Margarete Stokowski

Gina-Lisa Lohfink Hätten Sie gern Popcorn dazu?

Für viele ist klar: Gina-Lisa hat sich vor Gericht als Opfer inszeniert. Dabei haben Journalisten ihren Teil zur "Gina-Lisa-Show" beigetragen. Und so ein abschreckendes Beispiel für andere Frauen geschaffen.

Obwohl wir theoretisch wissen, dass jedem Menschen ein Unglück geschehen kann, haben viele ein sehr klares Bild davon, wie ein Opfer einer Gewalttat aussehen sollte und wie es sich zu verhalten hat. Im Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink sehen nun viele bestätigt, was sie schon lange geahnt haben: "Jemand wie die" kann kein Opfer sein. Lohfink habe zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung beschuldigt, entschied das Amtsgericht Berlin-Tiergarten am Montag, und verhängte eine Strafe von 20.000 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der "Tagesspiegel" schreibt heute dennoch, mit der Verurteilung gehe "die Show zu Ende". Fast klingt es, als sei der Autor traurig, dass im Gericht kein Popcorn gereicht wurde. Ob "die Show" von Lohfink oder den Medien inszeniert wurde, schreibt er nicht, aber in jedem Fall kommt die Protagonistin mit schlechten Haltungsnoten weg: Lohfink habe am letzten Prozesstag erstmals gewirkt, "als spiele sie kein Theater". Die vorherigen Male habe sie zu viel geschluchzt - "Overacting, heißt es in der Schauspielkunst". Als ginge es um eine Filmkritik von einem schlechten Film.

Aber genau so sah der Fall Lohfink für viele aus. Denn dass es Videos von dem Tag gibt, deren Ausschnitte als Pornos online standen, hat den Fall zu etwas gemacht, zu dem viel mehr Menschen erstens einen Zugang und zweitens eine Meinung hatten, als üblicherweise in solchen Prozessen. Über eine Million Mal wurde einer der Ausschnitte angesehen, und während für viele klar war, dass es sich hier um eine Vergewaltigung handelt, fanden andere bei Twitter: "Wir alle haben gesehen, wie ihr das Loch gejuckt hat."

Als könne es nach dem Sex keine Vergewaltigung geben

Plötzlich sind alle Experten und Expertinnen für den Fall Lohfink. Sie betonen, dass es ja wohl äußerst merkwürdig sei, dass Lohfink mit einem der Beschuldigten auch einvernehmlichen Sex gehabt habe - eine "Ungereimtheit". Auch ein im Gericht geladener Sachverständiger, ein Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, bezog sich auf diese Tatsache. Eigentlich sollte er klären, ob Lohfink K.-o.-Tropfen bekommen hatte. Das sei mit hoher Wahrscheinlichkeit - allerdings nicht hundertprozentig - ausgeschlossen, befand er, aber er äußerte sich auch dazu, dass es zuvor einvernehmlichen Sex gegeben habe und der Mann demnach davon ausgehen konnte, dass das wieder so sein werde . Als würde ein Mensch nach einmaligem Sex jeder weiteren Penetration durch diese Person zustimmen. Als könnte es Vergewaltigung nicht sogar in Beziehungen geben, in denen vorher sehr vieles gut lief. Und als würden Vergewaltigungen nicht in den meisten Fällen im sozialen Nahbereich passieren  und nicht wie im Vorabendkrimi nach dem Modell "Opfer läuft nachts nach Hause, Täter springt hinter Baum hervor". Doch auch Menschen, die in Gerichten arbeiten, sind nicht frei von den Stereotypen.

Wir sind in dem auffällig widersprüchlichen Zustand, dass Frauen seit ihrer Schulzeit lernen, wie sie sich verhalten sollen, damit sie nicht vergewaltigt werden - nicht zu viel trinken, nicht zu kurzer Rock, nicht zu einsamer Heimweg - aber wenn es ihnen passiert, müssen sie nicht selten hören, dass sie sich alles nur ausdenken oder übertreiben.

Staatsanwältin Corinna Gögge erklärte in ihrem Plädoyer, falsche Verdächtigungen kämen häufiger vor als gedacht. In der derzeitigen Debatte gießt man mit derart diffusen Äußerungen Öl ins Feuer: Wer ohnehin schon dachte, Falschbeschuldigen seien ein häufiges Phänomen und ein eigenartiges Hobby rachsüchtiger, aufmerksamkeitsgeiler Frauen, kann jetzt denken, es sei eigentlich noch viel schlimmer.

Journalistinnen und Journalisten spielen mit

Gina-Lisa Lohfink sagte vor Gericht, sie warne alle Mädchen : "Nicht berühmt werden." Doch dass sie berühmt ist, war nicht das einzige Problem in diesem Prozess. Für einen Vergewaltigungs- und Falschbeschuldigungsprozess hatte sie, so widerlich das klingt, denkbar schlechte Voraussetzungen: Die Art, auf die sie berühmt geworden ist, führt dazu, dass sie für viele Menschen all ihre Glaubwürdigkeit verloren hat. Lohfink war vor dem Prozess nicht nur lustige, schlagfertige Teilnehmerin von Unterhaltungssendungen, sondern oft auch in sexuell konnotierten Kontexten zu sehen: auf der "Erotikmesse Venus" oder in einer Werbung, in der sie vor dem Spiegel sagte: "Wer ist die Billigste im ganzen Land?" (Der Werberat rügte den Onlinehändler  für diese Spots: Sie stellten Frauen als "leicht verfügbar" dar.)

"Partygirl" , "Reality-Sternchen" , "das sogenannte It-Girl" , "die vollbusige Blondine"  - Journalistinnen und Journalisten lassen sich viel einfallen, wenn es um die Bezeichnung von Gina-Lisa Lohfink geht. Man kann Lohfink auch als erfolgreiche Geschäftsfrau sehen, eine ausgebildete Arzthelferin, die dazu übergegangen ist, Geld mit ihrem Aussehen und ihrer Anwesenheit auf Veranstaltungen zu verdienen. Wie viele Menschen träumen davon? Wir wollen, dass Frauen arbeiten und sexy sein können, aber die, die Geld damit verdienen, dass sie sexy sind, werden als Schlampen beschimpft.

Während bei Männern, die der Vergewaltigung beschuldigt werden, oft die Frage im Mittelpunkt steht, wie sehr ihre Karriere in Zukunft unter dem Vorwurf leiden könnte, wird bei Frauen, die sie anklagen, gern danach gefragt, was sie in ihrer Vergangenheit schon alles falsch gemacht hätten. Bei Lohfink stand für viele fest: einiges. Sie, deren Körper dem Idealbild von Millionen entspricht, wird genau dadurch für viele verdächtig. "Stern.de" fragte auf der Straße rum, was die Leute denken, und viele dachten: selbst schuld. "Wer sich so anziehe, wer sich so style, müsse sich nicht wundern ." Im Kopf einiger Menschen ist eine Frau wie Gina-Lisa Lohfink bezüglich sexualisierter Gewalt schlicht vogelfrei.

Der Fall wird paradoxe Folgen haben

Es sollte in einem Prozess um Vergewaltigung egal sein, ob eine Frau als Bäckerin, Boxerin oder BWL-Professorin arbeitet und wie sie aussieht, aber davon sind wir weit entfernt. Kaum ein Bericht über Lohfinks Prozess verschwieg, ob sie in schwarzer oder weißer Bluse im Gerichtssaal saß - als würde das eine Rolle spielen. Angewidert von der B-, C-, D-, E-Promiwelt, die sich da auftat, protokollierten studierte Journalistinnen die Nagellackfarben von Lohfink. Sie hätte nicht mal mit ins Gericht gehen müssen, heißt es. Dass sie mit der Presse gesprochen hat, wird ihr teilweise von der Presse selbst vorgeworfen.

Im Video

Der Vorwurf, es gehe Lohfink nur um Aufmerksamkeit, ist so bösartig wie naiv, denn offensichtlichster Weise bekommt man durch eine Vergewaltigungsklage keinen Ruhm. Ihr, die nie wollte, dass besagte Videos an die Öffentlichkeit gelangen, wird vorgeworfen, sie wolle nur Aufmerksamkeit und verfolge einen perfiden Plan. Viele nehmen ihr übel, ausgerechnet jetzt ins RTL-Dschungelcamp zu gehen und dort ein Honorar von 150.000 Euro zu kassieren. "Hat Gina-Lisa alles nur fürs Dschungelcamp getan?", fragte "Welt Online" , andere erklären dann bei Twitter: "Die inszenierte Vergewaltigungsshow hat sich gelohnt!" oder wünschen ihr "genug knallharte Ficker im #DschungelCamp". Ihr anderer Plan, nämlich einen gemeinnützigen Verein für die Opfer sexualisierter Gewalt zu gründen, erhält wesentlich weniger Aufmerksamkeit.

Es gibt nun die paradoxe Situation, dass der Fall Lohfink einerseits die Debatte über die ohnehin geplante Reform des Sexualstrafrechts noch einmal befeuert hat und andererseits ausgerechnet dieser Fall ziemlich sicher dazu führen wird, dass sehr viele Frauen, die vergewaltigt werden, sich gegen eine Anzeige entscheiden, weil sie ahnen, wie scheußlich so ein Prozess verlaufen kann.


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Foto: SPIEGEL ONLINE