Margarete Stokowski

Streitkultur Wer Donald meint, darf nicht Melania sagen

Auch 2017 wird uns genug Anlässe zum Schimpfen bieten. Grund genug, es ordentlich zu machen und nicht ständig die Falschen zu beschuldigen. Also nicht Mrs Trump anfeinden, wenn man Mr Trump treffen will.
Michelle Obama (r.) und Melania Trump beim Tee im "Yellow Oval Room"

Michelle Obama (r.) und Melania Trump beim Tee im "Yellow Oval Room"

Foto: DPA/ The White House/ Chuck Kennedy

So sitzen wir also zusammen und beschimpfen eine Jahreszahl. Ganz gut eigentlich, denn es trifft keinen und alle sind sich einig. Gibt keinen Rassismusverdacht und nix. 2016, so nennt auch niemand sein Kind. 2016 zu beschimpfen ist wie diese roten Anti-Stress-Knautschbälle, die die Kassierer im Supermarkt von ihrer Filialleitung kriegen, damit sie die Leute nicht so anmotzen. Lieber den Ball knautschen. Praktisch.

Ich habe Leute getroffen, die sich nicht trauen zu sagen, dass ihr 2016 eigentlich ganz gut war. Interessante Minderheit. Nicht irritieren lassen, es sind nicht so viele. Einfach weiter schimpfen, es verbindet. Dreckiges, hinterhältiges 2016.

Leider wird sich das abnutzen. Wir können dasselbe nicht mit 2017 machen. 2017 wird uns nicht ernst nehmen, wenn wir es genauso beschimpfen, wie wir es jetzt mit 2016 machen. Also brauchen wir ein neues Konzept. Im Moment sind wir nicht besonders weit entwickelt, was die Suche nach Schuldigen betrifft. Irgendwie geht gerade ständig etwas schief.

Ruhig mal auf den IS wütend sein!

Am schiefsten ging das neulich bei Marcus Pretzell, dessen zweiter Vorname nicht umsonst Horst ist. Als der AfD-Politiker kurz nach dem Berliner Anschlag twitterte, die Toten seien "Merkels Tote!", war das zwar strunzdumm, aber zugleich sehr im Zeitgeist, denn wer auch immer gerade für schuldig befunden wird am Terror - die Flüchtlinge, der Staat, die Linken, die Gutmenschen oder eben Merkel selbst -, es sind selten: die Terroristen. Wenn aber der sogenannte IS eine Tat begeht, darf man ruhig auf den IS wütend sein.

Ähnlich schief geht es immer wieder, wenn es um Donald Trump geht - oder gehen sollte, wäre da nicht neben ihm seine Frau Melania. Wir kennen Nacktfotos von ihr, und selbst Leute, die sich für links halten, sind sich nicht zu fein für Slut Shaming einer Frau, die es doch eindeutig ziemlich weit gebracht hat . Sie kann schlecht Reden halten und hat vielleicht über ihren Lebenslauf gelogen , aber auf der langen Liste der Probleme der zukünftigen US-Politik steht das eher weiter hinten.

Auf Twitter ging ein Bild von Michelle Obama und Melania Trump im Weißen Haus  rum, dazu der Text: "Ein Abschluss aus Harvard und einer aus Princeton in einem Raum. Michelle Obama hat beide." Das ist eine Sekunde lustig und die restlichen Stunden bescheuert, denn was immer man an Melania Trump kritisiert, es wird nie das eigentliche Problem sein: der verrückte, gefährliche Mann an ihrer Seite.

Noch ein Beispiel. George Michael ist tot, und in der Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) lautet der vorletzte Satz: "Seine Homosexualität sorgte später immer wieder für Probleme." Einige Medien übernahmen den Satz direkt so, die dpa änderte ihn schnell , Fehler passieren, aber auch hier: dasselbe Muster. Es gibt ein Problem, es ist gigantisch, und Leute verfehlen es trotzdem. Bums, daneben. Wenn jemand "wegen seiner Homosexualität" Probleme hat, dann ziemlich sicher nicht deswegen, sondern wegen Homophobie. Es macht einen Unterschied.

2017 wird uns Gründe geben, uns weiter zu beschweren. Wir werden wütend sein und hoffentlich auf die Richtigen. Wir werden das perfektionieren. Wir werden nicht schimpfen wie Marcus Pretzell, wir werden schimpfen wie Thomas Bernhard. Viel geiler.