Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Des Rudels Kern

Die rassistische Hysterie nach den Übergriffen in verschiedenen deutschen Städten schadet den Opfern, weil sie eine wirkliche Debatte über sexualisierte Gewalt verhindert.

Es ist so ekelhaft. Die Debatte um muslimische Migranten hat ihren bisherigen Hysterie-Höhepunkt erreicht. Die Opfer der Übergriffe in Köln, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt sind in dieser Debatte denen, die sich am meisten aufregen, vollkommen egal. Sie sind gerade gut genug für reißerische Beschreibungen von zerfetzter Unterwäsche  und Fingern an Körperöffnungen  und gut genug als Grund, sich als besorgter Bürger zum edlen Ritter und Frauenbeschützer aufzuschwingen.

Inzwischen wird über die Ausweisung straffällig gewordener Asylsuchender gesprochen, obwohl die Herkunft der Täter bislang nicht klar ist. Dabei ist das noch der vergleichsweise seriöse Teil dieser Debatte. Stumpf vereinfacht gelten die Täter kaum noch als Einzelpersonen, sondern sind nur noch eine diffuse Masse notgeiler Ausländer, die mit Tiervokabeln beschrieben werden: Wie konnte das geschehen, dass sich Männer "zusammenrotten" und "in großen Rudeln über Frauen herfallen", fragt die "Emma" . Von einer "wild gewordenen Männer-Meute aus dem arabischen/nordafrikanischen Raum" wird woanders gesprochen. Auf Twitter ist von "Primaten" und "Affen" die Rede.

"Das rassistische Narrativ 'schwarzer Mann vergewaltigt weiße Frau' ist volle Kanne durchgeschlagen", schreibt die Publizistin Antje Schrupp . Des Rudels Kern ist die Vorstellung vom wild gewordenen - wenn nicht schon immer wild gewesenen - Ausländer, der sich all das nimmt, was andere gern hätten: Frauen und iPhones.

Denen, die nun darauf hinweisen, dass sexualisierte Gewalt nicht erst mit den Flüchtlingen nach Deutschland gekommen ist, wird vorgeworfen, die Vorfälle von Köln zu verharmlosen. Feministinnen, die seit Jahren und Jahrzehnten über Gewalt gegen Frauen schreiben, wird erklärt, sie würden nur ablenken wollen, um die Täter von Köln zu schützen - das ist absurd und zeigt, wie sehr die Debatte aus dem Ruder gelaufen ist. Es ist, als würde jemand rufen: "Es brennt in der Küche!" und jemand antwortet: "Im Wohnzimmer auch!", und dann sagt der Erste: "Ach was, du willst also nicht die Feuerwehr rufen?"

Die Diskussion lässt sich nicht outsourcen

Aufgebrachte Leser schreiben mir Mails, warum ich mich noch nicht zu Köln geäußert hätte - man müsse doch jetzt auch als linke Feministin endlich einsehen, dass es falsch war, diese ganzen Männer ins Land zu lassen.

Nun. Es hätte eine Debatte über sexualisierte Gewalt nach jedem verdammten  Oktoberfest , nach jedem Karneval und jeder WM-Fanmeile geben können. Gab es aber nicht. Weil kaum jemand sich freiwillig mit so hässlichen Dingen beschäftigt und zugeben will, wie weitverbreitet Übergriffe dieser Art sind. In einer EU-weiten Studie  gaben 55 Prozent der Frauen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben.

Natürlich müssen wir über Geschlechterordnungen in arabischen und nordafrikanischen Ländern sprechen - aber das reicht eben nicht. Man kann diese Diskussion nicht outsourcen und zur Ausländerfrage erklären. Es ist natürlich entlastend, es so zu machen. Aber selbst wenn sämtliche Menschen mit Migrationshintergrund sofort aus Deutschland abgeschoben würden, gäbe es noch massenhaft sexualisierte Gewalt: Belästigungen, Missbrauch, Vergewaltigung. Ein großer Teil dieser Fälle passiert im nahen sozialen Umfeld der Betroffenen: Die Täter sind Partner, Ex-Partner, Nachbarn, Kollegen, Lehrer.

Es ist so perfide wie dumm, wenn "Focus-Online-Expertin" Birgit Kelle  jetzt fragt, wo denn der Aufschrei bleibe - vor drei Jahren schrieb sie nach der "#Aufschrei"-Debatte allen Ernstes ein Buch mit dem Titel "Dann mach doch die Bluse zu".

"Offenbar Männer mit Migrationshintergrund"

Nun erklärt sie angesichts von Köln: "Es waren offenbar Männer mit Migrationshintergrund. Und wohl deswegen bleibt das feministische Netz stumm." Entweder die Frauen sind schuld, wenn sie belästigt werden - oder man kann "den Ausländer" verdächtigen, dann war der Ausländer schuld. Je weiter unten eine Gruppe in der gesellschaftlichen Hierarchie steht, desto schneller ist das Urteil über sie gefällt. Hauptsache, der deutsche Mann muss nie sein eigenes Verhalten hinterfragen.

In der "Zeit" schafft der Leitartikel von Heinrich Wefing über "die Frauenjagd von Köln" das perverse Kunststück, einerseits zu erklären, dass wir die Flüchtlinge jetzt nicht pauschal verurteilen dürfen, für Taten, die sie nicht begangen haben, und gleichzeitig beide Themen so eng parallel zu führen, als wäre es eben doch schon klar, wer schuld ist. Wir wissen nicht, "ob die Kriminellen seit zwei Wochen, zwei Monaten oder zwei Jahren unter uns leben, ob es Flüchtlinge sind, lange schon hier wohnende Migranten oder deutsche Staatsbürger", schreibt Wefing und es klingt wie: Wir wissen es noch nicht - aber unsere Leute waren das nicht.

So baut sich jeder nach seinen Mitteln Erklärungen zusammen. Überall werden nun aus besorgten Bürgern edle Ritter, die "unsere" - also "ihre" - Frauen beschützen wollen. Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen. Und er ist fleißig dabei. Die Studien dazu sind frei verfügbar, aber man müsste sie auch mal lesen .

Im Grunde sagen nach Köln alle nur das, was sie vorher auch schon gesagt haben, nur noch lauter: Wer vorher schon Flüchtlinge abschieben wollte, will sie jetzt noch schneller und härter abschieben; wer vorher schon Überwachung wollte, will jetzt noch mehr Überwachung.

Dass es in der ganzen Debatte nicht darum geht, die bisherigen Opfer zu schützen und weitere Übergriffe zu vermeiden, sieht man daran, dass wir eben nicht über sexualisierte Gewalt reden. Hannah Lühmann schrieb auf "Welt Online", niemand würde verstehen, "dass die leibliche Wucht dieser grauenhaften Situation am Kölner Bahnhof so stark ist, dass jetzt vielleicht nicht der Zeitpunkt ist, zur Reflexion über 'eigene' Sexismen aufzurufen ." Das würde bedeuten, den Hetzerinnen und Hetzern das Feld zu überlassen. Nicht so schlau.

Was es bräuchte, wäre ein radikaler Wandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Sie zu verharmlosen und zu billigen, ist eben auch ein deutsches Kulturgut . Um das zu ändern, wäre vieles notwendig: Schließung der Lücken im Sexualstrafrecht , sodass alle Fälle, in denen sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person geschehen, strafrechtlich verfolgt werden können - das ist im Moment nicht der Fall in Deutschland .

Außerdem: Handlungsanweisungen für potenzielle Täter - nicht nur für potenzielle Opfer. Aufklärung über Grenzüberschreitung und Missbrauch im Schulunterricht. Mehr und bessere Beratungsangebote in Ämtern, Behörden, Vereinen. Verbesserter Zugang zu Psychotherapie für Gewaltopfer. Akute Hilfsangebote bei häuslicher Gewalt (also funktionierende Frauenhäuser). Einige Schritte wären ganz einfach und sogar kostenlos: Die Medien könnten sich beteiligen, indem sie aufhören, von "Sex-Tätern" und "Sex-Skandalen"  zu sprechen, wenn es um Gewalt geht (Oder im "Bild"-Stil: "SEX-MOB" ).

Tatsächlich jedoch werden die Opfer der Silvesterübergriffe jetzt nur kurzfristig benutzt, um den ersten großen Skandal des Jahres zu bebildern. Man wird sie, wie so viele andere, am Ende allein lassen. Es wird weiterhin täglich zu sexualisierter Gewalt in Deutschland kommen, aber das Thema wird gefühlt durch sein. Das ist am Ende eigentlich noch schlimmer, als wenn wir nie darüber geredet hätten.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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