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27. Mai 2017, 10:08 Uhr

Hölle statt Paradies

Ein Vorschlag zum Guten

Eine Kolumne von

Für viele Familien war das Leben, wie sie es kannten, am Montag in Manchester zu Ende, weil ein junger Mann ins Paradies wollte. Hier eine Idee, wie man den Irrsinn beenden könnte.

Eine Woche ist vorbei. Der Montag schon Geschichte. Der Ablauf ist immer derselbe. Ein Attentat. Aufschreie. Betroffenheit. Beten. Und innerhalb eines Tages verschwindet der Hashtag "Manchester" aus den Trends. Roger Moore ist dann ganz oben gelandet, und irgendwas mit Fußball. Es nimmt sich kaum einer mehr Zeit, um sein Profilbild mit der entsprechenden Landesflagge aufzurüsten. Die Stars twittern und instagramen, die Regierungen sind betroffen.

Viele erklären, dass der Islam nichts mit dem politischen Islam zu tun hat. Noch mehr erklären, dass der Islam irgendwie auch friedlich ist, was vermutlich größtenteils stimmt. Aber irgendwas an dieser Religion inspiriert absolute Vollidioten, sich in ihrem Namen zum Mörder zu machen. Jetzt also zum Mörder von quietschenden kleinen Mädchen und Jungen. Tote, verletzte, traumatisierte Jugendliche und nicht einmal die Standardbeschwörungsformel vom armen abgehängten jungen Mann?

Das mag greifen in dieser netten Stadt mit ihren umwerfend netten Leuten, die zu sehr großen Teilen in von Thatcher und diversen anderen Regierungsversagern verschuldeter Armut leben. Also wieder einmal irgendein junger Mann mit zu wenig Geschlechtsverkehr, mit Größenwahn und Minderwertigkeitsgefühlen, vermutlich mit ein paar Drogen im Kopf, der heute, beim Erscheinen des Textes, schon im Paradies sitzt und Jungfrauen flachlegt, uff. Endlich.

Ich habe keine Ahnung, was in Moscheen und Gebetsräumen so abgeht. Religion interessiert mich zu wenig, ich habe keine Ahnung, was all die Prediger in ihren YouTube-Tutorials so sagen, aber es ist keine originelle Idee, dass diese seltsamen Ersatz-Vaterfiguren den Irrsinn beenden können: "Hallo junge, wütende Männer", könnten sie sagen. "Hallo ihr, die ihr meint, euch würde mehr zustehen als allen anderen auf der Welt. Die ihr wollt, dass die Menschheit endlich vor euch zittert, lasst mich euch Folgendes sagen. Ihr kommt nicht ins Paradies, sondern in eine Hölle, und da sind Jungfrauen, aber leider ist euer Penis weg, und sie werden euch auslachen.

Ihr werdet in ewigem Elend vor euch hinschmoren und ich weiß das, weil ich einen direkten Draht zu oben habe. Liebe junge Männer und vereinzelt auch junge Frauen, einem anderen Menschen das Leben nehmen ist das Widerwärtigste und Verdammenswerteste, was es gibt. Neben den Jungfrauen, die euch auslachen, wird euer Gott kommen und auf euch urinieren, auf euch, die ihr in den untersten Kellern der Hölle liegt, wo ihr verwesen werdet, die nächsten 67.000 Jahre."

Ich habe keine Ahnung, ob es viele solcher Predigten und Aufrufe gibt, ich stelle diese wunderbaren Zeilen gerne dafür zur Verfügung. Wie ein paar Tausend Luschen es schaffen, Milliarden Menschen zu tyrannisieren, und zwar die sogenannten eigenen Leute, ist ein Rätsel.

So, schön, das mal gesagt zu haben, es hilft nichts, ändert nichts, schon gar nicht für all die Familien, für die das Leben, wie sie es kannten, am Montag zu Ende war. Vielleicht war das Leben anstrengend oder mühsam oder langweilig, aber es war das Leben dieser Menschen, und kein Vollidiot hat das Recht, es zu beenden, es zu einem Albtraum zu machen.

Und die Kinder, die jungen Menschen, die im guten Fall schwer verletzten, ängstlichen Kinder, die nie mehr, ohne lange nachzudenken, ihr Teenie-Zeug machen können: unbeschwert abhängen, Stuss reden, Stars anhimmeln, sich darauf freuen, dass ein Leben vor ihnen liegt, das vielleicht etwas Großartiges mit sich bringt. Das glauben sie jetzt nicht mehr.

Und jeder, der daran schuld ist, direkt oder indirekt, sollte wissen, dass dieses Leben so schnell zu Ende ist, auch seines, und dass es wirklich glücklicher macht, freundlich zu anderen zu sein.

Wir sitzen doch alle im selben Mist. Wir leben und haben keine Ahnung, wie man aus dieser Nummer mit Würde rauskommt.

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