Ferda Ataman

Multikulti-Debatte Ein echter Bayer hat Migrationshintergrund

Die CSU zieht in den Kreuzzug gegen Multikulti. Dabei verleugnet die Partei die wahre Identität des Freistaats: Bayern war schon im Mittelalter ein Mekka der Vielfalt.
Markus Söder

Markus Söder

Foto: Joerg Koch/ Bayerische Staatskanzlei

Ich gebe es nur ungern zu, aber Markus Söder und ich haben Einiges gemeinsam. Wir lieben unsere fränkische Heimat. Wir sind beide stolz auf die größte Brauereiendichte der Welt, die beste Bratwurst, den schönsten Dialekt. Der Markus und ich - bei uns duzt man sich und stellt einen Artikel vor den Namen - also: der Markus und ich, wir stammen beide aus Nämberch* und sind dort aufs Gymnasium gegangen. Und als er vor ein paar Wochen zum Ministerpräsidenten gekürt wurde, dachte ich kurz: Yes! Wir sind Ministerpräsident!

In solchen Momenten bin ich Lokalpatriotin.

Doch dann fällt mir ein, dass der Markus und seine CSU nie wollten, dass ich aufs Gymnasium gehe. Zur bayerischen Kultur, von der der Markus jetzt dauernd schwafelt, gehört nicht nur Bier und zünftige Folklore. Tradition hat hier auch ein Schulwesen, das Migranten diskriminiert.

Als meine Mutter mich 1986 für die Grundschule anmelden wollte, drückte ihr die Lehrerin eine Broschüre in die Hand. "Lernen in Bayern - TR" stand darauf, ein Faltblatt auf Türkisch. Sie sagte uns, dass wir in der falschen Schlange stünden; in der für die Regelklasse, deren Zeugnisse in der Türkei nicht anerkannt würden. Sie empfahl uns, mich für die Türkenklasse anzumelden, in der anderen Warteschlange.

Das wissen viele gar nicht: Früher gab es in Bayern und anderen Bundesländern spezielle Ausländerklassen  für Italiener, Türken und Griechen - Unterricht in der Muttersprache, mit importierten Lehrern. Das Integrationskonzept der Achtzigerjahre lautete: Bereithalten zur Heimreise!

Meine Mutter lehnte dankend ab, musste ein paarmal beteuern, dass sie sich wirklich sicher sei, und fällte die vielleicht wichtigste Entscheidung meines Lebens. Ich lernte in der Regelklasse auf Deutsch.

Zu ehrlich, um Rassismus zu kaschieren

Vier Jahre später habe ich keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Nicht wegen der Noten, die waren gut genug, aber die Lehrerin fand, dass die weiterführende Schule eine zu große Belastung "für die Ferda" sei. Der pädagogische Gedanke dahinter: Ausländische Eltern könnten ihren Kindern nicht helfen.

Eine ganze Generation von Migrantenkindern wurde in Bayern entweder in die "Sonderschule" geschickt oder in Ausländerklassen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen erhielt niemand von uns eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Die Lokalpatriotin in mir könnte jetzt sagen: Wir Bayern sind halt ehrlich. Bei uns wird Rassismus nicht feige zwischen den Zeilen kaschiert. Hier wird klar kommuniziert: "Du, Ausländer, nix Gymnasium! Du später putzi putzi Klo!" Da weißt du wenigstens, woran du bist!

30 Jahre später darf man sich dann in Talkshows anhören, dass der Integrationswille der Gastarbeiter zu wünschen übrig lasse. So sind sie, die Ausländer! Nicht mal um die Schulbildung ihrer Kinder kümmern sie sich!

Jetzt will der Markus Migrantenkinder wieder in Sonderklassen  schicken. Da sollen sie - ganz unter sich - die deutsche Sprache lernen. Und unsere Werte. Zum Beispiel, dass wir in Deutschland keine Frauen begrapschen und Juden nicht beschimpfen.

Nicht nur in der Schule, auch sonst ist die Anti-Multikulti-Haltung der CSU legendär. Seit Jahren trommelt sich der Markus auf die Brust - erst als bayerischer Heimatminister, jetzt als Landesvater - und stellt klar, wer der Häuptling der Bajuwaren ist.

Der wahre Bayer hat Migrationshintergrund !

Das besondere Schmankerl im Wahlkampf: das nicht enden wollende Gerede von der bayerischen Tradition und Identität. Der Markus pflegt gern das Bild vom homogenen Bayern, in dessen Territorium ständig Migranten einfallen, vor denen er das Land aber zu beschützen weiß. Mit einem Kreuz, mit mehr Abschiebungen und einer eigenen Grenzpolizei .

Dabei verleugnen er und seine Partei die wahre Identität ihrer Landsleute. Denn historisch betrachtet ist Bayern das Multikulti-Land schlechthin. Schon immer gewesen. Erst vor wenigen Wochen haben Forscher herausgefunden : Der Stamm der Bajuwaren war eine pontisch-orientalische Mischpoke. Ein mittelalterlicher Meltingpot.

Archäologen haben Überreste von Frauen gefunden, die sich um 500 nach Christus im Land niederließen. Die mysteriösen Importbräute fand man beispielsweise in Regensburg, Altenerding und Straubing. Die Ladys stammten offenbar aus dem Schwarzmeerraum und kamen zu einer Zeit, als das weströmische Reich zerfiel. Die historisch nachweisbare Völkermischung fand also während eines gesellschaftlichen Umbruchs  statt. Bayern wurde nach und nach zum Mekka der Vielfalt, zum bajuwarischen Babylon, zum Orient im Okzident.

Halten wir also fest: Jeder Bayer hat einen Migrationshintergrund.

Dieser erschütternde Befund lädt dazu ein, vieles in einem neuen Licht zu betrachten. So lässt sich beispielsweise erklären, warum beim alljährlichen Oktoberfest der bayerische Junggeselle - nach ein paar Humpen Krawallbrause zu viel - schon mal vergisst, Frauen gegenüber eine Armlänge Abstand zu halten.

Oder warum der neue Ministerpräsident so ein Hitzkopf ist. Denn: Mal Hand aufs Herz, so awengala südländisch tut er scho ausschauen, der Markus.


*Nürnberg