Manifest "Feminismus für die 99%" Einer für alle

Wie viel emanzipatorisches Potenzial birgt eine Frauenquote in Aufsichtsräten wirklich? Drei Wissenschaftlerinnen argumentieren, dass Feminismus auch immer Kritik am Wirtschaftssystem umfassen muss. Eine klare, komplexe Analyse.
Von Jule Govrin
Frauenstreik in der Schweiz: Sowohl kritische Denkanstöße als auch politische Forderungen

Frauenstreik in der Schweiz: Sowohl kritische Denkanstöße als auch politische Forderungen

Foto: Alessandro Della Valle/ DPA

Feminismus ist allgegenwärtig: sei es in glühenden Lettern im Bühnenhintergrund von Beyoncé, sei es in den Medienbildern von Politikerinnen wie Angela Merkel und Hillary Clinton, sei es in leidenschaftlichen Lippenbekenntnissen von Facebook-Managerin Sheryl Sandberg.

Aber ist auch jede Erscheinungsform des Feminismus emanzipatorisch? Die Philosophinnen Cinzia Arruza und Nancy Fraser und die Historikerin Tithi Bhattacharya haben jetzt ein "Manifest des Feminismus für die 99%" verfasst - darin plädieren sie für einen Feminismus, der sich grundlegend antikapitalistisch versteht.

Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist ein gegenwärtig weit verbreitetes Zerrbild: Demnach dominiert derzeit auf der einen Seite der reaktionäre, sexualkonservative Autoritarismus, auf der anderen Seite der fortschrittliche, Feminismus fördernde Neoliberalismus. Während sich Reaktionäre - allen voran Donald Trump - mit chauvinistischen Äußerungen übertrumpfen, stellen die Befürworterinnen neoliberaler Politiken das Wirtschaftssystem als Heilsversprechen dar, das dank seiner progressiven Logik Gleichberechtigung fördere.

Die Stärke des Buches von Arruza, Fraser und Bhattacharya besteht darin, diese falschen Alternativen zwischen vermeintlich progressivem Neoliberalismus, der sich als feministisch ausgibt, und reaktionären Autoritarismus, der sich antifeministisch äußert, anzufechten. Die Autorinnen enttarnen hier einen falschen Gegensatz konsequent, denn tatsächlich ergänzen sich die beiden Seite mehr, als dass sie sich widersprechen.

Beide beruhen auf Ungleichheit: Wenn etwa Sandberg oder Clinton sich für mehr Frauen in Spitzenpositionen aussprechen, beschränken sie ihre Forderungen ja auf die eigenen privilegierten Kreise, ohne die wirtschaftlichen Bedingungen von Ungleichheit zu durchdenken. Denn tatsächlich können weniger privilegierte Frauen ja zum Beispiel Sorgearbeit - das Kümmern um Kinder und Angehörige - sehr viel schlechter umverteilen auf die Schultern anderer, um selbst Karriere zu machen.

Klare Kritik an Machtverhältnissen

Anstelle eines derartigen Top-Down-Feminismus sehen Arruza, Fraser und Bhattacharya etwa politisches Potenzial in den Streik-Bewegungen, die 2016 in Polen und Argentinien begannen. Frauen protestierten damals vor allem gegen Abtreibungsgesetze und gegen Gewaltverbrechen an Frauen. Dabei richtet sich der Streik in Argentinien auch gegen die Politik der Regierung des Konservativen Mauricio Macri, die inmitten einer schweren Wirtschaftskrise den Ärmsten Unterstützung entzog. Seitdem vernetzen sich die Bewegungen global, worin die Autorinnen eine neue transnationale Organisationsform des Streiks ausmachen, die im Schulterschluss mit anderen antikapitalistischen Bewegungen steht.

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Arruzza, Cinzia, Bhattacharya, Tithi, Fraser, Nancy

Feminismus für die 99%: Ein Manifest

Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Seitenzahl: 107
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Ihre folgenden fünfzehn Thesen bieten sowohl kritische Denkanstöße als auch politische Forderungen; etwa Erklärungen, wie stark unser Wirtschaftssystem auf unbezahlter Sorgearbeit beruht, aber auch Analysen dazu, welche Rolle Sexualität in kapitalistischen Gesellschaftsordnungen spielt. Im Zuge dessen zeigen die Autorinnen unter anderem auf, wie die Zugeständnisse an feministische Kämpfe global zur Einführung von Rechten führen, etwa zum Schutz gegen Gewalt am Arbeitsplatz, der aber etwa von vielen Frauen gar nicht wahrgenommen werden kann, weil ihnen die nötigen Mittel fehlen, um den Haushalt zu verlassen.

Solange ökonomische Gewaltbeschleuniger nicht in ihrem Ursprung bekämpft werden, bleibt das Zugeständnis von Rechten reine Symbolpolitik, so die Autorinnen - eine ähnliche These, wie sie auch etwa der Ethnologe Arjun Appadurai bietet, der betont, dass der globale Konkurrenzdruck und zunehmende Ungleichheit Politiken des Ressentiments provozieren, die von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen aufgenommen und verstärkt werden.

Als einziges Manko dieser kompakten Analyse lässt sich die mitunter recht holprige Übersetzung anführen. Das mindert jedoch nicht die Ideenschärfe der vorgebrachten Thesen. Anfang des 20. Jahrhunderts forderten sozialistische Feministinnen Brot und Rosen als Metapher für den Kampf für eine gleichberechtigte Gesellschaft und gegen Ausbeutung. Das Manifest nimmt diesen Wahlspruch auf, um zu einem radikalen Feminismus zurückzukehren, der nicht weniger will, als soziale, ökonomische und geschlechtliche Gleichheit für alle - auch für die, die nicht unter die ein Prozent fallen.

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