Maler-Star Baselitz "Ich will keine Ruhe geben"

Es ist das Comeback des Jahres: In gleich zwei Ausstellungen zeigt der Maler Georg Baselitz neue Variationen seiner alten Bilder. Im Interview mit dem Magazin "Monopol" spricht er über sein "Remix"-Konzept, seine Zeiten als rebellischer Provokateur und den Boom der jungen, deutschen Malerei.

Grün ist das, was Georg Baselitz sieht, wenn er aus seinem Atelier blickt. Wenn er hinunterschaut vom Hügel, auf dem sein Schloß Derneburg steht, hinab auf die grünen niedersächsischen Wiesen und Wälder, dazwischen träge Teiche mit Karpfen, so groß wie kleine Schweine. Jeder Baumstamm ist hier katholisch. Der Boden ist fett und schwer, Lupinen wachsen an der Bahnlinie, auf den Feldern Korn, Kartoffeln, Rüben, und die Rüben so stark, daß sie sich im Herbst, wenn schon der Reif auf die Felder fällt, kaum aus dem Boden brechen lassen. Ein Land, wie gemacht für Georg Baselitz, den malenden Wühler, der sagt, daß deutsche Kunst sich auszeichnet durch Primitivität, Expressivität, Religiosität, Weltanschauliches.

Doch jetzt verläßt er diesen expressionistischen Boden. Wir treffen ihn zu einem letzten Gespräch, bevor er nach Bayern zieht, an einen See. Die Lichtakrobaten Herzog & de Meuron bauen ihm dort ein neues Haus. "Es ist an der Zeit gewesen umzuziehen", sagt Baselitz, und er sagt es fast ohne Wehmut – denn auch in sein Werk ist das Licht eingebrochen.

Baselitz ist ein Erfinder. Kein Realist. Er ist jetzt achtundsechzig Jahre alt. Er hat, vor über vierzig Jahren, "Die große Nacht im Eimer" gemalt und das Establishment schockiert. Er hat die Menschen und unsere Sehweise auf den Kopf gestellt. Nun hat er, quasi zum Abschied von Derneburg, all seine alten Hits noch einmal aufgenommen. Noch einmal neu gesungen, neu gemalt. Das provoziert. Doch die Stimme klingt so frisch, die Leinwände wirken so lässig, als lege er jetzt erst so richtig los.

Frage: Fangen wir mit Gottfried Benn an. Als er so alt war wie Sie, stellte er sich 1955 dieselben Fragen und schrieb: "Altern als Problem für Künstler." Wir wollen heute über "Altern als Chance für Künstler sprechen".

Baselitz: Na, dann bin ich ja mal gespannt.

Frage: Die neuen Bilder haben eine ganz eigene, ungekannte Wirkung, die Erdenschwere ist einer Luftigkeit gewichen …

Baselitz: Oh, das hört sich jetzt alles so leicht an. Was leicht aussieht, ist oft die schwerste Arbeit. Vor einem Jahr war ich wieder in so einer Situation von Hatz, gehetzt und ungeheuer beansprucht von allen Seiten, daß ich dachte, ich kann nicht mehr, du mußt mal stehen bleiben. Zurückschauen.

Frage: Heißt zurück denn unbedingt: Zurück aufs eigene Werk?

Baselitz: Bei mir: Ja. Da ich sowieso meine, ich lebe nur von mir und esse gar nichts mehr von außen, sondern nehme nur das wahr, was ich habe, und sitze allein in meinem Atelier. Und dann blättert man in dem, was man gemacht hat, Kataloge sind das meistens oder alte Skizzenbücher, die sind so tagebuchähnlich und ich ging das alles noch mal durch und wartete, ob da was passiert. Dann kam eines Tages ein Katalog mit der Post, Munch in Emden. Da irritierte mich plötzlich ein Bild, ich glaube, es waren die Mädchen auf der Brücke, das sah nicht aus wie das Bild, das ich von Munch kenne. Und dann habe ich da nachgelesen, daß der diese Bilder, also seine Highlights, bis zu zweiundzwanzigmal nicht kopiert, sondern in immer neuen Variationen geschaffen hat, immer auf dem Stand der Zeit. Und dann dachte ich, übernimm’ das, versuche etwas, was du schon einmal gemacht hast, zu wiederholen.

Frage: Das Orginalbild eines onanierenden Knaben, "Große Nacht im Eimer", wurde 1965 in Ihrer Berliner Galerie konfisziert und zum größten Skandalbild der Bundesrepublik. Damals gab es eine ungeheure Aufladung. Ist das vierzig Jahre danach nicht per se ein Aufguß?

Baselitz: Zunächst: Das Bild und die Konfiszierung der Ausstellung haben mich und meine Familie an den Rand des Ruins getrieben. Niemand kaufte meine Bilder. Ich war geächtet.

Frage: Heute wären Sie damit sofort in jeder Talkshow.

Baselitz: Damals war ich nur unten durch. Die "Bild"-Zeitung erschien mit dem Bild auf der Titelseite und einer Skandal-Schlagzeile. Das war drei Jahre vor 1968, da regierten die Rentner, nicht die Studenten. Die Situation war so aggressiv, daß ich, als ich die Zeitung gelesen hatte, an der Haustafel die Namensschilder abmachte in der Joachim-Friedrich-Straße, wo wir damals wohnten. Ich wollte nicht, daß jeder wußte, wo wir hausten. Dann bin ich mit den Roten Radlern, das war eine Spedition, in die Galerie gefahren, und wir haben die Bilder aus dem Fenster gereicht und sind weggefahren, weil ich dachte, die wildgewordenen West-Berliner reißen die sonst von der Wand. Doch dann kamen die Besuchermassen, drängelten sich im Treppenaufgang. Dann habe ich gesagt: Die Bilder müssen wieder hin. Kaum hingen sie, kam der Staatsanwalt und brachte sie in die Asservatenkammer. Schrecklich. Meine Frau und ich wurden mit der Situation überhaupt nicht fertig. Heute wäre man damit umgegangen, man hätte daraus etwas gemacht. Aber wir haben einfach nur die Hosen voll gehabt.

Frage: Sie haben von dem Skandal überhaupt nicht profitiert? Ein Skandal gehört doch zur Gründungsgeschichte jedes Künstlermythos?

Baselitz: Bei uns war das nicht der Beginn der Gründerjahre. In der Zeitung stand, wir hätten alles verkauft, aber wir haben gar nichts verkauft, wir konnten nicht mal die Kosten für den Katalog bezahlen. Es kam wirklich der Kuckuckskleber, und sie klebten dann den Kuckuck auf die Nähmaschine meiner Frau. Und ab da war ich ein Mann mit zweifelhaftem Ruf. Aber es stimmt natürlich, von heute betrachtet, war das ein wunderbarer Stand, mit einer solcher Provokation, weil es eigentlich all diesen Anfängen anderer Künstler deckungsgleich entspricht. Aber im Moment, 1965, war es eine Katastrophe.

Frage: Und jetzt malen Sie die Bilder noch einmal. Ist das wieder etwas, das Sie tun mußten?

Baselitz: Ich habe einfach angefangen, habe Farbe angerührt, in alten Katalogen von mir geblättert, acht, zehn Töpfe mit Farben auf den Boden gelegt, ich wollte einfach anfangen – und ich war sehr überrascht: Es funktioniert. Es funktioniert nicht wie "Die große Nacht im Eimer", die es schon gab, sondern wie ein neues Bild. Natürlich habe ich auch manipuliert. Ich habe Veränderungen vorgenommen an dem alten Modell, ich habe also mehr Hitler gemacht als Selbstporträts. Ja, und dann ging es so weiter.

Frage: Gibt es eine Endkontrolle?

Baselitz: Ja, die Endkontrolle, die stattfindet, die ist wie bei allen anderen Bildern auch. Taugt es was oder ist es daneben gegangen. Wenn’s nichts ist, dann wird’s eben weggeschmissen.

Frage: Geht es Ihnen bei den Remix-Arbeiten darum, ein besseres Bild zu malen als das vor dreißig, vierzig Jahren?

Baselitz: Ja, "Die große Nacht im Eimer" ist okay, und alle diese Bilder, die dann übriggeblieben sind aus der Vergangenheit, sind okay. Das haben sie auch bewiesen. Die haben sich ja dargestellt, die haben sich positioniert, und sie sind da als Maldokumente, aber auch als Dokumente ihrer Zeit, aber ich denke, ohne Qualität blieben sie unsichtbar.

Frage: Wer einmal anders war, der hat den Druck, immer anders zu sein. Der stellt die Bilder auf den Kopf. Der malt die Bilder noch einmal.

Baselitz: Dieser Druck, dieses ständige Abbrechen, diese Sehnsucht, neue Bilder zu machen, dieser Zwang – das ist ja geblieben. Das ist meine Deformation professionelle. Ich will ja immer mit irgendetwas Verrücktem vor die Leute gehen, das ist schon meine Absicht. Ich will keine Ruhe geben.

Frage: Inwieweit hat Sie denn der ungeheure Boom der jungen deutschen Malerei der Gegenwart beeinflußt?

Baselitz: Ich freue mich darüber. Wir haben wirklich große deutsche Maler im Moment, die sehr interessant sind. Aber darf ich Sie kurz daran erinnern: Ich bin zwar alt, aber auch ein Maler der Gegenwart. Aber es gibt eben einige neue Wellen, die neue Romantik etwa. Was da gezeigt wird – das sind ja Bilder, die sehen ja aus wie Adam und Eva. Also, die sind so was von unschuldig.

Frage: Aber was ist dann das Neue?

Baselitz: Was wirklich neu ist, ist die neue Raumdimension, durch die neuen Bildmöglichkeiten der Digitaltechnik. Es gibt jetzt mehrschichtige Bilder, also man malt ein Bild, noch ein Bild und noch ein Bild. Die Bilder erscheinen ja geradezu begehbar. Das ist vollständig neu. So konnten wir gar nicht denken. Das hat es so nie gegeben in der Malerei. Angefangen hat damit Frank Stella. Ich habe das in einer Ausstellung in New York gesehen, raffiniert gemalte dreidimensionale Reliefs. Eine wirklich optische Revolution.

Frage: Ist das "Neue" oder "das Provokante" heute immer nur eine technische Neuerung?

Baselitz: Sie müssen nicht mehr Malerei als Mittel zum Zweck benutzen wie wir, sondern die Malerei stellt sich plötzlich selber dar in so ganz raffinierter Weise, denn die Inhalte, die sind eigentlich wenig provozierend oder provokant. Die Malerei selbst wird zum Ereignis, ganz auf der Höhe der Zeit.

Frage: Oder ist es bereits provokativ, romantisch zu sein?

Baselitz: Das ist schon eine Provokation. Diese Fülle der Farben, die jungen Maler selektieren ja gar nicht mehr, die malen ja mit allen Buntfarben, die es gibt. Schauen Sie sich Damien Hirst an. Ganz früh saß ich in einer Jury und sah seine Sachen und war baff: Das war spektakulär anders als alles, was ich bisher gesehen hatte. Ich halte ihn für einen großen Künstler. Oder schauen Sie sich Paul McCarthy an. Das ist doch großartig, aufwühlend, anders.

Frage: Sie stellen gleichzeitig in München in der Pinakothek der Moderne aus und im Kunstverein Braunschweig. Wie kommt der 68 Jahre alte Georg Baselitz dazu, in Braunschweig zwischen den neuesten Positionen zeitgenössischer Kunst auszustellen?

Baselitz: Dieses Konzept von Karola Grässlin in Braunschweig interessiert mich sehr, und es interessiert mich einfach auch deshalb, weil ich darin eigentlich nicht vorkommen dürfte. Braunschweig zeigte: Allerneueste Positionen. Aber, und das ist das Spannende, ich komme eben doch vor. Vielleicht aus ganz anderen Gründen, aber ich kenne die Gründe nicht. Jetzt, zum Abschied aus Niedersachsen, stelle ich zum vierten Mal dort aus. Ganz aktuelle frische Arbeiten, Teile meines Remix-Konzeptes. Und Hosenbeine. Und Füße. Mich faszinieren gerade besonders Füße.

Frage: Frauenfüße?

Baselitz: Nein, nur Männerfüße. Weibliche Waden und Schuhe interessieren mich als Maler nicht. Ich weiß nicht, warum das so ist, es gibt sicher eine Erklärung dafür. 1962 oder 1963 habe ich meine ersten Beine und Füße gemalt – und danach immer wieder. Wie dumm sind die Fotografen, daß sie immer die Füße abschneiden! Die sind doch das wichtigste. Heute sind meine Schuhe viel schärfer, manchmal sind sie ganz naturalistisch.

Frage: Erst stellten Sie die Figuren auf den Kopf. Jetzt wieder auf die Füße.

Baselitz: Füße sind meine Erdung, mir ist die Erdung wichtiger als die Sendung. Das Empfangen über Erdung funktioniert bei mir viel besser als über Antenne. Komischerweise male ich ja auch im Hocken, ich laufe über die Bilder. So entstehen sie.

Das Interview führte Florian Illies.


Das Interview haben wir mit freundlicher Genehmigung des Magazins "Monopol" übernommen. Die von "Monopol" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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