Maischberger Anschwellender Schock-Gesang

Die Rütli-Misere macht Schule - auch medial. Flogen in Neukölln die Steine, werfen Talk-Gäste mit Klischees um sich. Wie bei der gestrigen Runde von Sandra Maischberger, wo der Ruf nach Zucht und Ordnung jedes kritische Argument übertönte.

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Die Sitzordnung war schön ausgeknobelt. So platzierte man Josef Kraus, den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, der randalierende Schüler unter Polizeibewachung nachsitzen lassen will, direkt neben den Erziehungswissenschaftler Reinhart Wolff. Professor Wolff hatte vor 40 Jahren die ersten Kinderläden eröffnet und gilt auch heute noch als Vertreter einer konsequent antiautoritären Erziehung. Auf welche Weise die beiden ihre vorhersehbare Kontroverse austrugen, erinnerte gelegentlich an einen Streit im Kindergarten.

Moderatorin Maischberger: Versuch einer ironischen Brechung
WDR/Kohr

Moderatorin Maischberger: Versuch einer ironischen Brechung

Während Kraus sich an seine These "Die 68er sind an allem schuld!" klammerte wie ein Junge an sein Lieblingsspielzeug und in barschem Bajuwarisch den Kontrahenten nieder zu reden versuchte, probierte es der Berliner Brummbär Wolff mit Kuscheln. Irgendwann tätschelte der antiautoritäre Vordenker die Schultern seines Sitznachbarn und seufzte sanft zu den anderen: "Ach, er hat nichts verstanden."

Kurz gesagt: Die Talkrunde bei Sandra Maischberger zur Frage "Brauchen wir wieder Zucht, Ordnung und Anstand?" war nicht gerade eine Sternstunde der Debattenkultur. Die jungen Menschen, über die gesprochen und denen ganz allgemein ein Mangel an Respekt attestiert wurde, konnten hier nur eines lernen: Peitsch deine Meinung durch und lass' die andern labern!

Teufelszahl 68

Die These des konservativen Lehrerfunktionärs Kraus, dass für die Erziehungsmisere nur die 68er die Verantwortung tragen, verdichtete sich im Lauf der Sendung zu einem vielstimmig intonierten Mantra. Denn auch der eingeladene Unternehmensberater Moritz Freiherr Knigge, ein Nachfahre des gleichnamigen berühmten Verhaltensratgebers, machte in den Idealen der 68er die Wurzeln allen edukativen Übels aus. Zu viel Individualisierung diagnostizierte der Freiherr bei der heutigen Gesellschaft, während Kraus immer wieder inbrünstig vor der "Toleranzfalle" warnte.

Individualität und Toleranz: Na, wenn das nicht Werte sind, für die es sich einzusetzen lohnt! Bei Knigge und Kraus verkamen die Begriffe im Verlauf der Diskussion allerdings mehr und mehr zu Schmähvokabeln. Die ebenfalls anwesende Ex-Bundesfamilien- und Jugendministerin Renate Schmidt, die mit zupackender Dialektik ins Geschehen einzugreifen versuchte, konnten sich da leider nicht so recht durchsetzen. Die Runde verfiel zusehends dem Charme der Restriktion.

Das anschwellende 68er-Bashing wirkte ein wenig paradox, wenn man sich die persönlichen Erfahrungsberichte zur eigenen Schulzeit ins Gedächtnis rief, mit denen die Talkgäste den Abend eröffnet hatten: Drei von ihnen hatten die Prügelstrafe noch am eigenen Leib erfahren. Gemeinsam mit den übrigen Diskutanten einigte man sich immerhin darauf, dass körperliche Züchtigung kein Mittel sei. Dass jedoch für einige allgemein anerkannte Errungenschaften in der Erziehung (zum Beispiel eben das angst- und gewaltfreie Lernen) auch die anti-bürgerliche Bewegung verantwortlich zeichnet, wurde dabei immer wieder unter den Tisch gekehrt.

Der Jugendliche als Alien

Bezeichnend für die gegenwärtige Situation, dass es unmöglich scheint, bestimmte Leistungen der 68er einzuordnen, ohne sie entweder zu verklären oder in toto abzulehnen. Nach den Ereignissen an der Berliner Rütli-Hauptschule und dem Medien-Run auf den Kiez von Neukölln ist ein Hysterisierungsgrad in der Erziehungsdiskussion erreicht, bei dem man nur noch die radikale Abkehr von bisherigen Konzepten als Ausweg sieht. Aber gibt es in der komplizierten Gemengelage, wo soziale Verelendung, interkulturelle Missverständnisse und immer undurchdringlichere Jugendcodes ineinander greifen, wirklich die einzig wahre Patentlösung?

Sandra Maischberger versuchte immerhin an einer Stelle, die scharfen Sanktionsappelle ironisch zu brechen, indem sie Ausschnitte aus Dokumentationen der fünfziger und sechziger Jahre zeigte, in denen im gleichen Tonfall der sozialen Katastrophenstimmung über den Verfall der Sitten unter Heranwachsenden doziert wurde wie in den Milieubesichtigungen, die zurzeit gehäuft im Fernsehen laufen.

Dieser Verweis auf das generelle Unbehagen, das die ältere Generation stets gegenüber der jüngeren fühlt, war nicht etwa als Maßnahme gedacht, die tatsächlichen aktuellen Probleme in den multiethnischen Ballungszentren zu relativieren. Vielmehr machte der kleine Exkurs klar, dass es immer ein generelles Vermittlungsproblem zwischen Alt und Jung gegeben hat. Wer verändern will, muss aber eben auch willig sein zu verstehen - "Toleranzfalle" hin, "Kuschelpädagogik" her.

Dass die Deuter der neuen Schülergewalt, die sich bei Maischberger in die Talk-Sessel drückten, ein gefühltes Durchschnittsalter von 60 Jahren hatten, war dabei eine extrem unglückliche Fügung. So blieb der Jugendliche weiter das unbekannte Wesen.



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Seite 1
Tylor Durdon, 07.04.2006
1.
---Zitat von sysop--- Fehlt uns Zucht und Ordnung? Oder ginge alles besser, wenn wir endlich einfach netter zueinander wären? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Eine Mischung aus beidem wäre am erfolgreichsten.
Tylor Durdon, 07.04.2006
2.
---Zitat von sysop--- Fehlt uns Zucht und Ordnung? Oder ginge alles besser, wenn wir endlich einfach netter zueinander wären? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Eine Mischung aus beidem wäre am besten. Zucht und Ordnung in der Familie ist aber völlig falsch. Da muss man nett und vertrauensvoll miteinander umgehen.
UlliK 07.04.2006
3.
---Zitat von sysop--- Fehlt uns Zucht und Ordnung? Oder ginge alles besser, wenn wir endlich einfach netter zueinander wären? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Natürlich ginge alles mit Freundlichkeit besser, nur: was hat das mit 'Zucht und Ordnung' zu tun? Nur ein Beispiel: Im Strassenverkehr lasse ich anderen Verkehrsteilnehmern immer wieder mal die Vorfahrt, gebe ihnen die Möglichkeit, aus einer Parklücke zu fgahren, lasse Fußgänger über die Strasse (auch ohne Zebrastreifen)...ich kann mich nicht erinnern, wann sich das letzte Mal jemand bedankt hat. Alle nehmen solche Gesten mittlerweile mit mehr oder weniger verkniffenem Gesicht und betontem Wegsehen hin. Traurig! Aber wie gesagt: Mit dem (preußsich angehauchten) Begriff von 'Zucht und Ordnung' hat diese Form von Freundlichkeit / Höflichkeit doch erstmal nichts zu tun, oder sehe ich das falsch? (Und ob man Freundlichkeit durch Strafen erzwingen kann, wage ich erst recht zu bezweifeln!)
Tylor Durdon, 07.04.2006
4.
Eine Mischung aus beidem wäre am besten. Zucht und Ordnung in Familien ist aber völlig falsch da muss nett und vertrauensvoll miteinander umgegangen werden.
Umberto, 07.04.2006
5.
---Zitat von sysop--- Fehlt uns Zucht und Ordnung? ---Zitatende--- Das hatten wir lange genug, brauchen wir deshalb nicht mehr. ---Zitat von sysop--- Oder ginge alles besser, wenn wir endlich einfach netter zueinander wären? ---Zitatende--- Natürlich ginge dann alles besser, aber dazu brauchen wir andere Menschen.
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