Kunstexperte Magnus Resch "Das Gerede von guter Kunst ist völliger Quatsch"

Magnus Resch will Künstler in Geldfragen beraten - und mag steile Thesen: Ein Kunststudium, sagt der Wirtschaftsmann, führt in die Arbeitslosigkeit. Und Selbstvermarktung ist wichtiger als Qualität.
Maurizio Cattelans Bananen-Installation "Comedian" wurde auf der Art Basel irgendwann vor den Augen der Besucher verspeist

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Foto: RHONA WISE/ EPA-EFE/ REX
Foto: Magnus Resch

Magnus Resch, 35, ist Kunstexperte. Er schrieb Bestseller wie "Management von Kunstgalerien" und hält Vorlesungen an der Yale University. Sein neues Projekt heißt "MagnusClass". Das Online-Seminar für Künstler ist gewissermaßen eine Kampfansage an alle traditionellen Kunsthochschulen: Resch legt darin den Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Seite des Betriebs. In bisher 55 Unterrichtseinheiten erklärt Resch etwa, wie Künstler eine Galerie für sich gewinnen, Journalisten dazu bringen, über sie zu berichten - und vor allem, wie sie mit Kunst Geld verdienen.

SPIEGEL: Herr Resch, Sie haben eine Online-Kunstakademie gegründet. Produzieren die Hochschulen in Deutschland nicht schon genug erfolglose Künstler?

Magnus Resch: Die Ausbildung an Kunsthochschulen ist einseitig. Dort wird konsequent vermieden, über Geld zu sprechen oder über den Kunstmarkt. Jeder Künstler ist Selbstunternehmer, aber übers Unternehmersein wird nichts unterrichtet. Auch Künstler müssen Miete bezahlen, und das geht nur, wenn sie ihre Kunst verkaufen. In diese Lücke gehe ich mit meinen Onlinekursen. Besonders in Deutschland gibt es große Vorbehalte gegen eine marktorientierte und realitätsnahe Ausbildung, was absurd ist. Es scheint, dass es für Künstler erstrebenswerter ist, arm und erfolglos zu sein, als Geld zu verdienen. Das Kunststudium führt in die Arbeitslosigkeit.

SPIEGEL: Eine steile These - vor allem, weil Sie selbst nie an einer Kunsthochschule studiert haben.

Resch: Ein Professor für Unternehmensführung muss auch nicht Amazon gegründet haben. Ich arbeite seit 15 Jahren im Kunstmarkt und habe viele Künstlerfreunde. Ich erlebe hautnah, wie schwer es ist, von Kunst zu leben und bekomme täglich E-Mails von Künstlern. Die häufigste Frage lautet: "Magnus, wie werde ich erfolgreich?"

SPIEGEL: Ihr Kurs richtet sich an die Brotlosen. Also an 80 Prozent aller Künstler, wie Sie selbst in einem ihrer Lehrvideos behaupten. Die meisten werden sich schon die 300 Dollar allein für das Basispaket nicht leisten können.

Resch: Der Preis ist vielleicht sogar zu niedrig. Die vom Sotheby's Institute kosten das Achtfache.

SPIEGEL: Sie sind promovierter BWLer, Start-up-Investor und Bestsellerautor. Ihre unternehmerischen Erfolge will ich gar nicht kleinreden. Aber was sollen Künstler von Ihnen lernen können?

Resch: Ich bin kein Künstler, das stimmt, und ich will das auch gar nicht sein. In anderen Kursen geht es um Pinselstriche, Farbe und Impressionismus. Bei mir geht es ums Geld. Und da kenne ich mich aus: Mit 20 habe ich bereits eine Galerie geführt, meine Doktorarbeit habe ich über das Geschäftsmodell von Kunstgalerien geschrieben.

SPIEGEL: Einer der Tipps in ihrem Kurs lautet: "Lass nicht einen Sammler entscheiden, welches Kunstwerk er kauft. Er weiß es eh nicht. Sag ihm, du hättest da ein Bild, das wunderbar an seine Wand passt." Mit anderen Worten: Künstler sollen Sammlern ihre Kunst aufschwatzen?

Resch: Sie sollen Verkaufstechniken lernen. Ich empfehle zum Beispiel auch: "Sag den Preis… und dann nichts mehr. Entschuldige dich vor allem nicht!" Das erlebe ich nämlich häufig: Ich frage nach einem Preis für ein Werk, dann drucksen die rum. Besonders in Deutschland gehen Künstler und Galeristen extrem verkrampft mit Geld um. Natürlich müssen sie nicht ständig über Geld reden, aber sie sollten simple unternehmerische Prinzipien beherzigen. Es ist nicht schlimm, wenn man nach außen das Klischee des Verträumten gibt. Entscheidend ist aber, was hinter verschlossener Tür passiert.

SPIEGEL: Sie benannten einst eine Handy-App nach sich, Ihre Online-Kunsthochschule trägt auch wieder Ihren Namen: "MagnusClass ". Ist das nicht nur ein weiterer Self-Marketing-Coup?

Resch: Ihre Frage ist typisch deutsch, in den USA fragt mich das niemand. Die David Zwirner Gallery heißt auch wie ihr Besitzer. Wenn Sie sich meine Onlinekurse ansehen, merken Sie, dass der Schwerpunkt auf den Inhalten liegt. Ist doch klar, dass ich nicht Künstlern predigen kann, wie wichtig Selfbranding ist, und es dann nicht selbst anwende. Um als Künstler Erfolg zu haben, muss man eine Marke sein. In meinem Kurs erkläre ich, wie man das schafft.

SPIEGEL: Warum nehmen Sie Eigenwerbung so wichtig? Glauben Sie nicht, dass sich künstlerische Qualität am Ende durchsetzt?

Resch: Darauf kann ich ihnen eine datenbasierte Antwort geben. Meine Studie, die ich letztes Jahr im Wissenschaftsmagazin Science herausgebracht habe, zeigt, dass der Erfolg eines Künstlers nicht von seiner Kunst abhängt, sondern von seinem Netzwerk. Wenn Sie als junger Mensch die Option hätten, in einer Kunstgalerie in New York zu arbeiten oder dort Assistent eines berühmten Künstlers zu werden, würde ich das dem Studium an der Kunstakademie Karlsruhe in jedem Fall vorziehen. Denn in New York lernt man die wichtigeren Leute kennen. Die Ausbildung ist nicht relevant, um ein erfolgreicher Künstler zu werden.

SPIEGEL: Ist es heute also gar nicht mehr wichtig, gute Kunst zu machen?

Resch: Das Gerede von guter Kunst ist völliger Quatsch. Aktuell ist gute Kunst, was eine kleine Gruppe einflussreicher, alter weißer Männer festlegt. Frauen, Afroamerikaner, Mitglieder der LGBTQ-Community werden dadurch stark benachteiligt. Heute muss gute Kunst vor allem eins sein: teuer. Der Inhalt zählt nicht. Die Banane von Maurizio Catellan, die er auf der Art Basel Miami Beach für 120.000 Dollar verkauft hat, zeigte das kürzlich.

SPIEGEL: Aber Sie selbst argumentieren ja auch ohne inhaltlichen Bezug zum Werk: Solange die PR stimmt, könnte ich auch ein Bild von einem Dreijährigen für Millionen verkaufen. Haben Sie wirklich überhaupt keine Kriterien, was gute Kunst ausmacht?

Resch: Das Problem ist: Viele tolle Künstler werden nicht fair entlohnt, weil sie nie gelernt haben, ihre Kunst richtig zu erklären. Deshalb gebe ich in meinem Kurs auch Anleitungen für ein perfektes Artist's Statement.

SPIEGEL: Nehmen wir an, Sie würden irgendwann Direktor einer Kunstakademie werden. Was würden Sie als erstes ändern?

Resch: Ich würde sie sofort schließen.

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