Marek Edelman Letzter Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto ist tot

Er kämpfte gegen die Nazis, später gegen das kommunistische Regime und für Minderheiten: Marek Edelman ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Er war der letzte überlebende Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943.

Marek Edelman: Widerstandskämpfer, Arzt, Regimekritiker
dpa

Marek Edelman: Widerstandskämpfer, Arzt, Regimekritiker


Warschau - Niemals passiv sein, immer die Schwächeren in Schutz nehmen, riet Marek Edelman deutschen Jugendlichen, als er 2002 als Ehrengast am Holocaust-Gedenktag im Berliner Bundestag teilnahm. Der Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto von 1943 war diesem Prinzip Zeit seines ereignisreichen Lebens treugeblieben. Der Kriegsheld, Arzt, Regimekritiker und Parlamentarier starb am Freitag im Familienkreis in Warschau.

Sein Geburtsdatum ist umstritten - angenommen wird, dass er 1922 in Gomel (heute Weißrussland) geboren wurde, andere Quellen verweisen auf das Jahr 1919. Ende der zwanziger Jahre zog Edelman mit der Familie nach Warschau. Er war links gesinnt und zwischen den Weltkriegen im Bund einer jüdischen sozialistischen Organisation tätig.

Nach der Besetzung Warschaus durch NS-Deutschland wurde Edelman, wie alle anderen Juden, gezwungen, im Ghetto zu leben, das ihnen die deutschen Besatzer 1940 aufzwangen. Fast eine halbe Million Menschen mussten auf engstem Raum zusammenzuleben.

Er und mehrere hundert seiner Kameraden waren fest entschlossen, den Deutschen Widerstand zu leisten. "Die Menschheit hat vereinbart, dass das Sterben mit Waffen schöner ist als ohne Waffen. Wir haben uns diesem Prinzip untergeordnet", sagte er in einem Interview. Als einer der Kommandeure leitete er Kampfgruppen, die am 19. April 1943 den verzweifelten Kampf gegen die SS-Truppen aufnehmen. Er habe an dem Tag einen roten Angora-Pullover und zwei Revolver getragen, erzählte er später. Nach dreiwöchigen Kämpfen gelang Edelman die Flucht durch die Kanalisation auf die "arische" Seite der Stadt, wo er untertauchte.

Kämpfer für die Freiheit und die Benachteiligten

1944 kämpfte er wieder gegen die Deutschen, diesmal im Warschauer Aufstand. In einem Versteck bei Warschau erlebte er den Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945. Über die Befreiung konnte er sich aber nicht freuen. Er sei traurig gewesen, weil es keine jüdische Nation mehr gab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Edelman in seiner Heimat. Er studierte in Lodz Medizin und wurde Kardiologe. Edelman erlangte Berühmtheit, weil seine Klinik als erste in Polen Herztransplantationen durchführte. Gleichzeitig engagierte sich der Arzt seit den siebziger Jahren in der demokratischen Opposition und war 1980 einer der Mitbegründer der Gewerkschaft "Solidarnosc". 1981 internierten ihn die Kommunisten, doch nach Protesten aus dem Westen wurde er freigelassen.

Nach der demokratischen Wende von 1989 unterstützte Edelman Aids-Kranke, nahm polnische Roma vor Übergriffen in Schutz, kämpfte gegen die Auschwitz-Lüge, setzte sich für Kosovo-Flüchtlinge ein. Die Deutschen betrachtete er mit kritischer Aufmerksamkeit. Es gehe nicht darum, dass sie um Vergebung bitten. Sie sollten aber ihren Platz in der Weltgeschichte kennen, sagte er in einem Zeitungsinterview.

Den Jungen von den schrecklichen Kriegsereignissen erzählen

Als Zeitzeuge und Autor vermittelte Edelman bis zu seinem Tod den jüngeren Generationen Wissen über die schrecklichen Kriegsereignisse. "Es gab Liebe im Ghetto", heißt sein letztes, in diesem Jahr erschienenes Buch.

Polens Ministerpräsident Donald Tusk sagte am Samstag, er habe Edelman bewundert. "Seine Autorität edelte die Demokratie im freien Polen", hieß es in einer Mitteilung des Regierungschefs. Edelman sei ein Jude und ein großer polnischer Patriot gewesen, ehrte ihn der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Polen, Piotr Kadlcik.

Von Jacek Lepiarz, dpa



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