Maischberger Rockzipfel statt Schock-Gipfel

Wäre die Welt besser, wenn Frauen sie regierten? Acht Expertinnen arbeiteten gestern bei Sandra Maischberger an einer Antwort. Am Ende blieb die Frage: Lass ich mir in den Mantel helfen?

Von Henryk M. Broder


Einfach ist es nicht, über den Gipfel von Heiligendamm zu berichten, ohne auf der Stelle zu treten und die Geschichten vom Vortag aufzuwärmen. Aus Mangel an wirklichen News schilderten die Reporter gestern ihre Arbeitsbedingungen im Pressezentrum von Kühlungsborn, wo sie zwar vor Ort, aber weit vom Schuss und auf die amtlichen Kommuniqués der Veranstalter angewiesen sind, die sie nur noch umschreiben müssen.

Polit-Talkerin Maischberger: Die lauen Themen der Frauen
DPA

Polit-Talkerin Maischberger: Die lauen Themen der Frauen

Das Aktuellste, was es im Zusammenhang mit dem G-8-Treffen zu berichten gab, war die glückliche Landung des US-Präsidenten auf dem Regionalflughafen von Rostock-Laage, wo er zur großen Enttäuschung der Reporter nur kurz verweilte, weil er früh ins Bett wollte.

Gott sei Dank fand parallel dazu noch ein "Jugendgipfel" statt, dessen Teilnehmer die Schulen schwänzten, um von der Bundeskanzlerin empfangen zu werden. Die hatte, obwohl erkennbar voll im Stress, tatsächlich Zeit, die aus der halben Welt angereisten Kids zu begrüßen und sich deren Vorschläge für eine gerechte Welt, eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz anzuhören. Älteren Zuschauern kam die Szene bekannt vor – auch Erich Honecker ließ es sich weiland nicht nehmen, die Teilnehmer der "Weltjugendtreffen" persönlich willkommen zu heißen und mit ihnen für die "aktuelle kamera" des DDR-Fernsehens zu plaudern.

Einfach umständlich

Bei so viel Vollgas im Leerlauf klang das Thema, das Sandra Maischberger am späten Abend behandeln wollte, vielversprechend: "Die Weltregierung der Frauen". Als wäre Lysistrata auferstanden und hätte ihre Schwestern in Athen und Sparta dazu aufgerufen, sich ihren Männern so lange zu verweigern, bis diese aufhörten, sich gegenseitig zu erschlagen.

Was zur Zeit des Peloponnesischen Krieges eine gute Idee war, könnte auch heute funktionieren. Es käme zumindest auf einen Versuch an. Aber dazu kam es nicht. Denn mit den acht Frauen, die Maischberger eingeladen hatte, war die Sendung zwar "rekordverdächtig", blieb aber ansonsten im Rahmen des Üblichen: Warum Frauen in der Politik unterrepräsentiert sind, warum die Männer die Frauen nicht dran lassen und warum es für Frauen so schwierig ist, Familienleben mit Beruf zu verbinden. Talk-Business as usual.

Die einfachste Antwort auf alle diese Fragen wäre gewesen: Weil es am Ende immer noch Frauen sind, die Kinder bekommen, und weil keine Gleichstellungsbeauftragte etwas an der Tatsache ändern kann, dass der männliche Beitrag zur Fortpflanzung den Männern mehr Zeit für gesellschaftliche Aktivitäten lässt als den Frauen. Aber das wäre zu einfach gewesen. Also wurde mal wieder stellvertretend über die Lage der Frauen in der Gesellschaft diskutiert.

Internationale des Verdrusses

Hella Pick, die dienstälteste englische Journalistin, beschrieb die Frau von Tony Blair als "geldgierig"; Melinda Crane, eine in Berlin lebende US-Amerikanerin, befand, "Amerika wäre reif für eine Präsidentin". Die italienische Verlegerswitwe, Inge Feltrinelli, klagte über den "Machismo" der italienischen Männer und die "Vulgarisation" der italienischen Gesellschaft, für die allein Berlusconi verantwortlich wäre.

Nathalie, die ansonsten stumme Beisitzerin von Harald Schmidt, outete sich als Sozialistin und Gegnerin von Nicolas Sarkozy, war aber dennoch von der "Ausstrahlung" der deutschen Kanzlerin angetan: "Sie ist ehrlich, das macht sie schöner." Während Hildegard Hamm-Brücher forderte: "Merkel muss mehr Linie zeigen."

Die japanische Professorin Michiko Mae, die an der Düsseldorfer Uni über "das moderne Japan" unterrichtet, erklärte die japanische Erbfolge und den Begriff "liegengebliebene Weihnachtstorte" – der auf Frauen zielt, die mit 24, 25 Jahren noch nicht verheiratet sind.

Eine kanadische Kommunikationsexpertin nahm an der Diskussion vor allem schweigend teil und eine russische Journalistin, die bei einem Berliner Russen-Radio als Moderatorin arbeitet, wollte trotz der Doppelbelastung als Mutter und berufstätige Frau keine Emanze sein: "Ich bin nicht emanzipiert, ich lasse mir gerne in den Mantel helfen." Die meisten russischen Frauen würden "ihre Rolle in der Familie" sehen.

Gipfelstürmer Mann

Zwischendurch versuchte Maischberger immer wieder, die Diskussion auf die zentrale Frage zu lenken, "ob die Welt eine bessere wäre, wenn Frauen regieren würden", was ihr aber nicht gelang, denn über allem schwebte der G-8-Gipfel von Heiligendamm, der, wie Melinda Crane versprach, "nicht ganz sinnlos und vergeblich" wäre, obwohl er von Männern dominiert würde. Und während die russische Moderatorin versicherte, von Russland und Putin ginge "keine Gefahr" aus, hatte Inge Feltrinelli schon eine Bitte an den nächsten US-Präsidenten: der sollte "Guantanamo ausrotten", wobei unklar blieb, ob sie das Lager auf Kuba oder dessen Insassen meinte.

So plauderte frau hin und her, wie bei "Blond am Freitag" im ZDF, nur doppelt so lange, mit einer im Durchschnitt etwas älteren Besetzung und weniger Pointen.

Zwar blieb die Frage unbeantwortet, ob die Welt eine bessere wäre, wenn Frauen regieren würden, dafür wurde nach etwa 150 gefühlten Minuten überzeugend klar, dass eine Diskussion nicht spannender wird, wenn an ihr nur Frauen teilnehmen.



insgesamt 7 Beiträge
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CSM, 06.06.2007
1. Frauen sind nicht die besseren Menschen
Warum sollte die Welt besser sein, wenn Frauen sie regierten? Für diese Annahme besteht kein Grund.
ChristianHuning 06.06.2007
2. ++ Maischberger
Hallo, ich habe diese Sendung anfangs gesehen und dann vor lauter Langeweile auf "Monk" umgezappt. Irgendwie hätte man vorhersehen können, dass diese Themanur langweilt. Ist es nicht schon eh' ausgiebigst diskutiert worden...über und über. Von daher ist Sandra Maischberger mit ihrer Sendung zu diesem Thema ein absoluter "late-mover". Normalerweise versuchen die letzteren aus den Fehlern der "first-mover" zu lernen. Dies hätte bedeutet, die Finger von diesem Thema zu lassen, weil es ausgelutscht ist und vorhersehbar langweilt, bzw. nicht Gäste dieses Schlages einzuladen. Man beachte, man hat Nathalie Licard aus der Harald Schmidt Show eingeladen. Wer soll das noch ernst nehmen, auch wenn diese Frau angeblich echte Journalistin ist. Ausserdem wer soll diese Sendung schauen ausser Frauen? Weiter, die Formulierung des Themas an sich suggiert Unseriösität und Comic: Frauen in der Weltregierung? Gähn! Meinetwegen. Ist mir sehr egal, ob da Männer oder Frauen drinsitzen würden. Und das dürfte vielen genauso gehen. Man hat so ein wenig das Gefühl, das Sommerloch ist schon da.
Steuerbürger, 06.06.2007
3. kurzweiliger Frauen Talk
Zitat von sysopWäre die Welt besser, wenn Frauen sie regierten? Acht Expertinnen arbeiteten gestern bei Sandra Maischberger an einer Antwort. Am Ende bliebt die Frage: Lass ich mir in den Mantel helfen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,486932,00.html
Der Artikel ist zum Schießen. Ich habe die Sendung auch gesehen. Fand sie aber grundsätzlich ganz sympathisch und bereits beim Zuschauen so lustig, dass mir gar nicht langweilig wurde. Maischberger fragte tatsächlich alle Frauen immer wieder danach, ob die Welt friedlicher von Frauen regiert würde. Komischerweise wichen die Diskutantinnen dieser Frage konsquent aus, nicht ohne es zu versäumen, Frau Merkel erneut zu loben. Als die Russin dann noch die beschriebene Vorliebe russischer Frauen für Kind und Familie erklärte, schien die Runde dies mit einem emanzenhaften Mitgefühl zu quittieren. Nur die Japanerin errinerte sich, dass dies in Japan bis 1986 auch so ähnlich war und dann Hamm Brücher, dass es in Deutschland zumindest bis 1947 als sie in die Politik ging so gewesen sein müßte.
pvst 06.06.2007
4. Muhaha
Wieder ein echter Broder;-) Ich finde zwar bei weitem nicht alles gut was Broder schreibt, aber er hat ja eine Begabung mit witz und sarkasmus? die Lächerlichkeit der Runde darzustellen. Im Grunde ist seiner Anfangserläuterung kaum etwas hinzuzufügen: Frauen bekommen nun mal die Kinder mit allem was da biologisch dranhängt, alles andere ist verhandlungssache.
Madmo 06.06.2007
5. Ich kann mir nicht helfen....
Zitat von sysopWäre die Welt besser, wenn Frauen sie regierten? Acht Expertinnen arbeiteten gestern bei Sandra Maischberger an einer Antwort. Am Ende bliebt die Frage: Lass ich mir in den Mantel helfen? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,486932,00.html
...ich mag Broder. Irgendwie. -Sehr ironischer Artikel, m.E.
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