Performance-Künstlerin Marina Abramovic Nackter Schmerz

Sie rammte sich Messer in die Finger, wurde in Flammen ohnmächtig und saß 75 Tage lang auf einem Stuhl. Was Marina Abramovic heute über ihre kompromisslosen Performances denkt, verrät sie in ihrer Autobiografie.

Marina Abramovic ist der Fixstern der Performance-Kunst. Seit den Siebzigerjahren setzt sie ihren Körper extremen Situationen aus und ist damit zur Ikone geworden. Sie schrie, bis ihre Stimme weg war und tanzte, bis sie umfiel. Sie ritzte sich mit einer Rasierklinge in den Bauch, peitschte sich aus und lag nackt auf einem Eisblock. Noch quälender als diese Schmerzen aber waren wohl jene Aktionen, in denen sie lange Zeit bewegungslos dasaß. Etwa, als sie 75 Tage lang im New Yorker Museum of Modern Art auf einem Stuhl ausharrte, sieben Stunden täglich.

Abramovic ist ihren Zuschauern schon immer Rätsel und Faszinosum gewesen. Eine halbe Million Menschen kamen, um sie im MoMA regungslos sitzend zu beobachten, auch wenn die meisten nicht verstanden, was das alles sollte. Was will diese unbeirrbare Frau mit ihren Gewaltakten sagen? Geht es Abramovic vielleicht nur um Aufmerksamkeit? Wie hält sie das durch?

Zu ihrem 70. Geburtstag Ende November gibt Abramovic, 1946 in Belgrad geboren, nun Antworten. In ihrer Autobiografie "Durch Mauern gehen" schildert sie erstmalig umfassend, was sie sich bei ihren Körper-Experimenten gedacht hat: "Ich wollte die Grenzen erforschen, wollte wissen, wie weit das Publikum gehen würde."

Abramovic sprach mehr als 700 Stunden mit ihrem Ghostwriter, dem US-Autor James Kaplan, und ging dabei beeindruckend offen mit ihren Ideen und Gefühlen um. Viele Künstler reden nur ungern über ihre Arbeit, weil sie fürchten, ihre Werke könnten ohne den Nimbus des Rätselhaften trivial wirken. Vielleicht liegt es an Abramovics ausgeprägtem Selbstbewusstsein, dass sie sich geheimnislos und menschlich präsentieren kann. Ihre Großspurigkeit lässt ihre Rückschau zwar teilweise unkritisch erscheinen, gibt ihr aber auch die Möglichkeit zu einer Offenheit, die den Leser fesselt.

Abramovic schildert, wie nervös sie im Vorfeld ihrer ersten Performance-Arbeit "Rhythm 10" war, die sie als 26-Jährige in Edinburgh aufführte, wie sie mit Migräneanfällen kämpfte, kaum Luft bekam. Ihr Plan war, sich mit verschiedenen Messern zwischen die Finger der linken Hand zu stechen. "Wie beim Russischen Roulette geht es um Mut, Leichtsinn, Verzweiflung und Düsterkeit", so Abramovic: "Es war eine sehr ernste Sache und notwendig." Unfälle hatte sie mit eingeplant: Immer, wenn sie in ihre Hand stach, wechselte sie das Messer.

Körperliche Qualen sollten von nun an Grundbestandteil ihres Werkes sein. In einer ihrer ersten Nackt-Performances mit dem deutschen Künstler Ulay inszenierten sich die beiden als lebendes Pendel - sie rannten aufeinander zu, kollidierten und prallten voneinander ab. "Relation in Space" wurde 1976 auf der Biennale in Venedig aufgeführt. Die Zuschauer hörten, wie nacktes Fleisch auf nacktes Fleisch prallte. "Wir waren verliebt, und das Publikum spürte das genau", sagt Abramovic heute. "Aber natürlich wussten die Leute sonst nichts über unsere Beziehung, sodass jeder alles Mögliche auf uns projizieren konnte. (...) Ist das Ausdruck von Feindseligkeit? Von Liebe? Von Gnade? Als es vorbei war, waren wir völlig euphorisch."

1977 saß sich das Liebespaar auf der Kölner Kunstmesse gegenüber und ohrfeigte sich 20 Minuten lang. "Es wirkte persönlich, aber in Wirklichkeit hatte die Performance nichts mit unserer Beziehung zu tun. Es ging darum, den Körper als Musikinstrument zu benutzen", erklärt Abramovic die Performance "Light/Dark".

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Abramović, Marina

Durch Mauern gehen: Autobiografie

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 480
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Nach zwölf Jahren leidenschaftlicher, symbiotischer Beziehung mit Ulay trennte sich das Paar 1988 nach der Langzeitperformance "The Lovers - The Great Wall Walk". Zuvor waren Abramovic und Ulay 2500 Kilometer auf der Chinesischen Mauer aufeinander zugelaufen. Den Marsch, der zur Inszenierung einer Trennung geriet, hatte das Paar über Jahre hinweg in komplizierten Verhandlungen mit chinesischen Regierungsvertretern geplant, ursprünglich mit einem anderen Ziel: "Wir würden uns nicht einfach nur in der Mitte treffen, wir würden dort heiraten. Die Idee war großartig. Und unglaublich romantisch", erinnert sich Abramovic, die sich nicht scheut, ihre lange Trauer über das Ende der Beziehung zu schildern. "Alle Wärme war aus ihm gewichen. Wenig später erfuhr ich, dass er seine Dolmetscherin geschwängert hatte. Es hat mir das Herz gebrochen."

Abramovic war damals 40 Jahre alt und zog nach Amsterdam. "Ich fühlte mich fett, hässlich und ungeliebt", berichtet sie. Sie habe nicht gewusst, wie sie weitermachen solle, ihre Karriere aber hob ab. Auf der Biennale in Venedig schrubbte sie 1997 in "Balkan Baroque" vier Tage lang Rinderknochen. "Die Hitze war erdrückend, der Gestank unerträglich. (…...) Für mich war genau das die Essenz des Balkan-Wahnsinns." Die Zuschauer waren angewidert und hypnotisiert, Abramovic bekam den Goldenen Löwen als beste Künstlerin.

In den folgenden Jahren entwickelte sich ein enormer Rummel um die willensstarke Frau aus Serbien, der schließlich 2010 in ihrem dreimonatigen Sit-In "The Artist is Present" im MoMA gipfelte, der vielleicht spektakulärsten Museumsperformance der Kunstgeschichte. Die Besucher nahmen ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz und blickten Abramovic in die Augen. "Ich glaube, die Leute waren überrascht von dem Schmerz, der in ihnen hochkam", sagt Abramovic. Viele Besucher begannen zu weinen.

Immerhin erkennt Abramovic, dass der Hype um "The Artist is Present" sich damals verselbstständigte. Dass Lady Gaga kam, verbreitete sich sofort auf Twitter, woraufhin sich ein völlig neues Publikum im Museum einfand, "Leute, die womöglich noch nie in ihrem Leben ein Museum betreten hatten". Ebenso offen berichtet Abramovic darüber, dass sie, die Durchhaltekünstlerin, ihr großes Werk acht Minuten früher beenden musste als ursprünglich geplant.

Doch "wenn man einmal in den Raum der Performance eingetreten ist, muss man alles akzeptieren, was passiert", sagt sie. Das ist gewiss nicht einfach. Spannend aber in jedem Fall.