Margarete Stokowski

Frauen in der Politik Wenn alles gegen die Wand gefahren ist

Was haben die SPD und Saudi-Arabien gemeinsam? Frauen kommen erst ans Steuer, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ein Armutszeugnis.
Andrea Nahles (SPD)

Andrea Nahles (SPD)

Foto: Michele Tantussi/ Getty Images

Es geht nicht immer vorwärts. Alter schützt vor Torheit nicht, und Zukunft nicht vor Rückschritt. Im neuen Bundestag werden nicht mal ein Drittel der Abgeordneten Frauen sein, so wenige wie seit 19 Jahren nicht: 30,7 Prozent. Das ist offensichtlich sehr schlecht. Man könnte sagen, ja, die Leute haben halt so gewählt: Wer nicht links wählt, wählt mehrheitlich Männer - und wenn sich nicht genug Frauen zur Wahl stellen, selbst schuld. Stimmt natürlich. Die Menschen sind immer schuld, aber das macht es nicht besser.

Der französische Frühsozialist Charles Fourier hat geschrieben: "Der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau, und der Verfall der Gesellschaftsordnung vollzieht sich entsprechend der Abnahme der Freiheit der Frau." Fourier war der Meinung, solange Frauen in der Gesellschaft nicht "an allen Einrichtungen jeweils zur Hälfte beteiligt sein werden", könne von Freiheit und Gleichheit nicht die Rede sein. Er schrieb das vor 200 Jahren. Zwei-hun-dert.

Seitdem ist zwar viel passiert, und wir sehen eine Frau als Kanzlerin, eine Frau als Oppositionsführerin, aber die nackte Freude darüber kommt nicht so richtig auf. Unter welchen Umständen ist Andrea Nahles jetzt SPD-Fraktionschefin geworden? Exakt zu dem Zeitpunkt, als alle verfügbaren und irgendwie relevanten Männer den Wagen einmal vollständig vor die Wand gefahren haben. In der "Süddeutschen Zeitung" schrieb Nico Fried dazu : "Merkel wie Nahles wurden in ihren strukturkonservativen Parteien erst vorgelassen, als auch der letzte Mann an der Wiederaufrichtung des jeweiligen Ladens gescheitert war. Nahles ist somit wie Merkel eine politische Trümmerfrau."

Schleift Martin Schulz endlich in die Zukunft!

Martin Schulz hat sich in Frauenfragen an diversen Ecken blamiert , es ist nicht mehr lustig, es ist nur noch tragisch, und wie er sich nach seiner brutalen Niederlage im Willy-Brandt-Haus von Frauen umringt fotografieren ließ, macht alles nur noch elender. Seht ihn an, den gescheiterten, und schleift ihn in eine Zukunft, in der er Frauen nicht mehr "Trulla" nennt.

Frauen sind so praktisch. Man lässt sie freudig ihre Chancen ergreifen, wenn alles scheißegal geworden ist oder nicht mehr anders geht. Kann sein, dass sie es dann überhaupt nicht besser machen als die Männer vor ihnen , das kann man ihnen dann immer noch vorwerfen.

Das ist in der SPD nicht anders als in Saudi-Arabien, wo Frauen demnächst auch Auto fahren dürfen. Schön für die Frauen. Allerdings kommt die Reform nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, da das Land immer mehr darauf angewiesen ist, dass Frauen selbst fahren können: Wenn das Öl billiger wird, braucht das Land zusätzliche Einkommensquellen durch arbeitende, flexible Frauen, die auch allein zur Arbeit fahren können und nicht ihr ganzes Gehalt für einen Fahrer ausgeben müssen . Es sieht schön fortschrittlich aus, wenn Frauen selbst die Straßen ihres Landes entlangfahren, aber es ist nicht unbedingt einer Idee von gesellschaftlicher Freiheit geschuldet, dass sie es dürfen .

Apropos Straßen. Die Essayistin Rebecca Solnit hat mal geschrieben, es sei ein irreführendes Bild, sich gesellschaftlichen Fortschritt als eine Straße vorzustellen, die die Gesellschaft linear abschreitet, in Tausenden mühsamen Kilometern. Solnit findet ein anderes Bild passender: das der Büchse der Pandora, deren Öffnen sich nicht mehr rückgängig machen lässt. So seien Ideen, die Revolutionen bewirken, nicht mehr aus der Welt zu kriegen, auch wenn die Umstände widrig erscheinen. Ich fand das beim ersten Lesen keine besonders schlaue Metapher, weil in der Büchse der Pandora bekanntlich das Übel der Welt steckte.

Andererseits, ach. Im Moment stelle ich mir meinen Missmut über den Zustand der Gleichberechtigung vor wie diesen widerlichen Fettberg in der Londoner Kanalisation. Da kommt keiner dran vorbei, nein, er ist entstanden aus der Art, wie Menschen leben, und er bleibt oder wird immer wieder neu zu bizarrer Monstrosität anwachsen, bis sich etwas Grundlegendes ändert.

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