Zum Tod von Manfred Deix Gott der Schmuddelkinder

Manfred Deix hat sich in seinen ungeschönten Zeichnungen furchtlos mit seinen Landsleuten, den Österreichern, überworfen. Er wird einer immer glatter und ungeiler werdenden Welt fehlen.
Manfred Deix

Manfred Deix

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Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, ist einer der populärsten und polarisierendsten österreichischen Schriftsteller. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und den Arthur-Schnitzler-Preis. Zuletzt erschien sein Kriminalroman "Groschens Grab".

Es gab einmal eine Zeit, da der Menschen Hässlichkeiten noch nicht von Schönheitschirurgen, Zahnregulierern oder Stretchhosen korrigiert waren, aus unproportionierten Gesichtern Zähne in der Größe von Schweinehufen ragten, man Leute mit unförmig verwachsenen Figuren sah, kürbisdicken Waden, Luftmatratzenbäuche, Basedow-Augen, Säufernasen, Hasenscharten und Kehllappen eines Bluthundes.

Eine Zeit, in der sich der gesellschaftliche Diskurs noch nicht mit Fußball und Facebook begnügte, der öffentliche Raum mehr bot als gläserne Finanzkathedralen und sterile Einkaufsmeilen, nämlich Plätze für Klosprüche und schmutzige Geschäfte.

Es war einmal alles dreckiger, weniger überwacht, wildwüchsiger, aber auch lustbetonter, körperlicher, geiler. Und einer der Chronisten dieser schmuddeligen Zeit, gleichzeitig aber auch ihr König, war zweifellos Manfred Deix.

Katzenliebhaber, Obertschicker, Beach-Boys-Fan, Donaldist, Trinker, ein in der Analphase steckengebliebenes Kind mit dem Aussehen eines räudigen Katers, Bürgerschreck... über Manfred Deix lässt sich vieles sagen, nur eines nicht, dass er sich je verbogen oder gar irgendwelchen Geschmäckern unterworfen hat. Viel lieber als unter-, hat er sich überworfen, nämlich mit den von ihm ungeschönt dargestellten Österreichern. Einen eigenen deftigen, alles andere denn subtilen Zeichenstil hat er kreiert, der ihn in eine Zeile stellt mit Größen wie Robert Crumb oder Don Martin.

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Manfred Deix: Keine Gnade vor seiner Feder

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Nun, Deix hat vergangenen Samstag 67-Jährig der sich selbst zugefügten Zeichnung des Lebens Tribut gezollt - und zumindest in diesem Dasein für immer den Pinsel abgegeben. Wobei der lukullisch veranlagte und erklärte Prokrastinator die Abgabe seiner letzten Seite aufs Äußerste hinausgezögert hat. Ich stelle mir vor, wie er den Tod immer wieder aufs Neue mit obszönen Zeichnungen zu Lachkrämpfen provoziert und so zu Aufschüben bewogen hat. Nun hat ihn der Knöcherne, bei Deix wahrscheinlich mit Knochendildo und Sensenkondom dargestellt, doch gekriegt.

Manfred Deix, seine Eltern betrieben in Böheimkirchen (im niederösterreichischen Mostviertel) den Schankbetrieb "Zur blauen Weintraube", hat in den letzten 30 Jahren wohl für fast alle wichtigen deutschsprachigen Printmedien gezeichnet und so den Typus des homo lower austriacus populär gemacht.

Man trifft sie wirklich, diese Deixfiguren

Denn eines muss man sagen: Ist man in Niederösterreich, abgekürzt NÖ, was Harry Rowohlt einmal zu der Annahme brachte, dieses in Klammern gesetzte NÖ hinter Ortsnamen oder Abgeordneten würde Ablehnung bedeuten, ist man also in NÖ, dann trifft man sie wirklich, diese Deixfiguren, ein Begriff, der es längst ins Lexikon geschafft hat. Menschen mit zu großen Bäuchen und zu kleinen Hüten, mit vorspringenden Zahnreihen oder ausladenenden Hinterteilen, nirgendwo sonst ist die Entstellung so weit fortgeschritten wie hier.

Allerdings ist der Niederösterreicher, die Gegend ist für seinen Wein bekannt, auch lebensbejahend und tolerant. Nirgendwo sonst hätte man einem Manfred Deix wohl ein eigenes Museum gewidmet. Einem Deix, der es liebte, die Menschen von ihrer hässlichsten Seite zu zeigen - mit Dutteln und Zumpferln, Ejakulationsflecken und Bremsspuren. Nichts Menschliches war für den Meister tabu, er ließ seine Figuren Ohrenschmalz zuzeln oder Tampons lutschen, ließ sie Ausscheidungen verkosten oder um die Wette masturbieren. Er zeigte hohe politische oder kirchliche Würdenträger in befleckter Feinrippunterhose oder beim gepflegten S/M-Spielchen, natürlich mit einer etwas aus dem Latex gegangenen Domina, Bauern beim Geschlechtsakt mit Schweinen, Arbeiter und Beamte beim Ausprobieren obskurer Sexualpraktiken, Pfarrer beim Spatzi-Sezieren pausbäckiger Knaben.

Diesem gut bestifteten Jünger von Priapos war nichts heilig, niemand war vor seiner spitzen Feder sicher. Anfangs hat man ihn verklagt, fühlte sich das konservativ-klerikale Österreich von diesen Arsch-ins-Gesicht-Gesten provoziert, allmählich aber, ohne dass Deix je altersmilde geworden wäre, dafür ließ ihm der Tod, die Sau, viel zu wenig Zeit, hat man sich daran gewöhnt. So sehr, da man ihn nun, wo er weg ist, gar vermisst.

Nicht nur seinen 39 Katzen und Marietta, der großen Liebe seines Lebens, wird dieser große geniale Kindskopf, dieser Meister des Deftigen und Derben fehlen, nein, ganz Österreich, ja, vielleicht sogar der immer glatter, gläserner und ungeiler werdenden Welt. Leb wohl, du King of Grind, du unsterblicher Zumpferlzeichner, du Wilhelm Busch mit Dauererektion.

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