Maischberger-Runde zu Bundeswehreinsätzen Lange Rede, kurzer Sinn

Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Warum, ist Vielen nicht klar. Bei Maischberger diskutierten Journalisten, Autoren, ein Politiker und ein ehemaliger Soldat über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Warum er notwendig ist, konnte aber nur einer erklären: Michel Friedman.

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Dreißig Bundeswehrsoldaten sind tot, und niemand hat etwas dazu gelernt. Erst kürzlich sind wieder zwei Soldaten in Afghanistan durch Taliban-Attentäter in die Luft gebombt worden. Und wieder fehlt jemand, der erklären kann, dass die Bundeswehr nicht zum Selbstzweck am Hindukusch im Krieg ist. "Krieg" - das ist ein Wort, das Verteidigungsminister Franz Josef Jung meidet wie die Pest, er spricht lieber von "Einsatzlage".

Sandra Maischberger meint sie gefunden zu haben, diejenigen, die uns den Sinn des Krieges erklären können. Thema ihrer Sendung: "Deutschland im Krieg – Verdrängen wir die Gefahr?". Mit dabei Jungs Vorgänger und SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Struck, der vor sechs Jahren sagte: "Wir verteidigen Deutschland nicht nur, aber auch am Hindukusch."

Zwei von drei Deutschen sehen das anders, sie wollen, dass die Bundeswehr abzieht. Struck weiß das: "Ich stehe dazu, es ist richtig, dass wir da sind." Auch wenn Soldaten fallen. Und fügt gleich am Anfang hinzu, die Frage sei, welcher Weg gefunden werde, rauszugehen und das in absehbarer Zeit. Absehbar – ein dehnbarer Begriff.

Für Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer heißt das "sofort". Später in der Sendung korrigiert er: "In zwei bis drei Jahren." Markig erklärt er: "Der Bundeswehreinsatz ist ein Terror-Zuchtprogramm. Er verbessert unsere Sicherheit nicht, er verstärkt die Bedrohung." Was ein Abzug bedeuten würde, sagt er nicht.

Das macht zum Glück sein Sofa-Nachbar Michel Friedman. Was hat der eigentlich mit Afghanistan zu tun, fragt man sich? Er war, das ist auf einem eingeblendeten Foto zu sehen, gerade vor Ort. "Wenn wir abziehen, dann dauert es keine 24 Stunden, bis die Taliban das Land wieder knechten und unterjochen."

Friedmans Stimme wird laut. Es gehe doch um die Region, auch um Pakistan, dort säßen die Terroristen, die den Westen angreifen. "Wenn wir das schaffen, ein Stück zu reduzieren, unter Einsatz von Opfern, hat es sich gelohnt."

Das bestreitet Todendörfer vehement: "Die sitzen hier im Westen vor ihren Computern." Er stilisiert sich an diesem Abend als Anwalt der Afghanen, sei mit Präsident Hamid Karsai und den Taliban im Gespräch. So schlimm wie früher werde es nicht, das hätten sie ihm beteuert.

Friedman wird es zu bunt. "Seien Sie nicht naiv. Die Kinder müssen zur Schule gehen können. Nur dann haben sie eine Chance, frei von Taliban und frei von uns eines Tages zu sein", ruft er. Und dafür müsse die Bundeswehr bleiben, mindestens zehn Jahre. Natürlich müsse man Entwicklungspolitik betreiben, "aber es ist leicht, die humanitäre Karte zu ziehen und die Schmutzarbeit die Amerikaner machen zu lassen". Was nicht hieße, dass die USA alles richtig gemacht hätten. Womit er die vielen zivilen Opfer meint, die bei US-Bombardements getötet wurden.

Die Kernfrage - großzügig umschifft

Doch trotz Friedmans heilsamer Einschübe: Immer wieder geht es in den 75 Minuten Talk letztendlich um die Frage: Wann geht die Bundeswehr raus? Und leider nicht um die Kernfrage: Wie kann die Situation, die sich in den vergangenen Monaten rapide verschlechtert hat, verbessert werden – zum Wohle der afghanischen Bevölkerung und der deutschen Soldaten vor Ort?

Reden ist ein Stichwort, das von allen abgenickt wird. Hier herrscht Einigkeit: Mit Pakistan, Iran, Indien, den USA – und mit den Taliban müssten Gespräche geführt werden. "Mit wem denn sonst?", wirft Welterklärer Peter Scholl-Latour mürrisch ein, der auch an diesem Abend mal wieder dabei ist. Letztendlich müssten es die Afghanen aber selber machen. Der Krieg der Nato sei ohnehin verloren.

Todenhöfer nutzt die Situation, um an Struck Bitten zu richten: Erstens die Amerikaner mögen ihre Bombenstrategie ändern, zweitens möge die Nationalarmee gestärkt werden, die Soldaten mehr verdienen, um den Kampf gegen die Taliban "auf mehr Schultern zu verteilen". Struck sagt "Ja, ja".

Bei so vielen oft gehörten Allgemeinplätzen ist es gut, dass Frank Dornseif sprechen darf. Darüber, wie er als ehemaliger Hauptfeldwebel 2003 in Afghanistan bei einem Selbstmordanschlag schwer verletzt wurde. Wie vier seiner Kameraden starben. Wie schwer die Lage sei, nicht mal im Lager sei man vor Raketen der Angreifer sicher. Die Soldaten bräuchten die Unterstützung der Politik.

Soldaten müssen Rechtssicherheit haben – und vor allem einen Rechtsbeistand, der ihnen von Anfang an zur Seite stehe, da sind sich alle einig, alles andere sei "absurd".

Ob er Zweifel am Einsatz habe?, fragt Maischberger. Es ist zum ersten Mal still an diesem Abend. Dornseif überlegt, guckt etwas unglücklich: "Schwere Frage", weicht er aus. Maischberger hakt nicht richtig nach.

Scholl-Latour will von Dornseif wissen, was die Bundeswehr-Psychologen taugen. "Ich würde nicht unbedingt Hilfe von Psychologinnen annehmen", sagt er dann und man fragt sich, was ihn reitet bei so einer Aussage. Wieder einmal ist es Friedman, der eingreift: "Vielleicht braucht man Psychologinnen, um Psychologen zu ertragen."

30 tote Soldaten und eine Talk Show später herrscht über den Sinn des deutschen Einsatzes im Afghanistan-Krieg leider nicht mehr Klarheit. Dafür sprechen sich Struck und Friedman noch schnell für einen Einsatz in Dafur aus. Und so ist Maischbergers Frage am Ende mehr eine rhetorische: "Besteht Einigkeit bei jedem Einsatz der Bundeswehr nach dem Sinn zu fragen?

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natterngesicht 22.10.2008
1. Wer nicht helfen kann oder will soll abhauen
60000 US Soldaten unterstützen Dostrum und Co, sind also im afghanischen Bürgerkrieg Teil einer Bürgerkriegspartei. Die afghanische Bevölkerung bemerkt nicht den Unterschied zwischen diesen "Vorreitern" für "enduring freedom" und der multinationalen ISAF Truppe einschließlich BW Soldaten. Für die Bevölkerung sind allesamt Besatzer, die mehr schaden als helfen. Helfen würden mindestens 500000 Soldaten, die alle Bürgerkriegsparteien entwaffnen müßten und beim Wiederaufbau staatlicher Strukturen helfen sollten. Dieses wird aber nicht angestrebt. Somit wird sich die Situation in Afghanistan weiter verschlimmern. Die Bevölkerung wird mehr leiden. Dieses Leid wird sie mit den Besatzern verbinden. Die Besatzer werden daher immer härter und öfter attakiert, ihre Verluste werden steigen. Ein Abzug aus Afghanistan ist daher bereits jetzt abzusehen. Er wird aber erst in Zukunft erfolgen, weil die Verantwortlichen zunächst auf die lauter werdenden Rufe aus der jeweiligen "Heimat" nach Rückkehr der Soldaten warten müssen. Mir wäre es lieber, die BW würde bereits jetzt Afghanistan verlassen. Das geht aber nicht, weil Deutschland sich aus verständlichen Gründen nicht isolieren möchte. Wers ausbadet, sind die Soldaten. Mit netten Grüßen
monsieurbalou 22.10.2008
2. PsychologInnen?
Eine Zivilistin in ihrer heilen Welt versteht wohl nicht, daß ein traumatisierter Soldat nicht unbedingt mit einer Frau, oder der in seinem Fall "zuständigen" Dame in irgendeinem Büro in irgendeiner Kaserne oder Standortverwaltung in Deutschland, reden möchte. Diesen Frauen fehlt seinem Gefühl nach vielleicht ein Stalingrad im kollektiven Unterbewußtsein.
suddendeath_1978 22.10.2008
3. Doppelmoral soweit das Auge reicht...
So, da ich Frau Maischberger ja für lange Zeit als eine der fähigeren Moderatoren mit Bildungshintergrund angesehen hatte, wurde ich gestern eines besseren belehrt. Nachdem sie mehrmals ihre Entrüstung über diese Feiglinge in die Runde würgte, konnte ich nur noch kopfschütteln den Fernseher ausschalten. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Menschen, kommen sie nur aus westlichen Staaten, bessere Menschen sein sollen, die sogar einen Anwalt zur Seite gestellt bekommen sollen, am besten noch verfassungsrechtlich abgesichert, natürlich mit der Intention freigesprochen zu werden, egal, wen sie abgeknallt haben. Aber bei Menschen anderer Herkunft soll es sich eben nicht um eine Kriegshandlung handeln, sondern um einen feigen Akt. Dazu soviel: So oder so! Jeder tote Mensch ist einer zu viel. Ich mache da keinen Unterschied zwischen Kindern, Erwachsenen, Taliban oder Bundeswehrsoldaten. Speziell die letztgenannten Gruppen sind zudem nur Marionetten, die sich für Motive anderer abschlachten lassen. Ich finde es einfach zum kotzen, wenn da mal eben berichtet wird, dass 300 Taliban weggebombt wurden. Sind das keine Menschen? Und daher zurück zu Frau Maischberger: Wenn man sich dahingehend einläßt, zu sagen, tote Zivilisten durch amerikanische Waffen seiem Kollateralschäden, so sind dies tote Kinder im Falle eiens talibanischen Selbstmordanschlages eben auch (Punkt) Das ist halt nicht mein Standpunkt, gebietet aber die Ehrlichkeit derer, die sich auf diesen Standpunlt begeben. Und man muß sich halt nüchtern der Feststellung hingeben, dass die einen mit überlegenen Waffensystemen operieren und die anderen mit primitven Mitteln, da sie nur diese haben. Krieg eben. Das macht die Möglichkeit eines Sieges oder Erfolges nun mal erst aus......... In diesem Sinne: Besser mal die ........... halten, Frau Maischberger.
janko1, 22.10.2008
4. Nur Ex-Soldat war echt
Seit ich Friedmann kenne, mag ich ihn nicht, weil er so agressiv seine falsche Weltvorstellungen in den Diskussionen aufzwingen will. Und auch hier war das meiste, was er gesagt hat, falsch. Die Amerikaner und nicht nur sie, sind, nicht nur, im Afganistan deswegen, um die Herrschaft über Öl zu haben. Und nicht mal Scholl-Latour traut sich das zu sagen. Und sie werden dort bleiben, wie in anderen hundert und mehr Orten in dieser Welt. Auch die Maischberger, die ab und zu kritisch war, hat z.B. beim Kölner Kardinal und Frau Thurm & Taxis vollkommen versagt.
oberleutnant caesar 22.10.2008
5. Keine Klarheit
Liebe Frau Hebel, darf ich Sie höflich darauf hinweisen, daß es nicht "Lange Rede, kurzer Sinn" heißt, sondern "Langer Rede kurzer Sinn"? Im Übrigen aber teile ich Ihre Einschätzung zu dieser Sendung, die nicht mehr Klarheit hinsichtlich dieser komplizierten Problematik geschaffen hat. Es war dennoch sinnvoll, einen der wirklich Leidtragenden, nämlich einen ehemals in Afghanistan eingesetzten und verletzten Soldaten sprechen zu lassen. Er hat mehr als alle anderen Teilnehmer der Sendung deutlich gemacht, daß, wenn ein solcher Einsatz politisch beschlossen wird, wenn deutsche Soldaten ihre Köpfe für eine bessere Welt hinhalten, daß dann die Politik gefälligst wenigstens geschlossen hinter den Soldaten und deren Einsatz stehen sollte. Vor allem aber ist es die verdammte Pflicht der politischen Entscheider, die Kameraden im Einsatz mit der nötigen Ausrüstung, der nötigen Ausbildung und der nötigen Menschlichkeit zu versorgen. Und noch etwas: daß der Herr Friedmann, der sich vor allem dadurch einen Namen gemacht hat, daß er sich koksenderweise mit Prostituierten die Zeit vertrieb, in einer solchen Sendung überhaupt eingeladen wird, um seine vermeintliche Allwissenheit zum besten zu geben, ist der eigentliche Skandal. Gruß!
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