten Fotoagentur, verrät, wie das Unternehmen überleben will.

Corbis

SPIEGEL ONLINE: Bei der Agentur Magnum sind die besten Fotografen der Welt beschäftigt. Zum 70. Jubiläum im Jahr 2017 planen Sie nun eine Fernsehserie über die Anfänge. Was versprechen Sie sich davon?

David Kogan: Unsere Gründer Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger hatten ein faszinierendes Leben. Das wollen wir einem breiten Publikum zeigen. Die NBC-Tochter Carnival Films, die für ihre ausgezeichneten Drehbuchschreiber bekannt ist, ist mit dem Vorschlag zu uns gekommen. Und NBC will die Serie weltweit vermarkten.

SPIEGEL ONLINE: Damals war das goldene Zeitalter der Fotografie: Glamouröse Abenteurer reisten wochenlang um den Globus, erlebten Weltgeschichte und verdienten einen Haufen Geld. Wie hat sich der Fotojournalismus seither verändert?

Kogan: Als Magnum gegründet wurde, hatte der Fotojournalismus noch ein Massenpublikum. In den Fünfzigerjahren gab es Magazine wie das "Ladies Home Journal" in Amerika, das hatte damals die größte Auflage der Welt. In den Sechzigerjahren druckten Nachrichtenmagazine wie "Life" und "Time" ständig Bilder aus Vietnam und anderen Konfliktherden. In den vergangenen 15 Jahren hingegen ist der Printmarkt als Massenmarkt für solche Bilder weggebrochen. Magnum-Fotos erscheinen immer noch im Print, aber wir müssen zunehmend neue, digitale Kanäle erschließen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Fotografen klagen, der Fotojournalismus sei tot. Es gibt weniger Aufträge, die Preise fallen, Bilder scheinen weniger wert zu sein als früher. Können Ihre Fotografen noch von ihrer Arbeit leben?

Kogan: Natürlich diskutieren auch Magnum-Fotografen darüber, ob ihre Arbeit noch angemessen bewertet wird. Besonders wenn sie ihr Leben riskieren wie Moises Saman, der gerade mit einem Hubschrauber über dem Irak abgestürzt ist und überlebte. Es ist mein Job, Abnehmer zu finden, die unsere Fotografen anständig bezahlen. Aber es ist ein sehr harter Markt, ein ständiger Kampf.

SPIEGEL ONLINE: "Wenn man ein weltberühmtes Bild vor Augen hat, wurde es wahrscheinlich von einem Magnum-Fotografen aufgenommen", hieß es früher. Gilt das heute auch noch?

Kogan: Unsere Fotografen machen immer noch Bilder, die in die Geschichte eingehen. Sie müssen allerdings härter kämpfen, um wahrgenommen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man den Tiananmen-Aufstand von 1989 googelt, bekommt man gleich die Aufnahme von Magnum-Fotograf Stuart Franklin zu sehen: Sie zeigt den Studenten, der ganz allein vor den chinesischen Panzern steht. Bei der ägyptischen Revolution auf dem Tahrir-Platz hingegen wurde das eindrücklichste Foto von irgendeinem Augenzeugen geschossen. Sieht so die Zukunft aus?

Kogan: Heute kann jeder mit einem Kamera-Handy Fotos direkt ins Internet laden. Gelegentlich werden Sie einen glücklichen Schnappschuss eines Amateurs finden. Macht ihn das zu einem Cartier-Bresson? Nein. Was Magnum unterscheidet, ist die Fähigkeit, eine Geschichte nicht bloß abzubilden, sondern das Drama der Geschichte in einem Bild zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Redaktionen scheint diese Qualität egal zu sein, sie schauen nur noch aufs Geld.

Kogan: Der Tod des Fotojournalismus wird schon seit der Ankunft des Fernsehens immer wieder beschworen. Er ist nie eingetreten. Ich würde mir Sorgen machen, wenn die Leute keine Fotos mehr sehen wollten. Aber das ist nicht der Fall. Die Tage der Magnum-Fotografie sind noch lange nicht vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wie passen Sie sich dem neuen Marktumfeld an?

Kogan: Wir arbeiten gerade an einer neuen Strategie, deren Details ich noch nicht verraten kann. Wir werden aber eine digitale Plattform für alle unsere Kunden haben. Magnum ist ein Medienunternehmen, deshalb müssen wir uns genau wie alle anderen an die neuen Vertriebskanäle anpassen. Wir hatten neulich zum Beispiel eine große Verkaufsaktion auf Instagram. Davon wird es mehr geben. Wir müssen auch stärker daran arbeiten, dass Magnum als Marke bekannt bleibt. Die Fernsehserie über unsere Gründer ist ein Schritt auf diesem Weg.

SPIEGEL ONLINE: Magnum hat ein einzigartiges Archiv, die Bilder liefern eine Chronik des 20. Jahrhunderts. Vintage und Retro sind gerade wieder sehr angesagt. Profitieren Sie von dem wachsenden Nostalgiemarkt?

Kogan: Das Archiv ist Teil unserer Marke, und wir nutzen es, so gut wir können. Aber wir können nicht nur von der Vergangenheit leben, so glorreich sie auch war. Es geht um die glorreiche Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, dass ein Magnum-Fotograf künftig mit dem iPhone loszieht und vielleicht sogar Videos dreht?

Kogan: Ich habe ein Foto von Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg, er hält eine Movietone-Kamera und filmt. Das war 1937. Die Idee ist also nicht gerade neu. Magnum-Fotografen haben immer die Technologie gewählt, die ihnen am besten passte.

Das Interview führte Carsten Volkery

insgesamt 2 Beiträge
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dalethewhale 24.10.2014
1. Also nach 20 Jahren Internet merken die
``... Magnum ist ein Medienunternehmen, deshalb müssen wir uns genau wie alle anderen an die neuen Vertriebskanäle anpassen.`` das sie sich anpassen müssen an `Neuland`? Mit verlaubt, das ist mehr als verpennt.
double-U13 24.10.2014
2. Ja, Magnum ist ein Medienunternehmen!
Aber Magnum war auch eine Art "Institution", eine Legende sogar. Kristallisationspunkt der engagiertesten Fotografen weltweit. In der schnelllebigen Zeit, wo es nur noch darum geht, möglichst schnell Kohle zu machen, werden Bildagenturen vom Investoren gekauft, denen es egal ist, ob sie mit Fotos oder Donuts Geld scheffeln. Der Preis ist Oberflächlichkeit und Nivellierung. Und eine Prekarisierung des Berufsstandes der Bildjournalisten. Deshalb geht es Magnum nicht nur darum, wirtschaftlich mitzuhalten, sondern auch die "Seele" des Unternehmens zu erhalten. Oder das, was davon noch übrig geblieben ist.
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