"Die Hermannsschlacht" in Wien Im Wald der Lügenfressen

Es ist der erste große Regiestreich seiner Intendanz am Wiener Burgtheater: Martin Kusej inszeniert Heinrich von Kleists berüchtigtes Drama "Die Hermannsschlacht" - als zappendusteres Lehrstück über den Aufstieg eines Nazipopulisten.

Bibiana Beglau und Bardo Böhlefeld in der Wiener "Hermannsschlacht"
Matthias Horn/ Burgtheater

Bibiana Beglau und Bardo Böhlefeld in der Wiener "Hermannsschlacht"

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Was wusste der am 21. November 1811 am Berliner Wannsee freiwillig aus dem Leben geschiedene Dramatiker Heinrich von Kleist von Joseph Goebbels? Offenbar eine Menge: Im Wiener Burgtheater sieht man den Schauspieler Markus Scheumann hager und schmallippig durch eine Landschaft aus Beton-Tetrapoden stolzieren, die an die Westwall-Befestigungen der Nazis erinnert, und seine Stimme schnarrt und schmeichelt nach Art von Hitlers Propagandaminister.

Scheumann schnauzt, dass von Stund an kein fremdes Blut auf deutschem Boden mehr zu dulden sei. Er säuselt vom "Schwert der Rache" und germanischer Kampfeszucht. Und als er einmal eine besonders scheußliche Grimasse zieht, verkündet er: "Hass ist mein Amt".

Es geht um den Kampf des deutschen Cheruskerfürsten Hermann (Scheumann) gegen den römischen Feldherrn Varus (Falk Rockstroh) vor fast genau zweitausend Jahren am Rand des Teutoburger Walds in Kleists bluttriefendem Theaterstück "Die Hermannsschlacht". Der Regisseur Martin Kusej, nun schon einige Monate neuer Intendant des Wiener Burgtheaters, macht daraus in seiner ersten großen Regiearbeit am eigenen Haus die Gruselstory eines gleichsam modernen Hetzers.

Sein Hermann ist halb Nazi und halb Neonazi und trägt ein schwarzes Fechterwams auf der asketisch mageren Heldenbrust. Die eigenen Truppen lässt Hermann, vor uneingestandener schwuler Begierde japsend, erst nackt und muskelrollend im Betonwall paradieren und schickt sie dann in schicken senfgelben Mänteln in die Schlacht (Kostüme: Alan Hranitelj). Die wenigen Frauen im Gelände, Gattin Thusnelda (Bibiana Beglau) und deren Dienerin Gertrud (Sabine Haupt), kommandiert er mit Hundehaltergesten in Gehorsamsposen und blickt angewidert auf geschminkte Lippen und kunstvoll frisierte blonde Haare.

Markus Scheumann als Hermann in Kusejs Kleist-Inszenierung
Matthias Horn/ Burgtheater

Markus Scheumann als Hermann in Kusejs Kleist-Inszenierung

Ungehemmtes Vergnügen bereitet diesem giftigen und giftzerfressenen Helden nur das Verbreiten dreister Greuelmärchen. So lässt dieser Hermann eine junge Cheruskerfrau von Germanen in Römeruniformen schänden (was dem Zuschauer zum Glück nur berichtet wird) und sieht feixend zu, wie die Vergewaltigte von ihrem Vater in einem Ehrenmord gemeuchelt wird (für Kusejs Verhältnisse geschieht es dezent halb verborgen unter einer Kutte). Dann sorgt Hermann für die Zerstückelung des Leichnams. "Teil ihren Leib und schick mit fünfzehn Boten/ den fünfzehn Stammen ihn Germaniens zu", befiehlt er. Worauf fünfzehn Krieger mit fünfzehn Plastikbeuteln voller blutiger Fleischfetzen auf die Burgtheaterbühne marschieren - so stachelt der Volksverhetzer Hermann seine bis dahin großteils freundlich mit den Römern fraternisierenden Brudervölker zum Abschlachten der Fremden an.

Das Gemetzel vollzieht sich zumeist halbwegs diskret

"Die Hermannsschlacht" ist ein furchtbares Stück. Kleist verfasste es 1808 als Hetzschrift gegen den damals über halb Europa herrschenden Feldherrn Napoleon, lange wollte kein Theater das Patriotenmachwerk aufführen. Die Nationalsozialisten dagegen liebten das Drama, in dem heroische Germanen fortwährend "Empörung!" und "Freiheit!" brüllen. Nach 1945 war das Stück lange im Giftschrank.

Claus Peymann zeigte es in den Achtzigerjahren in Bochum und dann in Wien als aufklärerische Verhohnepielung. Hermann und seine Gefährten waren bei ihm deutsche Asterixe und Obelixe im Aufruhr gegen kunstvoll hinter Eisenschilden herumhüpfenden Römerlegionären. 2010 versuchte sich der Regisseur Armin Petras in den Münchner Kammerspielen an einer spielerischen Aufarbeitung des Stoffs und bekam eher durchwachsene Kritiken, ähnlich erging es erst vor ein paar Wochen dem Regisseur Dusan David Parizek mit einer Leipziger "Hermannsschlacht"-Inszenierung.

Markus Scheumann (Hermann) und Bibiana Beglau (Thusnelda) am Burgtheater
Matthias Horn/ Burgtheater

Markus Scheumann (Hermann) und Bibiana Beglau (Thusnelda) am Burgtheater

In Wien brettert der Regisseur Kusej, sowieso als Kraftmensch berühmt und ein bisschen berüchtigt, die Attacke der deutschnationalen Lügenfressen als zappendusteres Greuelstück hin. Im Halbdunkel wabert fortwährend Nebel über Martin Zehetgrubers grandios pathetische Betonpollerbühne, in der manchmal ein Kinderkarussell herumsteht. Gleich zu Beginn sieht man Beglaus blonde Thusnelda mit ihrem trickreich aufgerissenen römischen Loverboy Ventidius (Bardo Böhlefeld) auf einem toten Auerochsen thronen und schmatzend das rohe Fleisch des Tiers verputzen. Ansonsten aber vollzieht sich das Gemetzel an Tier und Mensch halbwegs diskret. Lange sprechen die Menschen auf der Bühne so leise, dass sich im Premierenpublikum Unmut regt.

Verschärfung ist die Devise

Der Regisseur aber konzentriert sich weniger auf Kleist Worte als auf die Verführungskunst seines Ekelhelden Hermann. Er ist ein Hassbürger, der flüsternd, raunend, zunächst sogar die Römerwelt bezirzend, die Umsetzung seiner Wahnidee von deutscher Reinheit zum Ziel der eigenen Existenz verklärt. Grinsend setzt er Fake News in die Welt, die Verletzung aller Anstandsregeln ist sein höhnisch exerziertes Prinzip. Als er einem unbewaffneten Gefangenen die Gurgel durchschneiden lässt, juxt er: "Du weißt, was Recht ist, du verfluchter Bube?"

Natürlich ist Kusejs Inszenierung betont unsubtil, aber das ist Kleists Stück auch. Es gehe dem Helden um die "populistische Verbreitung von Aggression", heißt es im Programmheft. Tatsächlich ist nicht Abmilderung, sondern Verschärfung auch die Devise des Regisseurs. Das macht die Aufführung zu einem Lehrstück, immerhin mit oft bombastisch schönen Bildern.

Den Römerfeldherrn Varus spielt Falk Rockstroh als graulockigen, müden, vom Verrat schockierten Last Man Standing der Zivilisation, der in der zweiten Hälfte des Dreistundenabends auch mal laut wehklagen darf über die Barbarei seiner Gegner. Die deutschen Fürsten in Hermanns Gefolge sind geile, vergnügungssüchtige Opportunisten. Und damit ja jeder kapiert, dass es diese Sorte von Anführer heute noch gibt, dürfen sie im Finale des Stücks Burschenschaftlerkäppis tragen, wie es einige realen Rechtsnationale in Österreichs gegenwärtiger Politik mitunter tun.

Kusejs "Hermannsschlacht" will keine brillante, schillernde Unterhaltung sein, sondern eine Demonstration, eine Klarstellung des eigenen politischen und künstlerischen Standpunkts. Dafür gibt es am Ende ein paar wenige Buhs und viel freundlichen Applaus.


"Die Hermannsschlacht": Burgtheater Wien, nächste Vorstellungen am 30.11. sowie 1., 7. und 25.12., burgtheater.at

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hw.degen 29.11.2019
1. So ein Nazi dieser Kleist
Sich gegen Überfälle anderer Länder wehren geht ja garnicht, Und die Bevölkerung durch harte, zuspitzende, den gegner verächtlich machende Sprache zum Kampf gegen die Besatzungsmacht aufzustacheln die ja in einem Frieden ohne erklärten Krieg einmarschierte, ist ein NoGo. Die bösen Alliierten die gegen Hitler eine ähnliche Sprache führten sind ab sofort Nazis der übelsten Art.
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