"Maria Stuart" in Hamburg Königlich schrecklich

In seinem Drama "Maria Stuart" führt Friedrich von Schiller Menschen unter höchstem Aktionsdruck vor. Stefan Kimmig inszenierte am Hamburger Thalia Theater das Trauer- als Thriller-Spiel - und ließ zwei Protagonistinnen glänzen.

Fixiert! Die schottische Königin "Maria Stuart", die Regisseur Stefan Kimmig in seiner neuen Hamburger Inszenierung präsentiert, sitzt mit Plastikriemchen gefesselt auf einem Arztstuhl und erwartet ihr tödliches Schicksal. Auswege sind kaum angezeigt. Noch bevor die Handlung ihren Lauf nimmt, teilen sich in einer Projektion auf dem Gaze-Vorhang vor der Bühne Zellen, bis die Fläche gefüllt ist: eine Heldin und ihr Umfeld unter dem Mikroskop, der Natur gehorchend, aber gefangen auf dem Objektträger, frei zur Begutachtung. "Maria Stuart" als Laborversuch - und der Regisseur lässt seine Figuren ordentlich zappeln.

Sie zappeln als grau gewandete Geschäftsleute, die englischen Adeligen samt ihrer Konzernchefin Elisabeth (im forschen Business-Anzug), sie streiten an glatten Sitzungstischen, vor leeren Wänden, unbeschriebenen Präsentationsflächen, in Büros, die sehr dem Gefängnis von Maria ähneln. Nur selten verrutscht der korrekte Anzug. Zum Objektträger dieses Dramas mutiert schnell die gesamte Bühne (gelungen kreiert von Katja Haß), die sich zu den Szenen dreht und mit ihren Grautönen und Betonflächen nichts als Kälte und Vernichtung ausstrahlt.

In der Mitte drei dicke Birken, denen die Kronen fehlen - geköpft, sozusagen, ein makabrer visueller Kalauer auf Kommendes, vielleicht ein Tick zu viel des Symbolhaften. Denn das erdrückende Ambiente wirkte auch ohne plakative Fingerzeige und erinnert deutlich an die klaren Bilderwelten von Kimmigs erfolgreichen Hamburger Ibsen-Interpretationen ("Nora" und "Hedda Gabler"), die er ebenfalls gemeinsam mit Katja Haß erarbeitete.

Intensität und Schärfe

Vor diesem Szenario formieren sich die Kräfte, die um Marias Leben oder für ihren Tod kämpfen, allesamt gefangen im selben System. Im Rahmen dieser Versuchsanordnung erproben sie ihre Macht: Ob kalt berechnend oder von Liebe getrieben, die enge Welt von Business und Politik lässt am Ende zu wenig Spielraum für individuelles Glück. Was anfangs allzu einfach und sinnfällig aussieht, erweist sich im Verlauf des Dramas als klug dimensioniert: Kimmigs konzentrierte Zwei-Stunden-Version des Riesendramas prasselt mit Intensität und Schärfe auf den Zuschauer hernieder - und sorgte für echte Gänsehaut-Effekte. Durch Text und Darstellung, kaum durch Effekte.

Das politische und persönliche Gezerre um die wegen Gattenmordes nach England geflohene schottische Königin Maria Stuart treibt alle Handelnden an ihre Grenzen - allen voran die gestresste und hier zur hysterischen Borderline-Persönlichkeit tendierende Herrscherin Elisabeth I. Für die englische Königin wird das Drama um die schottische Amtskollegin Maria zur persönlichen Prüfung, die ihr die eigenen Abgründe und Grenzen vorführt. Zum Schluss liegt sie zitternd und frierend in ihrem schmalen Bett, eine kranke und gezeichnete Persönlichkeit, an der nichts an eine königliche Herrscherin erinnert, nicht einmal die skrupellose Managerin nimmt man ihr noch ab.

Schreiende Verzweiflung

Das kontrastierende Spiel von Susanne Wolff als Maria und Paula Dombrowski als Elisabeth hat Regisseur Kimmig kühl und überzeugend inszeniert, beiden Schauspielerinnen dabei das Äußerste an Power und Ausdruck abverlangt. Er lässt die königlichen Damen - beide scheinbar kontrolliert und intellektuell gefestigt - aufeinander los, doch es wird kein dröhnender Showdown. Maria tritt Elisabeth zur Seite, "liegt ihr in den Ohren", explodiert eindringlich, während Elisabeth sie keine Blickes würdigt, abschätzig lässig, arrogant die Rede an sich abperlen lässt. Beide bieten alles an Persönlichkeit auf - und beide scheitern letztlich doch. Ausweglos, trotz allen Einsatzes, Kraft und Eloquenz.

Susanne Wolffs Darstellung, zwischen überlegenem Selbstbewusstsein und schreiender Verzweiflung changierend, trifft emotional, während Paula Dombrowskis schleichende Hysterie für perfekten Psycho-Grusel sorgt. Wolff und Dombrowski liefern sich das klassische Duell, doch in dieser heißkalten Version gewinnen sie den Figuren etwas ab, das zutiefst und neu berührt: Allein sind sie, trotz aller männlichen Sekundanten, Gegner und Mitstreiter, und das kann man in dieser Inszenierung sehen, fühlen, erfahren.

Die männlichen Rollen sind ausnahmslos ebenso exzellent besetzt. Zwei ragen jedoch heraus: Peter Jordan gelingt es, als Burleigh selbst in heftigen Grenzsituationen noch so etwas wie bissige Komik zu erzeugen, und das kann er mit winzigen Handbewegungen, einem Zucken im Gesicht, einer Drehung des Körpers. Nicht weniger aufregend Werner Wölbern als zerrissener Elisabeth-Verliebter Leicester, der mit schneidender Sprache und panischen Bewegungen ein persönliches Scheitern anrührend erlebbar macht. Ein kaum gezügelter Vulkan. Großer Beifall am Schluss für alle Beteiligten - ein neuer Thalia-Hit ist geboren.