S.P.O.N. - Oben und unten Oh, wie schön ist Kanada

Der Messias ist zurück - im Körper des kanadischen Premierministers Justin Trudeau, einem tanzenden, strippenden, kifferfreundlichen, aus Liebe boxenden Disneyprinzen. Diesen Tausendsassa wollen sogar Feministinnen heiraten.

Justin Trudeau (2012)
REUTERS

Justin Trudeau (2012)

Eine Kolumne von


Er ist wieder da. Ich lasse mir nichts mehr erzählen von Leuten, die meinen, es würde noch dauern, bis der Messias eines Tages wiederkommt. Nein, nein. Es dauert nicht mehr. Ich habe ihn gesehen, in unzähligen YouTube-Videos ist er mir erschienen. Nicht in Jerusalem oder so, nein, in Kanada.

Kanada, natürlich - die USA in lässig, Frankreich in bärtig. Kanada, das Land, in dem Ahornsirup und Bärenpisse fließen. Kanada, der Hippiesehnsuchtsort, in dem niemand die Haustür abschließt. Mehr muss man über Kanada nicht wissen, und mehr weiß man auch nicht.

Er heißt Justin. Um zu fühlen, was ich fühle, müssen Sie es französisch aussprechen, nicht Dschastin, wie Dschastin Bieber, sondern Dschüstön, sodass es fast klingt wie "Je t'aime", und so ist es auch gemeint.

Justin Trudeau ist seit November letzten Jahres Premierminister von Kanada, und was haben wir seitdem nicht alles von ihm gehört. Nur Traumhaftes! Er, dessen Vater ebenfalls Premierminister war (Traditionsbewusstsein), hat Literatur und Ingenieurwesen studiert (Multitalent), er hat Sozialkunde, Mathe und Französisch unterrichtet (Multitalent + kinderlieb), ein Studium, das irgendwas mit Umwelt zu tun hatte (tierlieb, pflanzenlieb), abgebrochen (wild), er war Barkeeper, Türsteher und Snowboardlehrer (Barkeeper, Türsteher und Snowboardlehrer!) und hat eine Freundin aus Kindertagen geheiratet (romantisch).

Er will Kiffen legalisieren (geil), ist tätowiert (OMG), er boxt (oha), aber charitymäßig, für Krebsforschung, immerhin ist sein Vater an Krebs gestorben (oh... Tränen in den Augen). Und nicht nur das, er strippt auch charitymäßig, weil... weil er es kann.

Und während er das alles macht, sieht er aus wie ein Prinz aus einem Disneyfilm, und natürlich sind wir nicht so oberflächlich, dass uns das irgendwie berühren würde, aber wenn einer so stark ist wie Michelangelos David und so mutig wie Frodo Beutlin, dann er. Obendrein ist er auch noch am 25. Dezember geboren - an Weihnachten! JESUS!

Ich folge auf Twitter dem Account "SZ Top News", um nicht zu verpassen, wenn in München eine Atombombe hochgeht, und ja, Gott sei Dank folge ich denen, denn jetzt weiß ich auch, dass Justin Trudeau Yoga kann, und zwar die Art von Yoga, wo man... ach, egal, gucken Sie das Bild an. Es ist drei Jahre alt, macht nichts, stört niemanden, Top News! Die Übung "der Pfau", soll, so weiß die "SZ", "übrigens sofort Energie schenken - und neben den Unterarmen auch den Verdauungstrakt stärken". Muss man nicht wissen, weiß man jetzt aber.

Auch nicht ganz neu ist das Video, wo Justin Trudeau einen indischen Tanz aufführt, macht nichts, wir gucken es gerne nochmal, und man könnte das für eine irrelevante Eigenschaft halten bei einem Regierungschef, aber wir wollen mal nicht ablenken und verschweigen hier auch die Info, dass seine Haare eine eigene Facebook-Seite haben, genauso wie das Fotoshooting mit der Vogue und die Sache mit den Pandabären.

"The hottest, hippest world leader out there"

"Ich wusste nicht mal, dass es in Kanada überhaupt Politiker gibt", sagt mein Freund A., und tja, jetzt weiß er es, wobei, "Politiker", wie weltlich das klingt! Justin Trudeau ist mehr, er ist der "hottest, hippest world leader out there", und während Trump die USA nur "great" machen will, ist Trudeau schon zehn Tanzschritte weiter: "Justin Trudeau macht Kanada sexy".

Okay, zugegeben, ich kenne ihn auch nicht wirklich aus den Nachrichten. Ich kenne ihn hauptsächlich von Twitter und Facebook, wo seit Monaten gefühlte alle drei Tage eine Feministin aus meinem Freundeskreis ein Video von ihm postet und dazu schreibt "Bin ich eigentlich die Einzige, die Justin Trudeau heiraten will?" und jedes Mal antworten 37 andere "Neiiinnn! [Emoji mit Herzchenaugen]".

Das liegt daran, dass Trudeau zu allem Überfluss auch noch Feminist ist. Auf die Frage einer Journalistin, warum er sein Kabinett mit exakt gleich vielen Frauen wie Männern besetzt habe, antwortete er schlicht: "Because it's 2015."

Er macht bei Gay-Pride-Veranstaltungen mit (mit Herzchenfoto), er sagt, dass Gesetzgeber Frauen nicht diktieren sollten, wie sie mit ihren Körpern umzugehen haben. Er sagt, dass Männer und Frauen keine Angst haben sollten, sich als Feministen und Feministinnen zu bezeichnen, dass er sich selbst auch weiterhin so nennen wird, weil es da um Gleichheit geht. Und dass Frauen und Männer endlich gleich bezahlt werden müssen.

Ja, okay, klar haben Abertausende von Feministinnen das alles auch schon gesagt - aber sie haben es eben nicht als tanzende, strippende, kifferfreundliche, aus Liebe boxende Disneyprinzen gesagt. Das kann nur er.

Nein, man würde eine Frau für solche Aussagen nicht so feiern wie einen Mann. Man könnte es auch skurril finden, dass da jemand, der Politik machen soll, so als Popstar gefeiert wird - auf YouTube kommentiert einer: "Stop sexualizing our Prime Minister you fat Americans." Aber der ist wahrscheinlich nur neidisch. Man könnte sich auch über die Feministinnen lustig machen, die sich reihenweise in ihn verlieben - endlich mal ein Regierungschef, der Feminist ist, und denen fällt ernsthaft nichts anderes ein von ihm zu fordern als "Heirate mich"?

Aber man will auch nicht immer nur rumnörgeln. Dann heißt es wieder, Männer könnten es nicht richtig machen, egal ob sie gegen oder für Feminismus sind. Nein, nein, er macht das super. Und Pandabären sind megasüß.



insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 31.03.2016
1. Gutes Beispiel.
Endlich mal ein richtig sonnig- wonnig sexy, netter Wiohlfühl- Kommentar. Jetzt fang ich NICHT an, daß er schon wieder bald zuuu honigsüß geraten ist. Nein! Ich freue mich, daß bei all dem Elend und der systematischen Kritik über all die immanente Ungerechtigkeiten durchaus auch endlich hier etwas sehr schönes und positives erzählt werden kann. Danke Frau Stokowski!
Tiberias 31.03.2016
2. Wo ist der Punkt?
Ich finde den neuen Kanada-Premier ja auch ganz gut, aber einen ganzen Schmachtartikel auf SPON über ihn zu veröffentlichen und in drei Nebensätzen zu erwähnen, dass dieser ja auch ein bisschen was zu Feminismus gesagt hat, erscheint mir doch schon recht dünn. Gab es kein wichtigeres Thema zu behandeln in dieser Woche?
Akademiker11 31.03.2016
3. Witzig!
Und jetzt eben mal schnell selbst einmal ueber den grossen Teich springen und einige Zeit in Kanada und auch den USA leben. Beste Medizin, um ein verklaertes und oft in Deutschland wiedergegebenes Bild beider Laender zu relativieren. Aber der erste Artikel der Verfasserin, den ich humorvoll und auch recht gut fand.
noethlich 31.03.2016
4. Was für ein sympatischer Beitrag!
Ich hoffe auch, dass Herr Trudeau vielen anderen Männern im Allgemeinen und Politikern im Speziellen als Vorbild dient und natürlich, dass er es in Kanada nicht irgendwie vergeigt. Der Beitrag ist toll, weil er Feminismus von der positiven Seite zeigt, als etwas, das man nicht nur begrüßen sollte, sondern auch begrüßen will, weil es sich gut anfühlt.
seismoid 31.03.2016
5. super parodie
der kommentar ist ne super parodie auf das affentheater das da um so einen - wie war das wort? - disneyprinzen veranstaltet wird (auch von feministinen).
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