Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Wie ist es möglich, durch ein Megafon zu flüstern?

Stets versucht unsere Kolumnistin, Antworten auf das zu geben, was in unserer Gesellschaft zwischen Männern und Frauen, zwischen Oben und Unten geschieht. Heute hat sie nur Fragen.

Wie ist es möglich, in einer Zeit, in der wir täglich mit Verbrechen konfrontiert sind, die aus Hass entstanden sind, Zustände zu kritisieren, ohne selbst des Hasses verdächtigt zu werden?

Ist die Unterscheidung zwischen Wut und Hass etwas, was vielen Menschen fremd ist?

Ist Wut überhaupt etwas, was sich artikulieren lässt ohne wie ein Panzer zu klingen?

Wenn man einmal als wütend verstanden wurde, kann man beim nächsten Mal als entsetzt, traurig, verstört, beunruhigt, belustigt, gelangweilt verstanden werden? Oder auch mal nicht emotional? Fragend, zum Beispiel?

Kann man als wütend verstanden werden und zugleich als fragend, im selben Moment? Oder in dem direkt danach?

Wie ist es möglich, durch ein Megafon zu flüstern?

Ist folgende Idee von Kritik vorstellbar? Wenn ich sage, ich will genau andersrum sein als dieser Typ, der mit einer Fackel im Hintern zu einer Fußballfeier ging  und diese dann anzündete - genau andersrum, weil Pyrotechnik aus seinem Hintern zu holen und damit Menschen zu verletzen genau das Gegenteil von Kritik ist, wenn Kritik etwas ist, was das Licht der Öffentlichkeit versucht auf Stellen zu lenken, an denen gerade die Sonne nicht scheint? Etwas, das sich um die Geste schert, wenn sie Kunst ist, aber ansonsten eben nicht als Geste gedeutet werden will? Weil sie nichts aus dem Hintern holt, sondern auf etwas zeigt, meinetwegen mit beiden Händen?

Gibt es die Möglichkeit, Begriffe aus anderen Sprachen zu verwenden, ohne zu klingen wie eine klugscheißende Nervensäge oder wie ein ideologisch verblendeter Mensch, der alles mit einem Begriff erklären will?

Wenn etwas, das ich sage, wie Hass klingt, an welcher Stelle zwischen den getippten und den wahrgenommenen Worten entsteht dieser Klang?

Ist es möglich, alltägliche Dinge zu kritisieren ohne unterstellt zu bekommen, dass man provozieren will?

Gibt es Menschen über fünf Jahre, die denken, dass Provokation an sich wertvoll ist?

Ist es möglich, solche Fragen zu stellen ohne dass sie wie rhetorische Fragen klingen?

Ist Hetze so alltäglich geworden, dass sie Kritik geschluckt hat?

"Musste" Jo Cox sterben, was ist das für ein "müssen", was für ein Bild von Unausweichlichkeit wird da gezeichnet?

Gibt es eine Variante der Ernsthaftigkeit, die radikal ist, ohne als wahnsinnig wahrgenommen zu werden?

Ist Selbstgerechtigkeit der Grundton, der ab einer bestimmten Reichweite immer mitschwingt?

Fühlen sich Menschen schneller verachtet in einer Zeit, in der Sicherheiten verloren gehen und ist dieses Gefühl der Versuch sich vermeintlicher Fronten sicher zu werden?

Warum fühlen sich Menschen, die das Konzept der "Microaggression" ablehnen oder lachhaft finden, von bestimmten Begriffen selbst so schnell angegriffen?

Ist es schon Provokation, das zu fragen?

Ist es Allgemeinwissen, dass es verschiedene Konzepte von Männlichkeit innerhalb einer Gesellschaft geben kann?

Ist das eine Zumutung, weil es so weit weg von den Selbstbildern ist oder eine Zumutung weil es doch so offensichtlich ist?

Ist Respekt etwas, was nicht mehr vorausgesetzt wird?

Gab es das mal, dass das ein Grundwert war?

Muss man jedes Mal einzeln sagen, wen man respektiert, auch wenn es alle sind?

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE