Margarete Stokowski

Phänomen "Manspreading" Untenrum breit

In Madrid sind Männer neuerdings angehalten, sich auf Bussitzen weniger breitzumachen - muss das sein? Die Debatte um"Manspreading" zeigt, wie unglücklich feministische Themen in der Öffentlichkeit verhandelt werden.
Aktion gegen Manspreading der Madrider Verkehrsbetriebe EMT

Aktion gegen Manspreading der Madrider Verkehrsbetriebe EMT

Foto: AP / EMT

Es gibt politische Fragen, die sind eher abstrakter Natur, zum Beispiel die Frage nach dem Unterschied zwischen Macht und Herrschaft. Und dann gibt es politische Fragen, da geht es plötzlich darum, ob es, je es nach Körperbau, Kleidung und Wetterlage, für Männer angebracht ist, breitbeinig zu sitzen, damit untenrum nichts drückt und klebt, und nun ja, guten Tag, heute soll es genau darum gehen.

"Manspreading" bezeichnet eine bestimmte Art des breitbeinigen Sitzens. Seit August 2015 ist das Wort sogar im Online Oxford Dictionary enthalten . Dort ist es definiert als "Praxis, bei der ein Mann, insbesondere einer, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, eine Sitzhaltung einnimmt, in der seine Beine weit auseinanderstehen und auf einen oder mehrere angrenzende Sitze übergreifen". Im Internet finden sich zahlreiche Fotos dieser Praxis. Oft sind es Bilder, auf denen ein Mann gründlich am Praktizieren ist, während neben ihm Frauen ihre Beine eng beieinanderhalten. Mit Manspreading ist es wie mit Staub beim Staubwischen: Wenn man einmal anfängt, drauf zu achten, dann sieht man es überall.

In Madrid soll Manspreading nun in den Bussen des Verkehrsbetriebs EMT verboten werden , wobei "verboten" heißt, dass es bald Sticker gibt , die darauf hinweisen, dass man im Bus nicht manspreaden soll, genau wie man nicht rauchen oder Eis essen soll. Auslöser war eine Petition , die bisher von über 12.000 Personen unterschrieben wurde, initiiert von feministischen Aktivistinnen.

"Madrid verbietet Männern breitbeiniges Sitzen", wie der Deutschlandfunk titelte , stimmt also natürlich nicht. Man darf noch breitbeinig sitzen, auf dem eigenen Cowboyanwesen zum Beispiel, nur eben nicht im Bus. Ähnliche Aufkleber gibt es auch in New York: "Dude... stop the spread, please", steht da, oder: "Keep your stuff to yourself". In Seattle gilt  "one body, one seat".

Obwohl es wegen der neuen Sticker in Madrid jetzt ein paar Leute gibt, die glauben, der Feminismus sei nun endgültig übergeschnappt, ist Manspreading ein sehr typisches Beispiel dafür, wie Diskussionen um feministische Themen in der Öffentlichkeit geführt werden: Zunächst gibt es einen Konflikt, der in vielen Fällen entlang von Geschlechtergrenzen zu verlaufen scheint. Darauf weisen Feministinnen hin, Beobachterinnen und Beobachter sammeln Beispiele. Dann regt sich Widerstand von Leuten, die sagen, der Konflikt sei nicht so sehr sozialer Art, sondern biologisch begründbar, im Falle von Manspreading wird dann angeführt, dass bei Männern die Schultern so breit sind, dass sie sich aus Balancegründen unten ebenfalls verbreitern müssen, um nicht umzukippen. Andere sehen den Ursprung breitbeinigen Sitzens in der Sozialisation in der frühen Kindheit .

Ich habe zu Recherchezwecken drei Männer gefragt, wie sie am liebsten sitzen und ob sie gern manspreaden. Von allen weiß ich aus empirischer Anschauung, dass sie einen durchschnittlichen Körperbau und durchschnittlich große Genitalien haben.

Mann 1: "Ich sitz gern mit übereinandergeschlagenen Beinen, ich finde das bequem."

Mann 2: "Also ich sitze prinzipiell gern mit überschlagenen Beinen. Aber unter bestimmten Leuten merke ich manchmal, dass ich schau, dass es nicht so schwul aussieht und hab dann den Knöchel aufm Knie. Ich sitze auch gern breitbeinig da, aber wenn jemand kommt, mach ich Platz, außer es kommt so ein Checkertyp, der sich breitmacht, dann nehm ich mir Platz."

Mann 3 liefert weitere Gründe zum Breitsitzen: "Es kann schon unangenehm aneinanderkleben untenrum. Dann klebt der Hodensack an den Innenseiten der Schenkel. Es kann sehr erleichternd sein, wenn man das einmal lösen kann. Im öffentlichen Raum geht das am besten mit Spreading. Wenn der Griff an den Sack salonfähig wäre, also da unten mal kurz alles richten, dann müsste man seltener breitbeinig sitzen. Was man ja mal überlegen könnte! Ich glaube nur nicht, dass man mit einem Verbot ein Bewusstsein für das Problem schafft. Frauen machen sich außerdem auch manchmal breit."

Womit wir wieder beim typischen Diskursverlauf wären. Mann 3 verweist darauf: Eine Institution stellt eine neue Regel auf, es regt sich Widerstand. Das Klischee der Feministin als lustfeindliche wandelnde Vagina dentata wird aufgerufen: Alles wollen sie uns verbieten / wegnehmen / abschneiden!

Die magische Lösung ist, respektvoll miteinander umzugehen

Aber tatsächlich gibt es auch einen Begriff für Frauen, die mehrere Sitze in Bussen oder Bahnen einnehmen, nämlich, indem sie ihre Taschen um sich herum stellen: "Bagging" oder "She-bagging" - nur kennt kaum jemand den Begriff. Zum Manspreading hingegen addieren sich an unsozialem Verhalten noch "Mansplaining" (ein Mann mit wenig Wissen zu einem Thema erklärt es einer Frau, die eigentlich mehr darüber weiß) und "Manterrupting" (ein Mann unterbricht eine Frau auf unhöfliche Art).

Wenn Sie mich fragen: Ich hätte Begriffe wie Mansplaining und Manspreading nie erfunden. Der verallgemeinernde Ballast, den Begriffe mit "Man-" für manche Leute mit sich tragen, wiegt so schwer, dass man unglaublich viel Erklärarbeit leisten muss, um zu verdeutlichen, dass hier nicht Verhaltensweisen kritisiert werden, weil Männer sie an den Tag legen, sondern dass etwas kritisiert wird, was geschlechtsunabhängig schlechtes Verhalten ist - weil andere weniger Platz bekommen - , aber gemäß der Erfahrung vieler Menschen eben eher von Männern getan wird, zumindest in unserer aktuellen Gesellschaft, wobei damit nicht gesagt werden soll, dass es eben in der universellen Natur von Männern läge, so zu handeln.

Und wie bei vielen anderen Diskussionen um feministische Themen, sei es Belästigung, Bewertung von Frauenkörpern oder eben Sitzen im Bus, kommt man am Ende zu dem Schluss, dass die magische Lösung ist, respektvoll miteinander umzugehen. Aber wir nehmen nie den schnellsten Weg. Wir nehmen den Bus, der an jedem Mülleimer hält.

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