SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Juni 2006, 17:37 Uhr

Malerei

Cézanne-Wahn in der Provence

Von , Aix-en-Provence

Einst galt er als Taugenichts, heute wird er als Meister verehrt: Hundert Jahre nach dem Tod von Paul Cézanne besinnt sich Aix-en-Provence auf den lange verkannten Sohn der Stadt und feiert den Künstler mit einer grandiosen Hommage als "Vater der modernen Malerei".

Ein Garten am Stadtrand von Aix-en-Provence, kupferfarbene Markierungen im Pflaster der Altstadt, ein Atelier mit Blick auf den Berg Sainte-Victoire, verschlungene Pfade durch den verlassenen Steinbruch von Bibémus; schließlich eine exzellente Ausstellung, pädagogische Begleitung und gar ein TGV-Sonderzug der staatlichen Eisenbahnen, umgespritzt zur rollenden Plakatwand.

Mit Millionenaufwand und einem anspruchsvollen kulturellen Parcours erinnert sich die südfranzösische Stadt an den vor hundert Jahren verstorbenen Maler Paul Cézanne (1839-1906), der zu Lebzeiten von den Bürger seiner Stadt als Taugenichts verschrien war und als gescheiterter Künstler, der nicht einmal ein Bild zustande bekam. "Aix im Cézanne-Wahn", schreibt die Pariser Zeitung "Le Monde" zu der am Wochenende eröffneten Superschau, die bis zum 17.September dauern wird.

Kern der vielschichtigen Angebote rund um das Thema "Cézanne in der Provence", ist die Werkschau im Museum Granet: Dank Leihgaben aus der ganzen Welt wurde daraus ein beinahe enzyklopädischer Überblick, der auf 85 Gemälden, 32 Aquarellen und Zeichnungen die Wandlungen des Bankierssohnes dokumentiert. Die Schau, die in Zusammenarbeit mit der National Gallery of Art in Washington entstand, zeigt das ganze Panorama - von den in akademischer Tradition geprägten Anfängen bis zu den Spätwerken, jenen leuchtenden Farb-Mosaiken jenseits des Impressionismus.

Was die Ausstellung in Aix zum Ereignis macht, ist jedoch nicht allein die umfangreiche Darstellung aus allen Phasen des Werdegangs; anders als bei den Ausstellungen in Paris oder London vor zehn Jahren, haben es die Organisatoren verstanden, auch das geographische Umfeld mit in die Retrospektive mit einzubeziehen - damit wird deutlich, wie Licht und Landschaft der Provence die Arbeit Cézannes bestimmten, wie die Farben von Meer, Vegetation und Steinen das künstlerische Vokabular eines Malers prägten, der aus der Tradition des vorangegangenen Jahrhunderts kam und sich zum Vorläufer der modernen Kunstströmungen im 20. Jahrhundert entwickeln sollte.

Vor Ort, in Aix, ist die Verwurzelung Cézannes greifbar: Es ist der Weg eines Künstlers, der sich gegen den Willen seines Vaters durchsetzten musste. Der, zwar am örtlichen Lycée klassisch gebildet, gerne der spießig-muffigen Atmosphäre der Provinzmetropole entfloh und mit seinem Schulkameraden Emile Zola die hügelige Umgebung erforschte. Diese Ausflüge waren prägend für Cézanne, der nach einem Nomadenleben, hin- und hergerissen zwischen Aix und Paris, dem missglückten Ringen um Anerkennung in der Hauptstadt, ab 1880 wieder zu den Wurzeln seine Heimat fand und 20 Jahre später als "Künstler des Midi" endgültig zum eigenen Stil und inhaltlichen Topos fand.

Spurensuche zwischen Mietskasernen und Autobahn

"Erst in der Provence hat Cézanne seine Malerei erneuert und die Malerei an sich reformiert", sagt Denis Coutagne, Chefkurator und Direktor des Museum Granet: "Es gibt keine Malerei, die dermaßen universell und gleichermaßen an einem Ort verwurzelt ist."

Der Beweis ist in Aix erbracht: Motiv und Malerei - dank der erstmals zugänglichen Schauplätze werden die Eindrücke des "Meisters von Aix" nun zum handfest nachvollziehbaren Erlebnis. So etwa am ehemaligen Wohn- und Landsitz der Familie am "Jas de Bouffan". Hier, wo der junge Paul den herrschaftlichen Salon des Hauses mit Allegorien auf die Jahreszeiten gestaltete, sind seine Wandmalereien wieder hergestellt; geschickt elektronisch reproduziert, verdeutlichen sie den künstlerischen Anspruch und die historische Tradition des angehenden Künstlers. Und im Garten, einst ein üppiges Gelände, heute eingezwängt zwischen Mietskasernen und Autobahn, sind die Alleen, Wasserbecken und Gärten zu bestaunen, von denen sich Cézanne gerne inspirieren ließ.

"Ich habe ein großes Atelier in der Landschaft"

Einblick und Aufschluss gibt auch sein Atelier von Lauves, wo große Teile seiner späten Schaffensperiode entstanden. Zwischen Malerkitteln und Staffelei wird die Atmosphäre greifbar, in der Cézanne die Motive der "Badenden" malte und, immer wieder, die vom Widerschein der Sonne vibrierenden Ansichten der Berg-Silhouette des Sainte-Victoire.

Selbst im Steinbruch von Bibémus, wo Cézanne ab 1890 unermüdlich umherzog auf der Suche nach Ansichten einer chaotischen Umgebung, die er auf seinen Leinwänden ordnen und arrangieren konnte, haben die Organisatoren den Moment künstlerischen Schaffens an Ort und Stelle wieder aufleben lassen: An ausgewählten Punkten eines kleinen Parcours wird angezeigt, wo der Maler sich mit Farben und Pinsel niederließ - Nachbildungen im Boden zeigen, wie Cézanne die Perspektiven aufnahm und interpretierte.

"Ich habe ein großes Atelier in der Landschaft. Hier arbeite ich, hier fühle ich mich besser als in der Stadt", beschrieb Cézanne 1903 seine Annäherung an die Natur. "Ich habe einige Fortschritte gemacht. Warum nur so spät und so beschwerlich?"

Am 15.Oktober 1906, wird er beim Malen von einem Gewitter überrascht. Beinahe ohnmächtig kehrt er heim, um am nächsten Morgen seine Arbeit fortzusetzen. Tags darauf kehrt er sterbenskrank nach Hause zurück; er legt sich hin und wird nicht mehr aufstehen. Cézanne stirbt am 23. Oktober 1906.

"Cézanne in der Provence" ist die französische Hommage an einen "Helden" und ein "Genie". Auch ein deutscher Beitrag ist dabei: ein Gratis-Konzert der Berliner Philharmoniker vor rund 10.000 Menschen bei Puyloubier, am Fuß des Berges Sainte-Victoire. Dort werden die Musiker unter Simon Rattle den Künstler der Provence mit der Fünften Symphonie von Gustav Mahler feiern. Auch er war ein Pionier. Und ein Zeitgenosse von Cézanne.

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung